Immer wieder werden die Menschen abgewiesen. Die Suche beginnt dann von Neuem, mit den schwerkranken Angehörigen im Schlepptau geht es zum nächsten Krankenhaus und zum übernächsten – immer in der Hoffnung, dass vielleicht dort noch ein letztes Bett frei ist. Doch selbst diejenigen, die in einem der völlig überlasteten indischen Spitäler noch einen Platz für die ihnen nahestehenden Menschen ergattert haben, müssen weiter bangen. Denn ein freies Bett bedeutet nicht, dass es für die gerade frisch aufgenommenen Corona-Patienten auch genug medizinischen Sauerstoff gibt. Die explodierenden Infektionszahlen - am Montag wurde mit 352.000 neuen Fällen binnen 24 Stunden erneut ein trauriger Rekord aufgestellt - haben auch die letzten Reserven in den Kliniken zum Versiegen gebracht.

Was bleibt, ist die Selbsthilfe. Viele Inder versuchen über die sozialen Medien oder über ein paar spezialisierte Händler den so dringend benötigten Sauerstoff in Eigenregie zu organisieren. Doch auch hier übertrifft die Nachfrage längst das Angebot. 250 bis 300 Anrufe erhalte er pro Tag, sagt Anjan Prasad Majumdar, der in Kalkutta Behälter für 115 Atemzüge für sieben bis elf Euro anbietet. Versorgen könne er mit seinem Bestand aber nur einen Bruchteil der potenziellen Kunden.

Trügerische Sicherheit

Die zweite Corona-Welle, die dem Land derzeit mehr als 2500 Tote pro Tag beschert, kommt für viele der 1,3 Milliarden Inder als unerwarteter Schock. Denn zu Jahresbeginn hatte noch die Euphorie dominiert. Viele dachten, dass das Schlimmste nach einer ersten Welle im vergangenen Sommer mit bis zu 100.000 Fällen am Tag überstanden sei. Blutuntersuchungen legten sogar nahe, dass bereits ein großer Teil der Bevölkerung Antikörper gegen das Virus entwickelt hat und Indien damit auf dem besten Weg in Richtung Herdenimmunität ist. In der Folge kehrte das normale Leben zurück. Mehr und mehr Leute verzichteten auf das Maskentragen, auch Abstand wurde immer seltener gehalten.

Die großen Treiber der zweiten Welle dürften allerdings zahlreiche Massenveranstaltungen gewesen sein. So haben wochenlang Millionen Hindus im Rahmen eines religiösen Festes dicht gedrängt im Ganges gebadet, um einem Zustand der Befreiung näherzukommen, bei dem der endlose Zyklus von Geburt, Tod und Wiedergeburt endet und alles Leiden aufhört. Dazu kamen Wahlkampfveranstaltungen mit großen Menschenmengen im Vorfeld der derzeit stattfindenden Kommunalwahlen. Allein am Montag waren 8,6 Millionen Wahlberechtigte in Westbengalen aufgefordert, ihre Stimme abzugeben.

Nicht zuletzt könnten auch Virusmutationen eine Rolle bei der Explosion der Infektionszahlen gespielt haben. Die indische Variante B.1.617, die vereinzelt auch schon in europäischen Ländern registriert wurde, steht bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter Beobachtung. Für eine Einstufung als "besorgniserregend" fehlt laut dem deutschen Robert Koch-Institut (RKI) zwar bisher noch die klare Evidenz. Die Variante trage aber zwei Mutationen an einem Oberflächenprotein, die von anderen unter Beobachtung stehenden Linien bekannt sind und von denen Wissenschafter befürchten, dass Geimpfte und Genesene möglicherweise vor einer Ansteckung weniger gut geschützt sind.

Vor einem erneuten landesweiten Lockdown ist die Zentralregierung aber bisher zurückgeschreckt. Denn Premierminister Narendra Modi fürchtet nicht nur die massiven wirtschaftlichen Folgen eines solchen Schrittes. Vor einem Jahr hatte der landesweite Lockdown auch zur Heimkehr von Millionen Wanderarbeitern aus den großen Städten in die Dörfer geführt, weil sie Angst hatten zu verhungern. Sie trugen damit auch das Virus in die Provinz. So hofft Indien derzeit vor allem auf Hilfe aus dem Ausland. Mehrere Länder, darunter Großbritannien, die USA und Deutschland, haben auch schon Unterstützung angeboten. Sie wollen nun Beatmungsgeräte, Schnelltests und Schutzkleidung schicken. (rs)