Es war gegen neun Uhr morgens, als sich der junge Mann in die Wohnung von Flavia Luciana Caldes schleppte. Caldes erinnert sich, dass er barfuß war und kein Hemd anhatte, lediglich Badeshorts trug. Und dass einer seiner Füße blutete, er war von einer Kugel getroffen worden. "Der Junge hatte große Angst", sagt Caldes. "Er flehte um Hilfe und wollte sich verstecken, aber die Blutspur in den Gassen verriet ihn."

Kurz darauf kam ein Polizist die Treppe in den zweiten Stock hinauf gerannt und drang in die Wohnung ein. "Ich sagte ihm, dass ein Verwundeter da ist, aber er stieß mich weg", erzählt sie. "Er wirkte wie besessen." Sie flüchtete mit ihrem Mann und ihrer neunjährigen Tochter in die Küche.

Die Geschichte, die Flavia Caldes erzählt, ereignete sich Anfang Mai in der Favela Jacarezinho in Rio de Janeiros Nordzone. Gegen sechs Uhr morgens rückten 250 schwerbewaffnete Beamte der Zivilpolizei in das Armenviertel ein, um gegen die Drogengang Comando Vermelho vorzugehen, das Rote Kommando, eine der größten kriminellen Organisationen Brasiliens. Unterstützt wurden die Polizisten von gepanzerten Fahrzeugen sowie einem Helikopter, der über dem Häusermeer kreiste, in dem mehr als 60.000 Menschen wohnen.

Aktivisten sind entsetzt, Bolsonaros Anhänger jubeln

Am Ende der Operation, die die Polizeiführung "Exceptis" getauft hatte, "Ausnahme", waren 28 Menschen tot, darunter auch ein 48-jähriger Polizist. Nie zuvor war eine Polizeiaktion in Rio de Janeiro blutiger verlaufen, nie hatte es mehr Todesopfer gegeben - und Brasilien musste sich wieder einmal die Frage stellen, was der Sinn solcher Operationen ist.

"Ich habe schon einige Polizeiaktionen erlebt", sagt Flavia Caldes, "aber noch nie ein solches Blutbad." Die 43-Jährige ist schwarz, etwas stämmig und stammt aus Jacarezinho. Ihre Geschichte erzählt sie im Haus einer Nachbarin, sie wollte nicht zurück in ihre alte Wohnung.

Einschusslöcher zeugen vom Drogenkrieg. 
- © Ian Cheibub

Einschusslöcher zeugen vom Drogenkrieg.

- © Ian Cheibub

Der Weg zu ihr führte durch ein Labyrinth aus schmalen Gassen. Jacarezinho liegt 35 Metro-Minuten vom Strand der Copacabana entfernt, hat aber rein gar nichts mit dem Rio der Postkarten zu tun. Rechts und links der Gassen stehen improvisierte Bauten, zwischen denen ein wilder Kabelsalat aus irregulären Stromanschlüssen gespannt ist, in vielen Häuserwänden klaffen Einschusslöcher. "Syrien-Gasse" haben die Anwohner diesen Teil der Favela getauft, weil es hier schon häufig Schusswechsel gab.

Flavia Caldes berichtet, wie der Polizist, der an jenem Morgen hereinkam, mit seinem Gewehr ins Kinderzimmer ging, wo der geflüchtete junge Mann sich versteckt hatte. Offenbar hatte er sich in das Bett von Caldes’ Tochter gelegt und schlafend gestellt. "Wo ist die Pistole?", habe der Polizist gerufen, sagt Caldes. Dann hörte sie mindestens einen Schuss, vielleicht zwei. Sicher ist sie sich nur, dass der junge Mann unbewaffnet war, als er in ihre Wohnung kam.

Den Leichnam des jungen Mannes ließ die Polizei noch bis zum Mittag liegen, dann trugen Beamte ihn in einem Teppich fort. Zurück blieben eine blutgetränkte Matratze sowie eine traumatisierte Familie.

Schnell sprachen einige Medien vom "Massaker von Jacarezinho" und Menschenrechtsgruppen wie Amnesty International forderten Aufklärung. Aktivisten für die Rechte von Schwarzen beschuldigen den Staat, einen "Genozid" zu verüben, weil - wie fast immer bei solchen Aktionen - alle Toten dunkelhäutig waren.

Euphorisch reagierte hingegen Brasiliens Rechte. Präsident Bolsonaro hatte die Wahlen 2018 auch mit Slogans wie "toter Bandit - guter Bandit" gewonnen. Nun beglückwünschte er die Polizei über Twitter, und seine Anhänger feierten im Internet: ,"Die Quote war gut: Für jeden getöteten Polizisten müssen mindestens 20 Drogendealer sterben", schrieb ein Leser der Zeitung "Extra".

Einen Tag nach "Operation Exceptis" beschlossen Flavia Caldes und ihr Mann, aus Jacarezinho fortzuziehen und bei Bekannten unterzukommen. "Aus Angst vor der Polizei", sagt sie. "Wir haben zu viel gesehen, die Beamten haben unsere Daten, sie könnten uns bedrohen, wenn wir gegen sie aussagen."

Vor der Polizeiaktion verkaufte Caldes in der Favela Hotdogs, ihr Ehemann arbeitete in einem Geschäft für Baumaterialien, "wir waren gut in die Gemeinde integriert", sagt sie. All das haben sie aufgegeben. Ihre Tochter fragt bis heute, was mit dem Mann in ihrem Zimmer geschehen sei. Sie haben es ihr noch nicht erklärt.

Dealer besaßen Waffen aus Österreich

Militärstrategen würden Schicksale wie das von Familie Caldes wahrscheinlich als Kollateralschaden im "Kampf gegen die Drogen" bezeichnen. Vor 50 Jahren von den USA ausgerufen, tobt er bis heute vor allem in Lateinamerika.

Polizisten patrouillieren schwer bewaffnet durch die Favela Jacarezinho. 
- © Ian Cheibub

Polizisten patrouillieren schwer bewaffnet durch die Favela Jacarezinho.

- © Ian Cheibub

Dass daran auch europäische Waffenfirmen mitverdienen, wird deutlich, als die Polizei am Nachmittag die Ausbeute von "Operation Ausnahme" präsentiert. Auf einem Tisch stehen umrahmt von Drogen fast anderthalb Dutzend Handfeuerwaffen, viele stammen aus Österreich, wurden von der Firma Glock gebaut. Dahinter lehnen Gewehre aus US-Produktion. Auch zwei halbautomatische Gewehre der US-Tochter des deutsch-schweizerischen Unternehmens SIG Sauer sieht man. Daneben steht eine Maschinenpistole des Produzenten Heckler&Koch aus Deutschland. Wie die Waffen in die Hände des Roten Kommandos kamen, kann die Zivilpolizei auf Nachfrage nicht erklären.

Zumindest Heckler&Koch stellte seine Waffenlieferungen nach Brasilien jedoch 2019 ein. Glock und SIG Sauer bauten ihr Engagement hingegen aus, um von der Erleichterung von Waffenimporten durch die Bolsonaro-Regierung zu profitieren.

Mit welcher Waffe der junge Mann in Flavia Caldes’ Wohnung erschossen wurde, ist nicht klar. Aber Untersuchungen der Staatsanwaltschaft legen nahe, dass er widerrechtlich exekutiert wurde. Insgesamt vier Personen seien bei dem Einsatz durch Schüsse in den Rücken und eine durch Schüsse aus nächster Nähe getötet worden, so der Untersuchungsbericht.

Caldes weiß mittlerweile, dass es sich bei dem Getöteten um Omar Pereira da Silva handelte, 21 Jahre alt, Vater eines einjährigen Sohnes. 2018 war er wegen eines Raubüberfalls zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden und verbüßte seit 2019 eine Bewährungsstrafe. So wie er hatten laut Polizei alle 27 Getöteten Einträge im Strafregister oder arbeiteten für das Comando Vermelho.

Nach dem Gespräch läuft Flavia Caldes einen Kanal in Jacarezinho entlang. Seine Ufer sind von einem Dutzend Drogenverkaufsstellen gesäumt, die aus Holztischen bestehen, auf denen Marihuana, Kokain und synthetische Drogen liegen. Darum herum stehen junge Männer mit Pistolen und Gewehren. Es ist klar, dass "Operation Exceptis" dem Nachschub des Roten Kommandos an "Soldaten", Waffen und Drogen keinen Abbruch getan hat.

Alex T. sieht das etwas anders. Der 30-Jährige ist Militärpolizist in Rio de Janeiro und war bei einigen Operationen gegen Rios Drogengangs dabei. Offiziell darf er nicht mit den Medien sprechen, weswegen sein voller Name nicht genannt wird. Alex T. ist schwarz, kräftig und trägt Glatze. Er wuchs ohne Vater in einer Favela auf, die vom Roten Kommando dominiert wurde. Deswegen zog er fort.

"Entweder wir töten oder wir werden getötet!"

Auch Alex T. hat schon getötet, aber alles seien "Gänse" gewesen, sagt er: "gansos". Es ist Polizeijargon für die Drogensoldaten. "Entweder wir töten oder wir werden getötet!"

Polizeioperationen wie die in Jacarezinho hält er für notwendig, damit die Drogengangs nicht zu stark würden. "Die Vagabunden müssen Angst vor der Polizei haben. Man muss ja auch das Gras im Garten regelmäßig mähen", sagt er, "sonst wächst es zu hoch."

Ob es in der Favela zu außergerichtlichen Exekutionen gekommen ist, ist für Alex T. nebensächlich. Er hält es für möglich, weil die Kollegen nach dem Tod des Kollegen sicherlich "Blut in den Augen" gehabt hätten. Über die Psychologie solcher Operationen sagt er: "Wenn geschossen wird, willst du, dass es aufhört. Wenn es vorbei ist, willst du, dass es weitergeht."

Blutspuren erinnern Flavia Caldes an den Einsatz. 
- © Ian Cheibub

Blutspuren erinnern Flavia Caldes an den Einsatz.

- © Ian Cheibub