Der Schuldspruch gegen den russischen Starregisseur Kirill Serebrennikow am Freitag hat in Russland und darüber hinaus breites Entsetzen ausgelöst. In Moskau zeigten sich Hunderte Menschen vor dem Gerichtssaal tief betroffen, es flossen Tränen, als Richterin Olessja Mendelejewa am Freitag das Urteil verkündete. Das Strafmaß war auch Stunden nach dem Schuldspruch unklar.

Der Starregisseur übt in seinen Filmen und Theateraufführungen immer wieder auch Gesellschaftskritik. Serebrennikow hatte in seinem Schlusswort am Montag seine Unschuld beteuert und hervorgehoben, dass in dem Verfahren keine Beweise vorgelegt worden seien. Zugleich räumte er ein, dass die Buchhaltung seines Theaters schrecklich organisiert gewesen sei. Er verstehe aber nichts von Buchhaltung und Finanzen, sagte er. Deshalb gebe es Experten dafür. Eine Buchhalterin hatte Serebrennikow belastet. Ihr Fall wird in einem getrennten Verfahren behandelt.

Spektakel: Vor dem Gerichtsgebäude warteten die Menschen gespannt auf das Urteil. - © APAweb / AFP
Spektakel: Vor dem Gerichtsgebäude warteten die Menschen gespannt auf das Urteil. - © APAweb / AFP

Mit Serebrennikow standen auch seine Kollegen Sofja Apfelbaum und Alexej Malobrodski sowie Juri Itin vor Gericht. Die Ermittlungen gegen das Team liefen seit Sommer 2017. Im vergangenen Jahr kam Russlands bekanntester Filme- und Theatermacher nach mehr als eineinhalb Jahren im Hausarrest mit Einschränkungen auf freien Fuß.

Es wäre die Gruppe für einen "kriminellen Plan" gegründet worden

Die Richterin warf dem 50-jährigen Künstler vor, eine Gruppe für einen kriminellen Plan gegründet zu haben. Die Gruppe habe rund 129 Millionen Rubel (1,6 Millionen Euro) an staatlichen Fördergeldern unterschlagen.

Beobachter des Verfahrens kritisierten, dass keine Beweise vorgelegt wurden. Es handle sich um einen Schauprozess gegen die liberale Kulturszene in Russland, hieß es.

Die Richterin verlas das Urteil leise, schnell und mit monotoner Stimme, legte am späten Vormittag auch eine Pause ein. Kremlsprecher Dmitri Peskow sagte der Agentur Interfax zufolge, dass der Fall analysiert werden müsse - auch mit Blick auf staatliche Finanzierung der Kultur.

Der prominente Rapper Oxxxymiron (Oksimiron) rief seine zwei Millionen Follower bei Instagram auf, zum Gerichtsgebäude zu kommen, um gegen inszenierte Strafverfahren in Russland zu demonstrieren. Auch die deutsche Theaterszene protestierte gegen die Verurteilung Serebrennikows, der unter anderem für Bühnen in Berlin, Stuttgart und Hamburg gearbeitet hatte. Auch an der Wiener Staatsoper soll der Regisseur im April 2021 Wagners "Parsifal" inszenieren.

"Echter Hass" gegen Serebrennikow

Deutsche Theaterschaffende forderten am Freitag bei einer Demonstration vor der russischen Botschaft in Berlin seine Freilassung. Wie die Dramaturgin Birgit Lengers schilderte, wurde vergeblich versucht, dem Botschafter eine Unterstützerliste mit 56.000 Unterschriften zu überreichen. Bei dem Protest seien schätzungsweise 120 Menschen gewesen, so Lengers, die den internationalen Bereich des Deutschen Theaters Berlin leitet.

Russland erlebe gerade die "Wiedergeburt einer stalinistischen Repressionsmaschine", sagte unterdessen die prominente Kulturexpertin Irina Prochorowa im Radiosender Echo Moskwy. Der Philosoph Leonid Gosman sprach von einem "echten Hass" des Machtapparats gegen Serebrennikow. "Das ist ein Regime, das gegen alles Lebendige, gegen alles Talentierte ist", sagte er in einer Videoschalte der Internetplattform des Radiosenders. (apa,dpa)