Hätte die Krise verhindert werden können? Oder hätte sie zumindest eingedämmt werden können? Einige Experten glauben: ja.

Es dauerte wertvolle Tage, Wochen und Monate, bis bekannt wurde, dass das Coronavirus von Mensch zu Mensch übertragen werden kann und hochinfektiös ist. Anfang Dezember 2019, vielleicht schon im November, traten in der chinesischen Metropole Wuhan erste Fälle einer bis dahin unbekannten Lungenerkrankung auf. Erst am 31. Dezember wurden die Fälle aus China offiziell an die Weltgesundheitsorganisation WHO gemeldet.

Einen Monat später erklärte diese eine "gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite". Damit waren aber nur Empfehlungen an Staaten verbunden, um die Ausbreitung über Grenzen hinweg möglichst einzudämmen. Der Schritt sei nicht als Misstrauensvotum gegen China zu verstehen, betonte damals die WHO-Spitze.

Eineinhalb Monate später, am 11. März, stufte die WHO Corona als Pandemie ein. Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus handelte sich damals aber viel Kritik ein, weil er gleichzeitig auch China für dessen Anstrengungen und Transparenz in dieser Sache lobte. Das wurde nämlich von einigen Experten bezweifelt.

Bürokratie und Diplomatie dürften hier einer schnellen Erfassung der Situation im Weg gestanden haben, glauben Gesundheitsexperten. Die Zusammenarbeit der Länder mit der WHO kann etwa nicht erzwungen werden. Und je diplomatischer sich die WHO gegenüber den Ländern zeigt, desto eher sind diese bereit, Informationen zu teilen.

Doch dass Daten in riesigen autokratischen Staaten nicht immer auf dem schnellsten Weg fließen, steht auf einem anderen Blatt. Einerseits sollen die Behörden in Wuhan nicht daran interessiert gewesen zu sein, Peking auf dem schnellstmöglichen Weg von dem Ausbruch der neuen Krankheit in Kenntnis zu setzen. Andererseits scheiterte das Frühwarnsystem auch an Kleinigkeiten, wie der Tatsache, dass die Mediziner in Wuhan dank der Neuartigkeit des Virus nicht wussten, wo sie die Krankheit im rigiden System eintragen sollten.

Zur Hälfte in Europa

Am Donnerstag gab es inzwischen weltweit mehr als 1 Million Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert waren. Mehr als 51.000 Personen sind bereits an dem Virus gestorben.

Während der am stärksten betroffene Kontinent derzeit Europa ist, mit rund der Hälfte aller Infizierten und rund 35.000 Toten, so treiben gerade die USA die Entwicklung der Ansteckungskurve nach oben.

Dort gibt es mit Abstand die meisten Corona-Positiven in einem Land. Mehr als 234.000 Personen waren es bis Donnerstagabend laut dem weltweiten Monitor der Johns-Hopkins-Universität. Weiterhin sind die Zuwachsraten der Infizierten enorm: Am Freitag vergangener Woche wurden in den USA 100.000 Corona-Fälle gezählt, binnen fünf Tagen verdoppelte sich der Wert. Bei der Anzahl der Toten wurde am Donnerstag in den USA die Marke von 5000 Personen überschritten. Binnen 24 Stunden kamen 884 Personen ums Leben - ein neuer Rekordanstieg. Nur in Italien und Spanien gibt es noch mehr Tote.

Spenden statt Staatshilfe

Das US-Zentrum der Epidemie sind weiterhin der Bundesstaat New York sowie die gleichnamige Metropole mit weit mehr als der Hälfte aller landesweiten Fälle. Mittlerweile müssen Krankenhäuser auf Lkw-Kühlanhänger zurückgreifen, um Leichen zu lagern. Andrew Cuomo, Gouverneur des Bundesstaats und unablässiger Warner in den vergangenen Wochen, kündigte nun auch die Schließung von Spielplätzen an. Parks dürfen jedoch weiter offen bleiben.

Allen Horrormeldungen zum Trotz hält sich insbesondere am rechten Rand in den USA die Meinung, die Krise werde übertrieben. Befeuert hat die Einstellung auch der Medienkonzern Fox, das bevorzugte TV-Netzwerk von Donald Trump. Wie der Präsident machte Fox eine Kehrtwende, vor allem online haben die Verschwörungstheoretiker jedoch weiter Hochkonjunktur. Eines ihrer liebsten Opfer ist Regierungsberater Anthony Fauci, der dem Präsidenten öffentlich widerspricht. Der Direktor des Nationalen Instituts für Infektionskrankheiten erhalte zunehmend Morddrohungen, berichtete CNN, und müsse rund um die Uhr bewacht werden.

Während die dramatische Lage in den Vereinigten Staaten im Zentrum der weltweiten Aufmerksamkeit steht, entwickelt sich die Türkei immer mehr zum Corona-Krisengebiet. Die absoluten Zahlen sind noch vergleichsweise gering - etwas mehr als 15.000 Infizierte und knapp 300 Tote -, aber die Corona-Fälle haben sich binnen einer Woche ungefähr versiebenfacht.

Wie in Washington wurde in Ankara die Gefahr erst heruntergespielt, bisher gilt lediglich eine Ausgangssperre für Personen über 65 Jahren. Präsident Recep Tayyip Erdogan höchstselbst bremste die geplanten Maßnahmen der Gesundheitsministerin ein, aus Furcht, die ohnehin angeschlagene Wirtschaft könnte endgültig abstürzen. Anstatt wie in anderen Ländern die Betriebe und Bürger mit Staatshilfen zu stützen, fordert Erdogan die Türken auf, für Arbeitslose zu spenden - die sich nun fragen können, wozu sie Steuern zahlen. (da/wak)