Dutzende Tote und tausende Verletzte, brennende Schiffe und Lagerhallen, verwüstete Gebäude und Straßen: Zwei gewaltige Explosionen im Hafen von Beirut haben immense Zerstörungen angerichtet. Die vorläufige Zahl der Opfer in der libanesischen Hauptstadt gaben die Behörden in der Nacht zum Mittwoch mit 78 an. Mindestens 4000 weitere Menschen wurden verletzt. Die Ursache der Explosionen war noch unklar. Das Rote Kreuz beziffert die Anzahl der Todesopfer indessen mit mindestens hundert. Diese dürfte noch deutlich steigen, da weitere Leichen unter den Trümmern vermutet wurden.

Das Rote Kreuz richtete nach eigenen Angaben gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium Leichenhallen ein, weil die Krankenhäuser überfüllt seien.

Die Armee half, Verletzte in Krankenhäuser zu bringen. Bürger wurden aufgerufen, Blut zu spenden.

Die Regierung rief zu Mittag einen zweiwöchigen Ausnahmezustand für die Hauptstadt aus. Damit wurde die Verantwortung für die Sicherheit in der Stadt mit sofortiger Wirkung der Armee übertragen.

Im Internet kursierten Fotos von zerstörten Fenstern an Wohnhäusern und Trümmern auf den Straßen. Dutzende Autos wurden beschädigt. Ein Polizist sagte, die Schäden erstreckten sich kilometerweit. Kurz nach der Explosion fielen Telefon und Internet in der Stadt aus. "Wir saßen in unserem Wohnzimmer, und plötzlich fielen uns die Wand und Glas auf den Kopf", sagte ein Anrainer namens Rumi. Große Teile des Hafens, der wenige Kilometer von der Innenstadt Beiruts entfernt liegt, wurden durch die Explosion zerstört, Schäden an Gebäuden sind fast in der Hälfte Beiruts zu sehen, berichten die Behörden. Viele Häuser gelten als einsturzgefährdet. Bis zu 300.000 Bewohner sind durch die Zerstörungen obdachlos geworden.

Die finanzielle Höhe der Schäden schätzt Gouverneur Marwan Abud auf insgesamt drei bis fünf Milliarden Dollar. 

"Es sieht aus wie in einem Kriegsgebiet. Ich bin sprachlos", fasste der Bürgermeister von Beirut, Jamal Itani, die Lage zusammen nachdem er sich am Mittwoch ein Bild von den Folgen der Explosion gemacht hatte. "Das ist eine Katastrophe für Beirut und den Libanon."

Aus Lager für Feuerwerkskörper?

Laut Ministerpräsident Hassan Diab waren 2750 Tonnen Ammoniumnitrat detoniert. Das Material sei seit sechs Jahren ohne Vorsichtsmaßnahmen in einem Lagerhaus untergebracht gewesen. Weshalb es explodierte, war ungewiss. Ammoniumnitrat kann zur Herstellung von Sprengstoff verwendet werden.

Die Regierung forderte nach der Ausrufung des Ausnahmezustandes das Militär auf, alle Personen, die für die Lagerung des hochexplosiven Materials verantwortlich seien, unter Hausarrest zu stellen. Der Auslöser der Explosion war zunächst unbekannt.   

Berichten zufolge ereignete sich die Explosion in einem Lager für Feuerwerkskörper. - © APAweb / AFP
Berichten zufolge ereignete sich die Explosion in einem Lager für Feuerwerkskörper. - © APAweb / AFP

US-Präsident Donald Trump sprach von einem "furchtbaren Angriff" mit einer "Art von Bombe". Er berief sich dabei auf Angaben von US-Generälen. Weder vom Pentagon noch den libanesischen Behörden kamen jedoch irgendwelche öffentlichen Hinweise darauf, dass es sich möglicherweise um einen Anschlag gehandelt haben könnte.

Große Teile des Hafens und der umliegenden Stadtgebiete wurden verwüstet. Auf Bildern waren unter Trümmern eingeklemmte Menschen zu sehen, viele von ihnen blutüberströmt. Die Krankenhäuser seien mit den vielen Verletzten komplett überlastet, sagte Gesundheitsminister Hamad Hassan beim Besuch eines Hospitals. "Es ist eine Katastrophe im wahrsten Sinne des Wortes." Der Oberste Verteidigungsrat des Landes erklärte die Stadt zur "Katastrophenzone".

Österreichische und deutsche Botschaft beschädigt

Von den zwei gewaltige Explosionen im Hafen ist auch die österreichische Botschaft betroffen: "Das Botschaftsgebäude in Achrafieh wurde beschädigt und es steht derzeit nicht fest, ob die Botschaft als Büro in den nächsten Tagen funktionsfähig sein kann", schreibt die Auslandsvertretung auf ihrer Facebook-Seite.

Die Botschaft sei aber rund um die Uhr über eine Notfall-Telefonnummer erreichbar, wird betont: "Bitte kontaktieren Sie, falls Sie Angehörige suchen oder Ihnen bekannt geworden ist, dass österreichische Staatsbürger durch diese Katastrophe in Beirut verletzt sind oder Hilfe benötigen, die Botschaft telefonisch unter folgenden Nummern: +961 1 213 052 oder +961 1 213 017. Sie hören dort auf einer deutschsprachigen Banddurchsage die Mobil-Nummer, welche Sie in dringenden Notfällen wählen können. Diese Notfall-Telefonnummer der Österreichischen Botschaft Beirut ist permanent erreichbar."

Auch das Gebäude, in dem sich die deutsche Botschaft befindet, wurde nach Angaben des Auswärtigen Amts in Berlin beschädigt. Angesichts der starken Schäden im Stadtgebiet schloss das Ministerium nicht aus, dass weitere deutsche Staatsangehörige unter den Todesopfern und Verletzten sein könnten.
Auch eine Kriche wurde zerstört. - © APAweb / Reuters / Aziz Taher
Auch eine Kriche wurde zerstört. - © APAweb / Reuters / Aziz Taher

Beschädigt wurde auch ein Schiff der Vereinten Nationen: Blauhelmsoldaten der UN-Mission im Libanon (Unifil) seien verletzt worden, einige von ihnen schwer, hieß es in einer UN-Erklärung. Die verletzten Seeleute wurden demnach in umliegende Krankenhäuser gebracht. Zur Nationalität der Opfer machte die UNO zunächst keine Angaben.

Im Hafen waren Container verbogen wie Konservendosen, ihr Inhalt auf dem Boden zerstreut. Schiffe standen in Flammen, Autos brannten aus. In den umliegenden Straßenzügen wurden Fensterscheiben und Schaufenster zertrümmert. Über der gesamten Hafengegend lag eine riesige Rauchwolke.

Noch Stunden nach den Explosionen kreisten Hubschrauber über der Gegend, um gegen die Flammen anzukämpfen. Die Detonationen waren im gesamten Land zu hören gewesen - und auch im 240 Kilometer entfernten Nikosia auf der Mittelmeerinsel Zypern.

"Alle Gebäude hier in der Gegend sind eingestürzt", berichtete Makruhie Jerganian, die seit Jahrzehnten nahe des Hafens wohnt. "Ich habe vieles erlebt, aber so etwas noch nie", sagte die pensionierte Lehrerin, die auch den Bürgerkrieg von 1975 bis 1990 in dem arabischen Land miterlebte.

Regierungschef Diab kündigte an, die Verantwortlichen "zur Rechenschaft" zu ziehen. In einer Fernsehansprache bat er alle befreundeten Staaten um Hilfe. Bundespräsident Alexander Van der Bellen zeigte sich betroffen von der Explosion in Beirut und erklärte via Twitter, "unsere Gedanken sind bei den Menschen im Libanon, bei den Verletzten und den Familien der Opfer". Hilfszusagen kamen aus aller Welt, darunter auch von Israel und dem Iran. Auch viele europäische Staaten sagten Unterstützung zu, und die erste Hilfe ist auch schon angelaufen. Wie der Elysee-Palast in Paris mitteilte, sollen bereits am Mittwochnachmittag zwei Flugzeuge der französischen Armee mit tonnenweise medizinischer Ausrüstung und einer mobilen Krankenstation an Bord in der libanesischen Hauptstadt eintreffen. Auch Tschechien schickt ein Hilfsteam in den Libanon. Die Spezialeinheit der Feuerwehr werde am Nachmittag abfliegen, teilte Innenminister Jan Hamacek am Mittwoch bei Twitter mit. Das Team ist auf die Bergung von Verschütteten spezialisiert. Dabei sind fünf Suchhundeführer mit ihren Tieren sowie mehr als 30 weitere Einsatzkräfte.

Der Libanon befindet sich seit Jahren in einer Abwärtsspirale: Das Land leidet unter einer schweren Wirtschaftskrise, fast die Hälfte der Bevölkerung lebt in Armut. Die Krise wurde in den vergangenen Monaten durch die Corona-Pandemie verschlimmert.

Urteil zu Hariri-Mord am Freitag

Wenige Kilometer vom Ort der Explosion entfernt waren 2005 der damalige libanesische Ministerpräsident Rafik Hariri und 21 weitere Menschen bei einem Sprengstoffanschlag getötet worden. Die Residenz seines Sohnes, des früheren Ministerpräsidenten Saad Hariri, wurde bei der Explosion am Dienstag beschädigt.

An diesem Freitag will das UN-Libanon-Sondertribunal in Den Haag sein Urteil gegen vier Angeklagte in dem Fall von 2005 verkünden. Viele Menschen im Libanon machen die Führung des Nachbarlandes Syrien für den Anschlag auf Hariri verantwortlich. Er hatte vor seinem Tod den Abzug der damals im Libanon stationierten syrischen Truppen verlangt.

Regierungschef Hassan Diab erklärte den Mittwoch zum Tag landesweiter Trauer in Gedenken an die Opfer. Präsident Michel Aoun berief eine Dringlichkeitssitzung des Nationalen Verteidigungsrats ein. (apa, afp, dpa, reu)