Die Kurve flach halten - das haben sich viele Staaten seit März an die Fahnen geheftet. Durch weniger Corona-Fälle zur selben Zeit soll die Kapazität des Gesundheitssystems nicht überlastet werden, vor allem im Intensivbereich, wo die Bettenzahl begrenzt und auch nicht allzu schnell zu steigern ist. In Österreich ging der Plan, der dem vom Wissenschaftsblogger Tomas Puyeo verbreiteten Konzept "Hammer und Tanz" folgt, bisher auf: Durch den Lockdown im März nahmen die Fallzahlen massiv ab, und auch danach konnte die Kurve flach gehalten werden, indem Lockerungsschritte abhängig von der epidemiologischen Lage entweder umgesetzt, auf später verschoben oder wieder zurückgenommen wurden.

Doch bei weitem nicht überall ist es gelungen, die Zahl der Infektionen auf einem im Vergleich zum ersten Ausbruchsgeschehen niedrigen Niveau zu halten. Verantwortlich dafür waren mitunter ganz unterschiedliche Zusammenhänge, und trotz zunächst ähnlicher Strategie entwickeln sich die Infektionskurven in einigen Staaten ganz anders als in anderen. Wie sich im nachfolgenden Vergleich zeigt, gibt es allerdings durchaus Ansätze und Strategien, die sich bei der Eindämmung der Pandemie bewährt haben. So ist etwa zentral, dass Beschränkungen wie etwa ein Lockdown nicht nur zum richtigen Zeitpunkt verordnet werden, sondern dass dieser Kurs auch lange genug gehalten wird. Ebenso wichtig ist allerdings, dass die Gesundheitsbehörden frühzeitig das Ausmaß der Ausbreitung abschätzen können.

Israels Zick-Zack-Kurs lässt die Kurve steigen

Israel und Österreich durchliefen zu Beginn der Corona-Krise eine ganz ähnliche Entwicklung. Die ersten bestätigten Fälle gab es Ende Februar, damit begannen die Kurven zu steigen. Mitte März wurden dann strenge Einschränkungen im Leben der Bevölkerung beschlossen. Die Zahl der Infektionen stieg noch eine Zeit lang an, doch dann begann der Lockdown zu wirken. Mitte April verzeichneten beide Länder pro Tag weniger als 250 Infektionen, und in den darauffolgenden vier Wochen sanken die Zahlen sogar in den zweistelligen Bereich.


Ihr Browser kann leider keine SVG-Grafiken darstellen!

Deutliche Unterschiede gab es allerdings beim Tempo und Umfang der dann gesetzten Lockerungsschritte. In Österreich wurden Mitte April die ersten Geschäfte wieder geöffnet, weitere Erleichterungen folgten im 14-Tage-Takt. Israel lockerte seine Maßnahmen Anfang Mai dagegen deutlich schneller, und trotz steigender Fallzahlen wurden die Lockerungen weiter forciert. Anfang Juli zog die Regierung von Premier Benjamin Netanjahu angesichts explodierender Fallzahlen schließlich die Notbremse. Viele Maßnahmen wurden zurückgenommen, und an mehreren Wochenenden wurde ein erneuter Lockdown verordnet.

Seit Anfang August sinkt die Kurve in Israel zwar wieder langsam, doch bei den Fallzahlen sind die beiden Länder, die sich zu Beginn noch gemeinsam in der Gruppe der "Smart Seven" für ihre erfolgreiche Corona-Bekämpfung feiern ließen, endgültig auseinandergedriftet. In Israel sind bisher mehr als 110.000 Personen am Coronavirus erkrankt, im fast genau soviele Einwohner zählenden Österreich 26.000.

Nadav Davidovitch, Leiter der School of Public Health an der israelischen Ben Gurion Universität, sieht im Gespräch mit der "Zeit" neben den schnellen, unkontrollierten Lockerungen vor allem die widersprüchliche Kommunikation der Regierung als Grund für die hohen Fallzahlen. Premier Netanjahu warnte zuerst eindringlich vor dem Virus. Schon im Mai aber ermutigte er die Bevölkerung, sich wieder mit Freunden zu treffen und auszugehen. Dieser "Zick-Zack-Kurs" habe laut Davidovitch das Vertrauen in die Regierung sinken lassen. Auch die jüdisch-israelische Identität selbst könnte eine Erklärung sein. Die ständige Wachsamkeit vor Terror und Krieg habe die Israelis abgehärtet, im Umgang mit dem Coronavirus seien sie aber leichtsinnig geworden.

Südkorea und China erkennen die Gefahr früh

China war nach heutigem Wissensstand als erstes Land vom Coronavirus betroffen, der erste Fall wurde im Dezember 2019 in der Stadt Wuhan verzeichnet. Mitte Jänner gab es bereits Ausbrüche in Peking, Shanghai und anderen Metropolen Chinas, Wuhan wurde erst am 23. Jänner vollständig abgeriegelt. Während die Kurve der Fallzahlen in China am 16. Februar ihren Höhepunkt erreichte, wurde in Italien der erste offizielle Fall am 20. Februar gemeldet. Bis dahin dürfte sich das Virus laut epidemiologischen Hochrechnungen dort schon wochenlang unbemerkt ausgebreitet haben.


Ihr Browser kann leider keine SVG-Grafiken darstellen!

Norditalien galt lange als Epizentrum der Pandemie in Italien, vor allem in der Lombardei stiegen die Fallzahlen steil an. Daher wurden anfangs nur norditalienische Provinzen abgeriegelt. Am 9. März erklärte Premier Giuseppe Conte dann ganz Italien zur "Schutzzone". Zu diesem Zeitpunkt waren in Italien offiziell 7400 Personen infiziert, in China waren es 80.700.

Gemeinsam ist Italien und China, dass beide Staaten zunächst versucht hatten, das Virus mit der Abriegelung einzelner Regionen einzudämmen, aber schon kurz darauf zu landesweiten Maßnahmen greifen mussten. Die Regierung in Peking hatte allerdings einen entscheidenden Vorteil, da die Ausbreitung des Virus rechtzeitig erkannt wurde. Wuhan wurde vollkommen abgeriegelt, die Bevölkerung durch strenge Überwachung viel stärker eingeschränkt als in Italien. Das führte zu einem ausgesprochen raschen Abfallen der Kurve, die seit Mitte März flach bleibt.

In Italien stieg die Kurve nach dem Lockdown dagegen noch zwei Wochen rasant an, ehe sie dann zu sinken begann. Für Eva Schernhammer, Leiterin der epidemiologischen Abteilung der Medizinischen Universität Wien, war das späte Erkennen des Virus‘ Italiens größter Nachteil in der Bewältigung der Pandemie. Italiens Lockdown war mit acht Wochen auch einer der längsten, den Zeitverlust am Beginn der Virusausbreitung konnte das aber nicht mehr aufholen.

Wie wichtig das rechtzeitige Erkennen und das Setzen von Maßnahmen im Kampf gegen Corona ist, zeigt nicht zuletzt das Beispiel Südkorea. Durch frühe Quarantänemaßnahmen für Einreisende aus Wuhan konnte sich das Virus weniger schnell ausbreiten, erst am 20. Jänner gab es den ersten offiziellen Corona-Patienten. Ein rapider Anstieg der Kurve im Februar ließ sich schnell klären, die Ursache war die Bildung eines Clusters in einer sektenähnlichen christlichen Kirche in der Stadt Daegu. Nach dessen Entdeckung sank die Kurve ebenso schnell wieder.

Obwohl nie landesweite Ausgangssperren verordnet wurden, konnte die Kurve bis heute flach gehalten werden. Kontaktpersonen wurden durch freiwillige Nachverfolgung von Handydaten identifiziert, sehr viele Personen konnten frühzeitig getestet werden, bevor sie andere anstecken konnten. Ohne eine kooperative Bevölkerung ist der südkoreanische Weg, lokalen Ausbreitungen mit genauer Kontaktnachverfolgung und vielen Tests entgegen zu wirken, aber nicht gangbar.

Ein großer Problemfall auf jedem Kontinent

Die fünf Staaten mit den meisten Corona-Infizierten sind aktuell die USA, Brasilien, Indien, Russland und Südafrika. An ihnen wird erkennbar, dass ganz unterschiedliche Maßnahmen zu ähnlich schlechten Ergebnissen führen können.

Russland wollte mit frühen Einreiseverboten und Grenzsperren zu China eine Ausbreitung verhindern und scheiterte, die Kurve stieg bis zum 13. Mai stetig an. Der zehn Wochen lange Lockdown der Hauptstadt Moskau ließ die Zahl der Neuinfektionen allerdings nur langsam sinken. Die ersten Lockerungen Anfang Juni kamen laut Experten daher zu früh, paradoxerweise stiegen die Fallzahlen in Russland aber seither nicht erneut an, sondern sanken langsam.


Ihr Browser kann leider keine SVG-Grafiken darstellen!

Indien wollte durch frühe Maßnahmen dem Virus ebenfalls einen Schritt voraus sein. Als am 24. März dort ein landesweiter Lockdown beschlossen wurde, waren allerdings erst 600 Fälle offiziell gemeldet. Das entspricht gerade einmal 0,4 Infizierten pro einer Million Einwohner. Zum Vergleich: In Österreich gab es zu Beginn des Lockdowns knapp 1000 Fälle, was rund 113 Infizierten pro Million Einwohner entspricht. Im Mai sah sich die indische Regierung dann aus Sorge vor einem wirtschaftlichen Kollaps gezwungen, zahlreiche Restriktionen zurückzunehmen.

Seit der von so gut wie allen Experten als verfrüht angesehenen Lockerung steigen die Fallzahlen rasant an. In dieser Woche wurde ein neuer Rekord von 77.266 Infektionen pro 24 Stunden verzeichnet, die Dunkelziffer dürfte aufgrund der extrem niedrigen Testrate von 18 Untersuchungen pro einer Million Einwohner aber noch um ein Vielfaches höher liegen. Indien ist damit nicht nur eines der Länder, in denen die Kurve noch immer nicht ihren Höhepunkt erreicht hat. Im zweitbevölkerungsreichsten Land der Welt, wo laut Schernhammer vor allem in ihre Heimatdörfer zurückkehrende Wanderarbeiter das Virus verbreitet haben, hat es auch zu keiner Zeit einen zumindest temporären Rückgang der Fallzahlen gegeben.

Südafrika versuchte ebenfalls durch einen frühen dreiwöchigen Lockdown das Virus einzudämmen. Anfangs blieb die Kurve lange flach, das Virus hatte Afrika noch nicht vollständig erreicht. Wie in Indien hatte der Lockdown aber keinen Einfluss auf die Kurve. Nach Lockerungen im Mai stiegen die Fallzahlen im Juni an. Erst danach führte eine Verschärfung der Restriktionen, darunter die Einführung einer Maskenpflicht in der Öffentlichkeit und eine nächtliche Ausgangssperre, zu einem langsamen Rückgang der Neuinfektionen.

In Brasilien und den USA wurde dagegen nie ein landesweiter Lockdown beschlossen, die Präsidenten beider Staaten - Jair Bolsonaro und Donald Trump - zeigten sich lange als Skeptiker und verharmlosten das Coronavirus als "kleine Grippe". Der rasche Anstieg der Kurve konnte in den USA zunächst durch lokale Maßnahmen, die die Gouverneure einzelner Bundesstaaten verordnet hatten, abgeflacht werden. Vor allem im Bundesstaat New York, der als erster mit voller Wucht vom Coronavirus getroffen wurde, konnte ein strenger Lockdown die Ausbreitung verlangsamen. Nach den raschen Lockerungen in vielen Bundesstaaten stieg die nationale Kurve im Juni aber wieder steil an, fast zwei Wochen lang wurden sogar mehr als 60.000 Fälle pro Tag verzeichnet. Einen Rückgang gab es erst wieder, alseinzelne Gouverneure Anfang August mit neuerlichen Einschränkungen auf die Rekordinfektionszahlen reagierten.

In Brasilien verlief die Infektionskurve fast spiegelgleich wie in den USA. Auch hier gab es zunächst nur vereinzelte regionale Lockdowns, vor allem in Städten. Und ebenso wie die Regierung in Washington hatte sich auch die brasilianische Führung nach den so lange wie möglich hinausgezögerten Verschärfungen vor allem von wirtschaftlichen Überlegungen leiten lassen: So viel wie möglich sollte so schnell wie möglich wieder geöffnet werden.

In Nordeuropa trennen sich die Wege

In den vier nordeuropäischen Ländern Dänemark, Norwegen, Schweden und Finnland verlief die Ausbreitung des Coronavirus‘ anfangs fast parallel. Im Jänner beziehungsweise Februar wurden die ersten Fälle bekannt, Mitte März gab es die ersten Todesfälle, die Kurven stiegen. Danach trennten sich die Wege Schwedens und der anderen drei Staaten aber. Während Norwegen, Dänemark und Finnland umfassende Lockdowns beschlossen, setzte Staatsepidemiologe Anders Tegnell in Schweden vor allem auf Freiwilligkeit und Eigenverantwortung - und darauf, dass asymptomatisch Erkrankte möglicherweise deutlich weniger ansteckend sind. Wer Symptome bemerkte, sollte daher zu Hause bleiben, verboten wurden nur Besuche in Altersheimen und Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen. Beide Verordnungen sind bis heute in Kraft. Trotz des aufrechten strikten Besuchsverbots wurde im Mai bekannt, dass 75 Prozent aller schwedischen Corona-Toten in Altersheimen oder in privater Pflege gelebt haben.


Ihr Browser kann leider keine SVG-Grafiken darstellen!

Die Kurven in Dänemark, Finnland und Norwegen begannen ab April zu sinken und sind seit Mai weitgehend flach geblieben. In Schweden verharrte die Zahl der Neuinfektionen dagegen ab April lange auf hohem Niveau konstant. Im Juni gab es nach der Entscheidung, künftig nicht nur Ältere, Schwerkranke und medizinisches Personal zu testen, sondern alle Personen mit Symptomen, noch einmal einen sehr steilen Anstieg, bevor die Infektionsrate dann sinkt. Die Zahlen sprechen damit gegen den Sonderweg. So gab es in Schweden bisher rund 84.000 Corona-Erkrankte, 5800 Menschen starben daran. In Norwegen, Dänemark und Finnland war jeweils nicht einmal ein Fünftel davon erkrankt, die Todeszahlen blieben in allen drei Staaten unter der Grenze von 650.