Zum 100. Jahrestag des rassistisch motivierten Massakers in Tulsa reist US-Präsident Joe Biden am Dienstag in die Stadt im Bundesstaat Oklahoma. in Tulsa besucht er ein Kulturzentrum der schwarzen Gemeinde und hält eine Rede zum Jahrestag des Pogroms halten, wie das Weiße Haus mitteilte. Biden hat den Kampf gegen den Rassismus in den USA zu einem der zentralen Anliegen seiner Präsidentschaft erklärt.

Vor genau 100 Jahren hatten Mobs weißer Angreifer in Tulsa unzählige von Schwarzen betriebene Unternehmen zerstört, Hunderte Häuser gingen in Flammen auf. Dutzende Schwarze wurden getötet, Hunderte verletzt. Der betroffene Stadtteil Greenwood war trotz der damals in den USA noch gesetzlich verankerten Diskriminierung Schwarzer ein Ort, an dem eine sehr erfolgreiche schwarze Gemeinschaft gewachsen war. Greenwood wurde daher häufig als "Schwarze Wall Street" bezeichnet. Es sollen rund 300 Schwarze getötet  worden sein, es handelt sich um eines der schlimmsten Massaker an Afroamerikanern in der US-Geschichte.

Der Ablauf des Massakers

Ausgangspunkt der Gewalt waren Vorwürfe gegen den jungen Schwarzen Dick Rowland, er habe sich in einem Aufzug an einer weißen Frau vergangen. Rowland wurde am 31. Mai 1921 festgenommen. Vor dem Gerichtsgebäude, in dem er festgehalten wurde, gab es daraufhin Zusammenstöße zwischen bewaffneten Gruppen von Schwarzen und Weißen. Die Afroamerikaner befürchteten offenbar, Rowland könnte gelyncht werden.

Am Morgen des 1. Juni überrannte ein weißer Mob den von Afroamerikanern bewohnten Stadtteil Greenwood, der wegen seines regen Geschäftstreibens als "Wall Street der Schwarzen" bezeichnet wurde. Die Angreifer erschossen zahlreiche Schwarze, plünderten das Viertel und brannten mehr als 1.200 Häuser nieder, außerdem Kirchen, Schulen und Geschäfte. Während die Behörden die Zahl der Todesopfer zunächst mit weniger als 40 angaben, gehen Historiker inzwischen von 100 bis 300 Toten aus.

Dunkle Erinnerungen

"Ich sehe immer noch schwarze Männer vor mir, die erschossen werden, die Leichen von Schwarzen in den Straßen", sagte Mitte Mai die 107-jährige Tulsa-Überlebende Viola Fletcher vor dem US-Kongress. "Ich sehe immer noch Geschäfte von Schwarzen vor mir, die niedergebrannt werden. Ich höre immer noch die Schreie."

Aufarbeitung der Geschichte

2001 legte eine Kommission einen Untersuchungsbericht zu dem Massaker vor. Darin ist unter anderem festgehalten, dass viele der weißen Angreifer von der Polizei mit Waffen ausgestattet und mit einer Unterstützung der Sicherheitskräfte beauftragt worden waren - und dann die Gewalt anheizten. Viele gewählte Vertreter der Stadt, Polizeibeamte, Richter und Geschäftsleute gehörten dem rassistischen Ku Klux Klan an.

Niemand wurde je juristisch wegen des Massakers zur Verantwortung gezogen. Die Familien der Opfer erhielten keine Entschädigungen. "Fast 100 Jahre lang hat sich niemand für uns interessiert", sagte die Überlebende Fletcher Mitte Mai vor dem Kongress. "Wir und unsere Geschichte wurden vergessen, weggewaschen."

2018 kündigte Tulsas Bürgermeister G.T. Bynum eine Suche nach möglichen Massengräbern an. Im Oktober 2020 wurden in einem Gebiet mindestens zwölf Särge entdeckt - unklar ist bisher aber, ob es sich bei den bestatteten Toten um Opfer des Massakers handelt.

Bidens Vorgänger in Tusla

Weltweite Medienaufmerksamkeit erhielt Tulsa vor einem Jahr - allerdings nicht wegen des Massakers: Am 20. Mai 2020 hielt der damalige US-Präsident Donald Trump in der Stadt seine erste Wahlkampfveranstaltung nach dreimonatiger Corona-Pause ab.

Das Treffen inmitten der tödlichen Pandemie, bei dem die wenigsten Zuhörer Schutzmasken trugen, sorgte für viel Kritik - und wurde für Trump zu einem Flop: Die für 19.000 Besucher ausgelegte Veranstaltungshalle wurde nicht annähernd voll, auf den Rängen herrschte teilweise gähnende Leere. (apa, afp)