Eineinhalb Jahre nach dem bisher schwersten Gewaltverbrechen in der Geschichte Neuseelands blickt die Welt wieder auf den Pazifikstaat. Am 15. März vergangenen Jahres stürmte der rechtsextreme Australier Brenton Tarrant während des Freitagsgebets in zwei Moscheen in Christchurch und erschoss 51 Menschen, 50 weitere wurden verletzt. Er übertrug die Tat live im Internet. Bevor er eine dritte Moschee angreifen konnte, wurde er verhaftet.

"Ich weine jeden Tag um ihn"

Bis Donnerstag läuft die Anhörung der Opfer und ihrer Angehörigen, 60 teils sehr emotionale Erklärungen sollen verlesen werden. Am Montag ist im Gerichtssaal in Christchurch unter anderen Janna Ezat am Wort. Ihr Sohn Hussein Al-Umari hat den Kugelhagel damals nicht überlebt. "Ich weine jeden Tag um ihn", sagt sie. Dann schaut sie Tarrant direkt in die Augen und erklärt, sie habe nur eine Wahl: "Dir zu vergeben."

Es sei das einzige Mal an diesem Tag gewesen, dass der Angeklagte eine Art von Emotion gezeigt habe, beschrieben Beobachter den Moment.
Im März diesen Jahres hatte sich Tarrant überraschend schuldig bekannt, nachdem er zuvor ein Jahr lang auf nicht schuldig plädiert hatte. Dadurch entfiel ein Prozess, es wird nur noch über das Strafmaß entschieden. Dem 29-Jährigen werden 51 Morde, 40 versuchte Morde sowie Terrorismus zur Last gelegt. Er verzichtet auf einen Anwalt und will sich selbst verteidigen. Tarrant droht eine lebenslange Haftstrafe, eventuell ohne Möglichkeit zu einer vorzeitigen Entlassung. Ein Strafmaß, das so in Neuseeland bisher noch nie verhängt wurde.

Zusammenhalt im Land

Die Anschläge von Christchurch haben zumindest Neuseelands Waffengesetze nachhaltig verändert: Käufer müssen sich nun einem Hintergrundcheck unterziehen, ein landesweites Waffenregister wird geführt. Halbautomatische Waffen wurden verboten.

Weltweit lobten Medien Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern für ihre Empathie im Umgang mit den Angehörigen der Opfer. Bei einem Treffen mit Mitgliedern der muslimischen Gemeinde von Christchurch trug die Politikerin ein schwarzes Kopftuch, für Kommentatoren ein "Zeichen des Respekts". Ihre Ansprache im Zuge der Trauerfeier für die Opfer des Anschlags beendete sie mit dem arabischen Gruß "As-salaam Alaikum", "Friede sei mit dir".

Neuseeland nach dem 15. März 2019 sei ein anderes Neuseeland als zuvor, sagt nun Gamal Fouda, der Imam der Al-Noor-Moschee, auf die einer der Anschläge verübt wurde. Statt Christchurch durch Hass zu trennen, habe der Attentäter den Zusammenhalt der Menschen gestärkt. Islamophobie gebe es aber weiterhin.

Die Ehefrau eines Ermordeten schrieb hingegen zum Jahrestag der Attentate in einem Zeitungsbeitrag, dass Vorurteile und negative Stereotypen das Denken im Land wie eh und je bestimmten.
Der Anschlag löste eine weltweite Debatte über den medialen Umgang mit extremistischen Gewalttätern aus. Nachdem der Livestream der Tat in Christchurch im Internet tausendfach geteilt wurde, verpflichteten sich die großen Technologiekonzerne, die Verbreitung von Terrorismus und gewaltsamem Extremismus zu unterbinden.

Tarrant wollte um jeden Preis Aufmerksamkeit für seine Ideologie. Um ihm bei der Anhörung keine Bühne dafür zu bieten, darf nicht live aus dem Gerichtssaal berichtet werden. (dpa/apa/awe)