Einen 43 Meter tiefen Krater hat die Explosion von 2750 Tonnen Ammoniumnitrat im Hafen der libanesischen Hauptstadt Beirut in den Boden gerissen. Dies stellten französische Experten fest, die derzeit den Unglücksort untersuchen. Frankreich hat unterdessen auch eine Luftbrücke eingerichtet, um Katastrophenhelfer und Hilfsgüter in die krisenerschütterte Region zu bringen.

Zuvor hatten  Chaos und Gewalt zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten die Spannungen in der libanesischen Hauptstadtweiter erhöht. Bei den Zusammenstößen wurde nach Angaben der Sicherheitskräfte ein Polizist geötet. Mehr als 200 Menschen seien verletzt worden, meldete das libanesische Rote Kreuz.

Die Ankündigung von Premier Hassan Diab, dem Kabinett vorgezogenen Neuwahlen vorzuschlagen, konnte die Wut der Demonstranten nicht besänftigen. Die internationale Gemeinschaft berät heute, Sonntag um 14 Uhr, fünf Tage nach der Explosion, in einer Videokonferenz über Soforthilfe für das Krisenland. Nach französischen Angaben werden Vertreter von rund 30 Staaten und Organisationen erwartet.

Ein Demonstrant hält die libanesische Flagge hoch. - © APAweb / Reuters/Thaier Al-Sudani
Ein Demonstrant hält die libanesische Flagge hoch. - © APAweb / Reuters/Thaier Al-Sudani

Ein Betrag wurde noch nicht genannt

Geleitet wird das kurzfristig einberufene Treffen von UN-Generalsekretär António Guterres und Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron, wie Kreise von Macrons Präsidialamt berichteten. Es gehe darum, der schwer getroffenen Bevölkerung direkt zu helfen, ohne dass es dabei zu Unterschlagungen komme. Nötig seien medizinische Hilfe, Nahrungsmittel und der rasche Wiederaufbau von Schulen oder Krankenhäusern. Ein Betrag für die internationale Hilfe wurde nicht genannt - die Einschätzung der UN sei noch nicht fertig.

US-Präsident Donald Trump habe bereits mitgeteilt, dass er teilnehme, hieß es in Paris. Auch der jordanische König Abdullah II., Ägyptens Staatschef Abdel Fattah al-Sisi und der britische Premier Boris Johnson haben demnach zugesagt, ebenso wie EU-Ratspräsident Charles Michel. "Wir sind alle bereit, zu helfen", sagte Michel am Samstag bei einem Treffen mit dem libanesischen Staatschef Michel Aoun. Deutschland und Italien sind den Angaben zufolge ebenfalls vertreten, Namen von Vertretern blieben aber zunächst offen.

Macron hatte am Donnerstag bei einem Besuch in der libanesischen Hauptstadt internationale Hilfe in Aussicht gestellt, gleichzeitig aber auch Reformen in dem Mittelmeerstaat gefordert. Aus Österreich wird laut Außenministerium kein Vertreter an der Konferenz teilnehmen. Die EU sei durch EU-Ratspräsident Charles Michel und den Ratsvorsitzenden deutschen Außenminister Heiko Maas vertreten, hieß es am Samstag auf APA-Anfrage.

Eine Million Euro aus Österreich

Die österreichische Regierung hat angekündigt, eine Million Euro aus dem Auslandskatastrophenfonds (AKF) als Soforthilfe für den Libanon zur Verfügung zu stellen. Die Mittel werden im Wege der Internationalen Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) und österreichischer Hilfsorganisationen für die Versorgung und Unterbringung der Bewohner zur Verfügung gestellt. Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) bezeichnete das in der "ZiB" am Samstagabend als "namhafte Summe". Es werde nicht dabei bleiben. Es gehe um ganz rasche Soforthilfe für erfahrene Partner vor Ort, sagte er.

Der libanesische Ground Zero. - © APAweb / afp/Anwar Amro
Der libanesische Ground Zero. - © APAweb / afp/Anwar Amro

Die EU hat bereits die Entsendung von 300 Rettungskräften nach Beirut koordiniert. Des Weiteren wurden 33 Millionen Euro Soforthilfe freigegeben. Deutschlands Außenminister Heiko Maas (SPD) kündigte vor der Konferenz ein deutsches Soforthilfepaket im Umfang von zehn Millionen Euro an. "Die Menschen in Beirut brauchen unsere Hilfe, und sie brauchen Anlass zur Hoffnung", sagte er der "Bild am Sonntag". Und weiter: "Ich freue mich sehr, dass ich heute von Seiten der Bundesregierung weitere zehn Millionen Euro für Soforthilfemaßnahmen zusagen kann.

Tausende Demonstranten protestierten im Zentrum Beiruts zunächst friedlich gegen die Führung des Landes, die sie für die Explosion mit mehr als 150 Toten und mehr als 6000 verantwortlich macht. Dann schlug der Protest jedoch in Gewalt um.

Vorschlag für Neuwahlen

Einige Demonstranten versuchten, Absperrungen zum Parlament zu durchbrechen und warfen Steine. Die Sicherheitskräfte setzten massiv Tränengas ein. Augenzeugen berichteten auch, sie hätten Schüsse gehört. Einige Demonstranten stürmten das Gebäude der Bankenvereinigung. Andere drangen in das Außen-, das Wirtschaft- und das Energieministerium ein, wie lokale Medien meldeten. Der getötete Polizist habe Menschen helfen wollen, die in einem Hotel im Zentrum Beiruts festgesessen hätten, erklärten die Sicherheitskräfte. Dabei sei er von "randalierenden Mördern" angegriffen worden.

Diab reagierte mit seinem Vorschlag für Neuwahlen auf den massiven Druck auf die Regierung, die von vielen Libanesen für die Detonation verantwortlich gemacht wird. Einen möglichen Termin für Neuwahlen nannte er nicht. Am Sonntag reichte Informationsministerin Manal Abdel Samad als erstes Kabinettsmitglied ihren Rücktritt ein. Die nächsten Wahlen ständen eigentlich 2022 an. Es scheint unwahrscheinlich, dass Diabs Ankündigung die Wut der Menschen besänftigen kann. Viele Libanesen klagen, Wahlen hätten bisher an den realen Machtverhältnissen in dem Land wenig verändert.

Bereits im vergangenen Oktober hatten Massenproteste gegen die Regierung begonnen. Die Demonstranten fordern weitgehende politische Reformen. Sie werfen der politischen Elite Korruption vor und beschuldigen sie, das Land rücksichtslos auszuplündern.

Die Wut ist auch deswegen so groß, weil offenbar über Jahre große Mengen der hochexplosiven Chemikalie Ammoniumnitrat ohne Sicherheitsvorkehrungen im Hafen lagerten. Dies soll die gewaltige Explosion verursacht haben. Die Ermittlungen laufen jedoch noch. (apa, afp)