Daegu/Wien. In den südkoreanischen Statistiken taucht sie als Patientin 31 auf - und sie hat es auch schon zu einiger Berühmtheit gebracht. Die 61-jährige Frau besuchte Anfang Februar zwei Messen einer christlichen Sekte in der Millionenstadt Daegu. Kurz darauf wurde sie positiv auf Covid-19 getestet. Nachfolgende Untersuchungen ergaben, dass die Frau mindestens 43 weitere Personen angesteckt hatte. Daegu wurde damit der Hotspot der Corona-Pandemie in Südkorea.

Die Messen der Sekte waren ein sogenanntes Superspreader-Event. Gewisse Voraussetzungen steigern laut Wissenschaftern die Wahrscheinlichkeit, dass eine oder mehrere infizierte Personen mehrere Menschen anstecken: wenn viele Menschen in einem geschlossenen Raum zusammenkommen, der vielleicht auch noch nur schwer gelüftet werden kann. Wenn die Anwesenden eng beieinander stehen oder gar in körperlichen Kontakt zueinander treten. Je länger eine infizierte Person sich bei so einer Veranstaltung aufhält, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie durch Sprechen, Husten, Niesen oder Singen andere ansteckt.

Deshalb gingen weltweit viele Infektionsketten von Bars - Stichwort Ischgl -, Partys, Gottesdiensten oder auch Chorproben aus. Die Nachrichtenseite "Business Insider", die Superspreader-Events in den USA nachgegangen ist, listet unter anderem auf: eine Geburtstagsparty in Connecticut, bei der sich von 40 Personen 20 infiziert haben; eine Chorprobe im Bundesstaat Washington, nach der von 61 Teilnehmern 53 Corona-infiziert waren.

Aber auch Großveranstaltungen im Freien stehen zumindest im Verdacht, zu einer massiven Ausbreitung des Virus beigetragen zu haben. So schätzt die Datenanalysefirma Edge Health, dass 41 Todesfälle mit dem Fußballmatch FC Liverpool - Atletico Madrid in Verbindung stehen. Das Champions-League-Match war am 11. März vor 52.000 Zuschauern ausgetragen worden.

Streit um Frauendemo

Auch das Match zwischen Atalanta Bergamo und FC Valencia könnte laut Virologen ein Superspreader-Event gewesen sein. Es fand am 19. Februar vor mehr als 40.000 Zuschauern in Mailand statt, die Lombardei war die am heftigsten vom Coronavirus betroffene Region Italiens. Jedoch ist unmöglich festzustellen, wie viele Ansteckungen es bei den Matches überhaupt gab und ob sich die Menschen im Stadion oder rund ums Spiel in Zügen und Bars angesteckt haben. Klar ist: Es gab damals noch viel weniger Bewusstsein über die Gefahr von Corona, Mundschutz war in Europa noch kaum gesehen.

Das gilt auch für die Großdemonstrationen am Frauentag in Spanien am 8. März. Allein in Madrid kamen damals rund 120.000 Menschen zusammen, danach stiegen die Neuinfektionen stark an. Auch drei Ministerinnen und die Ehefrau von Premier Pedro Sanchez, die alle an der Demonstration teilgenommen hatten, wurden positiv getestet. Um die Demos hat sich bereits ein heftiger Politstreit entbrannt, Spaniens Rechte wirft der Linksregierung vor, dass sie mit dem Zulassen der Kundgebungen die Ausbreitung des Virus angeheizt habe.

Ob und inwieweit auch die Massendemonstrationen der Black-Live-Matters-Bewegung in ganz Europa Auswirkungen auf die Pandemie-Situation haben, wird sich erst weisen - wenn sich das jemals feststellen lässt. Jedenfalls haben sie aber schon in vielen Ländern neben der politischen Debatte über Rassismus auch die Diskussion über Corona-Risiken bei Großveranstaltungen und den Bezug zu den Grundrechten neu angefacht.(klh)