Viel hat nicht gefehlt, und es wäre geschehen gewesen um den unverstellten Blick ins Universum. Nur 150 Meter, quasi ein größerer Katzensprung, trennten diese Woche eines der wichtigsten naturwissenschaftlichen Denkmäler der USA von den Flammen, die seit zehn Tagen den Bergwald rundherum verschlingen. Mit Hilfe des Teleskops, das auf der Spitze des rund 30 Kilometer nordwestlich von Los Angeles gelegenen Mount Wilson steht, entdeckte der Astronom Edwin Hubble einst die bis dahin unbekannte Andromeda-Galaxie und fand heraus, dass sich das Universum intrinsisch ausdehnt. Erst buchstäblich im letzten Moment gelang es den Feuerwehrleuten, die Sternwarte, in der sich normalerweise geführte Gruppen von Grund- und Mittelschülern und All-affine Touristen aus aller Welt die Klinke in die Hand geben, vor dem Feuer zu retten.

Normalerweise ist in diesem Zusammenhang freilich ein zunehmend gewagteres Wort, weil "Normalität" in diesem Teil des Globus mittlerweile eher dem nunmehrigen Status quo entspricht: Die amerikanische Westküste brennt lichterloh und rauf und runter, und ein Ende des Wahnsinns ist nicht abzusehen. Im Alltag schlägt sich die Qualität des Infernos je nach genauem Wohnort unterschiedlich nieder. Die Palette reicht vom Verlust des eigenen Lebens (in Kalifornien mit Stand Ende der Woche rund zwei Dutzend Menschen) über den seines Hauses (bisher rund 4.500) bis zu gesundheitlichen Problemen mit den Atemwegen (wovon praktisch der gesamte Rest des mit 40 Millionen Einwohnern größten US-Bundesstaats betroffen ist, auch wenn viele von ihnen das erst später merken werden).

Höllische Luftqualität

- © M. Hirsch
© M. Hirsch

In den urbanen Zentren gibt es seit zwei Wochen für die Messung der Luftqualität praktisch nur mehr drei Kategorien: extrem ungesund, sehr ungesund und ungesund. Vor allen anderen hat es San Francisco und die die Stadt umgebende Bay Area erwischt. Auch wenn der Druck der im nördlichen Teil Kaliforniens wütenden Feuer mittlerweile ein wenig nachgelassen hat, wachten die Bewohner der High-Tech-Metropole zum Schein einer roten Sonne auf, die für eine gespenstische Mars-Landschaft-Atmosphäre sorgte.

War der Großraum Los Angeles bis vor kurzem noch vom Ärgsten verschont geblieben, traf es ihn binnen der vergangenen sieben Tage ebenfalls hart. Weil die ohnehin schwer dürregeplagten Wälder und Sträucher auf den Bergen rund um das LA-Becken der extremen Hitze nicht standhielten - zeitweise stieg das Barometer auf bis zu 44 Grad Celsius -, wurden in dieser Woche rauchbedingte Werte gemessen, die teilweise die schlimmsten Smog-Rekorde aus den Achtzigerjahren übertrafen. Nachdem in zehntausenden Haushalten der Strom und damit die bei derartigen Temperaturen für manche Menschen buchstäblich überlebenswichtige Klimaanlage ausfielen, füllten sich die Krankenhäuser in ganz LA County mit Patienten mit Hitzeschlag. In Skid Row in Downtown LA, wo sich das lokale Obdachlosen-Heer auf tausende unter freiem Himmel stehende Zelte verteilt, schoben die Sozialarbeiter Sonderschichten und verteilten Trinkwasser, während die Polizei eine Handvoll Leichen abtransportierte.

Jeder, der hier in den vergangenen Tagen zu lange ohne Maskenschutz draußen zu tun hatte und dem den Angeles National Forest stetig dezimierenden "Bobcat Fire" zu nahe kam, konnte sich glücklich schätzen, mit einer milden Rauchgasvergiftung davon zu kommen. An manchen Orten im San Gabriel Valley schneite es dicke Asche wie im Winter Schneeflocken in Colorado.

Noch ein Hitze-Monat

Besserung ist nicht in Sicht. Nach den Voraussagen der Meteorologen wird es aufgrund der permanenten Hitze noch mindestens einen Monat dauern, bis Kalifornien aus dem Gröbsten heraus sein wird. Schon jetzt ist eine Fläche, die in etwa der der Steiermark entspricht, den Flammen zum Opfer gefallen und die Katastrophen-
Rekorde purzeln täglich weiter.

Hilfe aus der Hauptstadt Washington D.C., die über das Mindestmaß hinausgeht, dürfen sich trotzdem weder Kalifornien noch seine nördlichen Nachbarn Oregon und Washington erwarten. Im Gegenteil. Während von Seattle bis San Diego mittlerweile fast 17.000 Feuerwehrleute ihr Leben riskieren, um dem Inferno Herr zu werden, bemühen sich Präsident Donald Trump und seine Verbündeten im Kongress und in den Medien mal mehr, mal weniger subtil, den Demokraten die Schuld für die Brände in die Schuhe zu schieben.

Nach republikanischer Lesart gibt es den Klimawandel nicht. Das Problem der Brände liege vielmehr an "schlechtem Forstmanagement" seitens der demokratisch regierten Bundesstaaten, wenn nicht sogar an Brandstiftern, die sich angeblich aus den Reihen der (realen) "Black Lives Matter"- und der (weitgehend von ihnen erfundenen) "Antifa"-Bewegung rekrutieren.

Washington ist Eigentümer

Den kalifornischen Bundesstaat für das schlechte Waldmanagement verantwortlich zu machen, ist angesichts der Tatsache, dass Kalifornien nur drei Prozent seiner Waldfläche sein Eigentum nennt und bewirtschaftet, besonders perfide. 40 Prozent des kalifornischen Waldes sind in privatem Besitz. Die restlichen 57 Prozent sind - richtig geraten - im Eigentum des US-Staates und werden zentral aus Washington aus bewirtschaftet. Oder eben nicht.

Den Amerikanern, die durch die Brände ihr Hab und Gut und/oder ihre Gesundheit verloren haben und jetzt nicht mehr wissen, wo sie hinsollen, nützt das alles selbstredend nichts. Langfristig werden sie sich, wie Millionen andere ihrer an der Westküste lebenden Landsleute, fragen müssen, ob große Teile nämlicher künftig überhaupt noch bewohnbar sein werden. Wie das "New York Times Magazine" jetzt berichtete, wird manchen Projektionen von Klimaforschern zufolge Mitte des Jahrhunderts fast jeder zweite Amerikaner an einem Ort leben, der unter Dürre und Wassermangel leidet, wenn es mit dem CO2-Ausstoß so weitergeht wie bisher.