Hey, mein Freund! Was suchst du?" Der Ruf kommt von irgendwo hinten, noch aus halber Ferne. Während die Ohren noch erörtern müssen, woher genau die Stimme kommt, hat sich schon ein gut gebauter Mann genähert. "Willst du Spaß mit einem Mädchen?" Das Ausbleiben einer schnellen Antwort interpretiert er als Einladung, eine Art Menü zu präsentieren. "Wenn du nur trinken und flirten willst, hab’ ich den perfekten Ort für dich. Massagen mach ich dir auch klar, kein Problem. Aber wenn du mehr willst, können wir natürlich drüber reden."

In Kabukicho bricht der Abend an. Es ist kurz nach 19 Uhr, vor kurzem hat sich die Sonne hinter den Wolkenkratzern versteckt. Das bunte, berüchtigte Rotlichtviertel von Tokio, nicht weit entfernt von den grauen Zwillingstürmen des Rathauses, erwacht für sein nächtliches Geschäft. Noch halten sich Türsteher, Koberer und verkappten Zuhälter auf der einen Seite und Kunden auf der anderen die Waage. Aber je älter der Abend wird, desto mehr Menschen werden hier auftauchen. Denn Kabukicho, so sagt man in der japanischen Hauptstadt, macht nicht nur jedes Glas voll. Hier erfüllt sich auch jeder noch so abwegige Wunsch, Pandemie hin oder her.

Prostituierte im Keller

"Was ist dein Budget, mein Freund?", fragt der Mann, der sich mittlerweile als Jay vorgestellt hat und jetzt ohne Kompromisse den Weg vorgibt. Von der Hauptstraße, auf der links und rechts Leuchtreklamen strahlen und überall Bars oder Stripclubs auf Besucher warten, biegt er einmal rechts ab, duckt sich dann in eine schmale Tür. Unten im Keller geht Jay nach rechts und öffnet am Ende eine weitere Tür. "Hier sind sie", sagt er in einen engen Raum deutend. "Du sagst mir, welche dir gefällt. Und wenn dir keine gefällt, bring ich dich woanders hin. Du kannst mit mir alles auf Englisch besprechen, dann kriegen sie das nicht so mit!"

In einem büroartigen Kellerraum ohne Fenster oder intensive Lüftungsanlage steht an einer behelfsmäßig aufgebauten Rezeption eine leicht bekleidete Dame mittleren Alters. Hinter mit Vorhängen abgetrennten Kabinen lugen jüngere Frauen hervor. "Mädchen, kommt mal raus. Ein Kunde ist da!" Eine von ihnen steht in Strapsen da, eine andere nackt und mit Handtuch bedeckt. "Ich wäre schon bereit", sagt sie lächelnd. Und Jay flüstert von der Türschwelle: "Für 25.000 Yen (rund 190 Euro) kriegst du hier alles. Massage, Blowjob, Sex. Was du willst. Aber ich kenn dein Budget ja nicht!"

Was mit der Corona-Infektionsgefahr ist? "Oh!", reagiert Jay mit beschwichtigender Gestik, "wenn hier auch nur irgendwas festgestellt wird, ist der Laden sofort zu!" Hier achte man sehr streng auf Hygiene. Deshalb könne man auch trotz Pandemie noch alle möglichen Dienste anbieten. Von einem positiven Corona-Fall habe Jay noch nichts gehört. Ob es daran liegt, dass in Japan generell wenig getestet wird, in einem Schattengeschäft dann noch weniger, will der Mann, der sich als Kenner dieses Viertels präsentiert, nicht beurteilen. Aber so viel gibt Jay zu: "Ein Corona-Fall wäre echt schlimm. Das Geschäft ist wegen der Pandemie sowieso schon schlechter geworden."

Es ist ein Geschäft, das es größtenteils nicht geben darf. Seit etwas mehr als einem halben Jahrhundert ist in Japan Prostitution, definiert als vaginale Penetration, verboten. Offiziell erlaubt sind dagegen Massagen mit "Happy ending", Oralverkehr oder Masturbation vor den Augen einer Person, die fürs Zusehen bezahlt wird. Die sogenannten "kyabakura", in denen Frauen oder Männer wie moderne Geishas ihre Gäste bezirzen, mit ihnen flirten, aber offiziell keinen Sex bieten, sind sogar einigermaßen salonfähig und werden von Arbeitskollegen gemeinsam besucht.

Zwei Milliarden Dollar Umsatz

In wohl kaum einem Land der Welt, das offiziell keine Prostitution erlaubt, wird so viel Geld mit Sex im weiteren Sinn gemacht. Vor einigen Jahren wurden die Umsätze der Branche von einem japanischen Magazin auf zwei Milliarden US-Dollar geschätzt. Allein offiziell gibt es gut 30.000 Unternehmen, die im weiteren Sinn mit Sex ihr Geld verdienen.

Und nichts davon ist in Zeiten der Pandemie verschwunden. Es scheint sogar besonders einfach, sich Sex zu kaufen. Was nicht verwundert, wenn man den Umgang der Politik mit dieser Branche kennt. Als die Regierung im vergangenen Jahr erstmals einen Corona-bedingten Ausnahmezustand ausrief, womit sie von diversen Geschäften eine Schließung fordern konnte, wurden diejenigen, die sich daran hielten, mit Entschädigungszahlungen unterstützt. Davon ausgenommen war die Sexbranche, inklusive ihrer legalen Formen.

Auch Jay ist das anzumerken. Als er missgünstig aus dem Kellerbordell zurück an die Erdoberfläche gestiegen ist, will er für seinen Vermittlungsversuch ein Trinkgeld. "Gib mir 1.000 Yen. Du hast meine Zeit verschwendet." Denn er verdiene diese Tage ohnehin nicht so viel. "Diese traurige Pandemie. Eigentlich hätte Olympia uns viel Geld bringen müssen. Da wären die ganzen Ausländer gekommen und hätten schöne japanische Mädchen und Jungs gesucht. Und ich hätte sie alle vermitteln können."

Die Sache hat sich in die entgegengesetzte Richtung entwickelt. Im Frühjahr 2020 gehörten Lokale der Sexbranche zu den Ersten, die Schlagzeilen als Superspreader machten, was sicher auch daran lag, dass die Öffentlichkeit diesem Milieu die Verbreitung des Virus besonders zutraute. Und seitdem mangelt auch umso mehr an Kundschaft. "Bruder!", ruft auf der Straße ein anderer junger Mann, der ein Geschäft vermitteln will. "Suchst du nuki nuki?" Der schmale Mann, der sich beim Heraneilen als Konan vorstellt, erklärt mit einer dezenten Handbewegung, dass er einen männlichen Orgasmus meint.

"Für Kunden wie dich ist das jetzt super. Es gibt heute mehr Angebot und weniger Nachfrage als vergangenes Jahr. Vielleicht kann ich dir einen guten Preis sichern." Auch Konan lässt durchblicken, dass das Geschäft mit dem Sex in der Corona-Pandemie besonders schwierige Zeiten durchlebt. Und gewissermaßen ist es das, was im Frühjahr 2020 der Komiker Takahashi Okamura witzelnd in seiner Sendung im öffentlichen Rundfunksender NHK vorhersagte: "Viele der schönsten Mädchen werden ihre Jobs verlieren. Also spart euer Geld und wartet ab!"

Der Scherz wurde als anstandslos kritisiert, weil sich Frauen außerhalb sowie innerhalb der Sexbranche beleidigt fühlten. Aber auch deshalb, weil im Spruch wohl ein bisschen Wahrheit steckte. Die Pandemie hat Frauen, die in prekären Jobs auf dem japanischen Arbeitsmarkt überrepräsentiert sind, besonders hart getroffen. Und einige von ihnen, so berichten es mehrere NGOs zumindest in Anekdoten, haben seither in der Sexbranche ein neues Auskommen gesucht.

Ramponierter Ruf

Nur ist deren Ruf so schlecht und unsicher wie lange nicht. Das zeigt sich sogar in den Geschäften, die gar kein "nuki nuki" anbieten. In Akihabara, einem etwas unschuldigeren Vergnügungsviertel, herrscht am Abend Stille, wenn man es mit dem schon verhaltener gewordenen Treiben in Kabukicho vergleicht. Am Straßenrand verteilen in kurze Maidkostüme mit Strapsen gekleidete Frauen Flyer. "Für 3.000 Yen können Sie eine Stunde trinken und sich gut unterhalten", bietet sich eine von ihnen an. Es sei quasi ein Pandemie-Sonderangebot.

Auch die Sexshops, die von Pornografie über Spielzeuge alles Mögliche für den Eigenbedarf anbieten, haben geöffnet, sind aber leer. "Unsere Umsätze liegen heute vielleicht bei der Hälfte gegenüber der Zeit vor der Pandemie", sagt eine Mitarbeiterin an der Kasse. "Aber das Schwarze Brett da drüben, da stehen immer wieder Kunden und machen sich Notizen." An einer dicht beschriebenen und beklebten Wand werden Dienste per Webcam angeboten, was ein neuer Trend sei. "Es kann natürlich sein, dass es dann zu einem richtigen Treffen kommt", sagt die Ladenmitarbeiterin. "Aber damit hätten wir dann nichts zu tun." Aber unwahrscheinlich sei das nicht. Jeder müsse auch von etwas leben.