Die Zuwanderung von Extremisten kann politische Entwicklungen in einem Gebiet über Generationen beeinflussen, zeigen Forscher des deutschen ifo Instituts für Wirtschaftsforschung in einer Studie, die heute Fachblatt "The Economic Journal" erschienen ist. Als Beispiel dient Oberösterreich, wo die Flucht von Ex-Nazis aus der Sowjetzone 1945 bis heute in Wahlergebnissen nachwirkt.

Die Geschichte radikaler Ideologen, die in andere Länder loszogen, um ihre politischen Ansichten zu verbreiten, reicht vom Anarchisten Michail Bakunin über den Revolutionsführer Che Guevara bis zu den Dschihadisten der Gegenwart. Regierungen reagieren auf solchen Aktivitäten nicht erst heute mit Einreiseverboten oder strenger Überwachung. Die Studienautoren Christian Ochsner und Felix Rösel von der Dresdner Niederlassung des ifo Instituts nennen historische Beispiele von Karl Marx bis zu den "Internationalen Brigaden" nach dem Spanischen Bürgerkrieg. In ihrer Studie zeigen sie nun anhand eines "natürlichen Experiments" am Beispiel Oberösterreich, wie die Zuwanderung von Extremisten zur Verbreitung extremer politischer Strömungen beitragen kann.

Im Juli und August 1945 waren vor allem frühere Nationalsozialisten aus Angst vor einer strengeren Bestrafung aus der Sowjet-Besatzungszone nördlich der Donau in die US-Besatzungszone geflohen. Die Folge: Die sonst historisch, kulturell, politisch und wirtschaftlich einheitliche Region war plötzlich geteilt in Zonen mit einem geringen (Sowjetzone) und einem hohen Anteil an früheren NSDAP-Angehörigen und NS-Funktionären (US-Zone). So kamen 1947 auf 1.000 Einwohner in der Sowjet-Zone 56,7 registrierte Nationalsozialisten, davon 9,4 "Überzeugungstäter" ("Belastete"). In der US-Zone waren es hingegen 86,6 Ex-Nazis und 26,4 "Belastete" pro 1.000 Einwohner.

Mehr Ex-Nazis, mehr Rechtswähler

Die Auswirkungen sind bis heute an den Wahlergebnissen ablesbar: Dort, wo sich die Ex-Nazis angesiedelt haben, gibt es noch immer deutlich mehr Rechtswähler. Das liegt laut den Autoren zum Teil an deren Engagement in lokalen Institutionen: Die zugewanderten Nazis hatten sich in ihrer neuen Heimat in den Ortsgruppen des Verband der Unabhängigen (VdU), der als Auffangbecken für ehemalige Nationalsozialisten galt und aus dem 1956 die FPÖ hervorgegangen ist, engagiert oder diese überhaupt neu gegründet. So konnten sie ihren Einfluss deutlich vergrößern. Die Forscher zeigen, dass dort, wo Ex-Nazis zugewandert sind, 1,3 bis 2,5 mal so viele Menschen die FPÖ wählen.

Gleichzeitig konnten die ehemals geflüchteten Nazis ihre Ideologie in der Familie über mindestens drei bis vier Generationen weitergeben, wie die Autoren am Vergleich der Namen von Gemeinderatswahl-Kandidaten der FPÖ mit der Verteilung der Namen im Reichstelefonbuch von 1942 zeigen. Durch aktives Engagement in der Lokalpolitik konnten sie ihre Ideologie weiterverbreiten. Die lokalen Parteien wirken dabei auch als eine Art "Zeitkapsel", in der extrem rechte Ideologien kultiviert werden konnten, auch wenn in der FPÖ in den 1970ern und 1980ern zwischenzeitlich liberalere Strömungen tonangebend waren.

Die Studienautoren schließen aus ihren Ergebnissen, dass zugewanderte Extremisten in der Lage scheinen, ihre Ideologien in der lokalen Bevölkerung zu verbreiten und die Gesellschaften an ihren neuen Wohnorten zu einem großen Teil zu beeinflussen. Außerdem sind zugewanderte Extremisten in der Lage, über ihr Engagement in lokalen Institutionen die lokale Bevölkerung zu beeinflussen. Mit diesem Wissen sei es durchaus sinnvoll, wenn Staaten die Infiltration der Gesellschaft mit extremistischen Ideologien - etwa durch Dschihadisten, die aus dem "Islamischen Staat" zurückkehren - zu verhindern suchen.

Demokratie verbreitet sich ebenso

Die gute Nachricht ist, dass liberale und demokratische Werte sich auf ähnliche Weise verbreiten", wird Rösel in einer Aussendung zur Studie zitiert. "Populismus ist nicht ansteckender als andere politische Ideen", verweist er auf die Verbreitung liberaler Ideen in den USA durch deutsche Auswanderer nach der gescheiterten bürgerlichen Revolution von 1848. (apa)