Nach der verheerenden Explosion in Beirut mit mehr als 130 Toten stellt sich im Libanon die Frage, wer für das Unglück verantwortlich ist. Viele Libanesen sehen die Schuld bei der Regierung und fordern den Rücktritt des gesamten Kabinetts. "Tretet ab!", so etwa der populäre Fernsehjournalist Marcel Ghanem. "Es sind Eure Niedertracht und Eure Nachlässigkeit, welche die Menschen getötet haben."

Die Regierung stellte unterdessen die Mitglieder der zuständigen Hafenbehörde unter Hausarrest, die in den letzten Jahren für die Lagerung und Bewachung von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat zuständig gewesen seien. Der Leiter des Hafens von Beirut und der Zollchef behaupten laut Reuters, dass man mehrere Briefe an die Justiz geschickt habe, in denen die Entfernung des Ammoniumnitrats gefordert wurden. Allerdings seien keine Maßnahmen ergriffen worden. Das Material sei zuvor beschlagnahmt und auf richterliche Anordnung in ein Lagerhaus gebracht worden.
Polizei und andere Behörden müssen jetzt in den nächsten vier Tagen die Hintergründe der Explosionen aufklären und einen detaillierten Bericht über die Verantwortlichkeiten vorlegen. Die Schuldigen des "schrecklichen Verbrechens der Fahrlässigkeit" würden bestraft, so Außenminister Charbel Wehbe gegenüber dem französischen Radiosender Europe 1.

Das Lagerhaus, in dem das Ammoniumnitrat gelagert war, war offenbar in heruntergekommenem Zustand und hatte Risse in den Wänden. Libanesische Sicherheitskräfte hatten vergangenes Jahr eine Untersuchung durchgeführt, weil aus dem Gebäude merkwürdige Gerüche gedrungen waren. Die Untersuchung gelangte zu dem Schluss, dass das "gefährliche" Material, das vor allem als Düngemittel verwendet wird, aus der Halle entfernt werden müsse. Das geschah nicht.

Nicht die erste Tragödie

Die Chemikalie war in der Vergangenheit schon mehrfach Auslöser von Explosionen gewesen und wurde auch schon bei Anschlägen eingesetzt. So detonierte am 21. September 1921 in einem BASF-Werk im deutschen Oppau 4500 Tonnen einer Mischung aus Ammoniumnitrat und Ammoniumsulfat. Mehr als 500 Menschen starben. Ursache für die Katastrophe damals waren unsachgemäße Lagerung und Verarbeitung. 2001 kamen bei der Explosion von 300 Tonnen Ammoniumnitrat in einer Chemiefabrik in Toulouse 30 Menschen ums Leben, in Texas starben im Jahr 2013 in einem Düngemittelwerk 15 Personen.

Die libanesischen Behörden hatten 2013 dem Frachtschiff "Rhosus" unter moldawischer Flagge die Weiterfahrt wegen verschiedener Mängel untersagt.

Das Schiff war von Georgien nach Mosambik unterwegs, der Besatzung gingen möglicherweise Treibstoff und Proviant aus, der Inhaber gab das Schiff dann offenbar auf. Die Matrosen durften zurück in ihre Heimat, das Schiff blieb in Beirut mit der gefährlichen Ladung zurück, die in einem Lagerhaus untergebracht wurde. Der Besitzer soll sich als Bankrott erklärt und den Frachter sich selbst überlassen haben.

Der Ex-Eigentümer erzählt die Geschichte freilich anders: Die libanesischen Behörden hätten der Besatzung die Weiterfahrt untersagt, die Ladung als gefährlich eingestuft und beschlagnahmt, so der russische Geschäftsmann Igor Gretschuschkin gegenüber der "Iswestija". Nach seiner Darstellung begründete der Libanon damals seine Entscheidung mit fehlenden Dokumenten.