Herr Bundespräsident, es wäre wirklich wichtig, dass Sie etwas finden, mit dem man die Impfskeptiker überzeugen kann", sagt der Impfstoffforscher Peter Palese zu Alexander Van der Bellen, als dieser ihn in seinem Labor in New York besucht. "Bekomme ich dann den Nobelpreis?", fragt Van der Bellen und sieht Palese verschmitzt an.

Die Atmosphäre ist locker-gelöst, der Besuch bei Palese und Florian Krammer an der Icahn School of Medicine am Mount Sinai Hospital in New York ist ganz nach dem Geschmack von Van der Bellen. Palese, der einst am Biochemieinstitut der Medizinischen Universität Wien studiert hat, und Krammer, dessen Alma Mater die Boku Wien ist, führen den Bundespräsidenten und dessen Frau Doris Schmidauer durch die Labors. Die verwinkelten Gänge sind mit Kisten und Kartons vollgeräumt, auf einem Tischchen stehen Kaffeehäferl und leere Pizzakartons, junge Wissenschaftlerinnen und Laboranten eilen geschäftig und entschlossen durch die Korridore.

Florian Krammer zeigt dem Präsidenten eine Glasplatte mit gefärbten Virus-Präparaten. Als Van der Bellen einige Schwierigkeiten damit hat, die arztgrünen Latexhandschuhe anzuziehen, um die Präparatplatten mit den Fingern zu berühren, meint Krammer scherzhaft: "Gut, dass sie Bundespräsident sind und nicht Virologe" - und bringt damit die ganze Delegation, inklusive Van der Bellen, zum Schmunzeln.

Doch im Gespräch wird es dann rasch ernst. Denn Krammers Kollege Palese hat sich vorgenommen, bei diesem Besuch eine Botschaft unter die Leute zu bringen: "Impfen, impfen, impfen", sagt er, und Krammer fügt hinzu, dass sich nur mit Impfungen die Pandemie schnell und mit möglichst wenig Todesopfern beenden lässt.

Der aus Linz stammende 77-jährige Impfstoff-Forscher Palese, der seit 1971 am Mount Sinai tätig ist, erklärt, dass praktisch allen Ungeimpften das Schicksal einer Infektion drohen würde - samt den bekannten Risiken eines schweren Krankheitsverlaufs. Die Zahl jener, die es ohne Impfung "nicht erwischen" werde, werde verschwindend gering sein, während jene, die durch die Impfung immunisiert sind, kaum befürchten müssen, wegen Covid-19 auf der Intensivstation zu landen. "Ich selbst bin geimpft. Das bedeutet, dass ich an etwas anderem als Covid-19 sterben werde", sagt Palese mit jenem Humor, wie man ihm in Spitälern und Bioforschungseinrichtungen begegnet.

Für Menschen, die das Coronavirus noch immer auf die leichte Schulter nehmen, haben die beiden aus Österreich stammenden Forscher kein Verständnis: Ihr Spital sei damals im Frühjahr 2020 - wie jedes Spital in New York City - völlig mit Corona-Patienten überfüllt gewesen. Im Central Park, gleich gegenüber vom Spital, wurde damals ein Feldspital eingerichtet, die Eingangshalle war voller Patienten, vor dem Spital standen Kühl-Lkw als Behelfs-Leichenkühlhäuser - jede Nacht seien in dieser Zeit rund 80 Patienten verstorben. "Es war gespenstisch", berichtet Krammer. Man müsse die Impfskeptiker warnen, denn: "Die Pandemie ist heute eine Pandemie der Ungeimpften", sagt Palese.

Forschung für ärmere Länder

Dass Palese so stark auf die Wirkung der Impfstoffe vertraut, hat einen Grund: Er arbeitet derzeit gemeinsam mit einer Gruppe von Forschern, zu der auch Krammer gehört, an der Entwicklung eines Covid-19-Impfstoffes für Länder, in denen es aufgrund der knappen Kassen kaum Zugang zu Impfstoffen gibt. Angepeilt wird ein Preis von rund 30 Cent pro Impfdosis für das Serum, es laufen bereits seit einiger Zeit die für eine Zulassung erforderlichen klinischen Tests.

Palese berichtet, dass man vor allem von der Bill und Melinda Gates-Stiftung Fördermittel bekommen habe. Für die Pharmaindustrie hat die Entwicklung eines derart preiswerten Impfstoffes aber keine Priorität, da die Gewinnmargen für ein derartiges Präparat zu niedrig sind. Aber: Länder wie Vietnam, Thailand oder Mexiko hätten großes Interesse an einem solchen Impfstoff und seien auch gewillt, Produktionsanlagen hochzuziehen. Schließlich habe man die schmerzliche Erfahrung machen müssen, dass es schwer ist, in einer Notsituation an Impfstoffe heranzukommen, wenn man über keine eigenen Produktionsanlagen verfügt.

Auf die Frage der "Wiener Zeitung", ob die Freigabe von Patenten dazu führen könnte, dass Impfstoffe schneller und in größerer Menge produziert werden können, zeigte Krammer sich skeptisch. "Es geht nicht nur um die Patente, sondern auch um den Technologietransfer und die Infrastruktur, um den Impfstoff herstellen zu können", sagt er. Selbstverständlich müsse es in einer Pandemie aber vorrangig darum gehen, Menschenleben zu retten.

Wie es mit der Pandemie weitergeht, dazu wagt Krammer keine Prognose. Er rechnet aber damit, dass die Welle der Delta-Variante vorerst global abflaut. Auf der Nordhalbkugel sei aber damit zu rechnen, dass die Virusstämme in der Wintersaison wieder vermehrt auftreten. "Das Virus wird nicht mehr verschwinden, es ist damit zu rechnen, dass es in der Wintersaison immer aufflammt. Mit zunehmenden Impfraten wird sich das aber normalisieren, dann hat man eben eine Erkältung - mehr aber nicht."

Während der Bundespräsident sich im Mount Sinai über den Stand der Forschung bei Vakzinen unterrichten ließ, nahm Bundeskanzler Sebastian Kurz am Rand der UNO-Generaldebatte an einem von US-Präsident Joe Biden initiierten Videogipfel zur Corona-Pandemie teil. Auch er plädierte für die Impfung als "einzigen Weg, das Virus zu besiegen", in seiner Zuschaltung. "Wir können erst von einem Sieg sprechen, wenn die ganze Welt die erforderlichen Impfstoffe erhalten hat."

Kurz verspricht Hilfe

Kurz versprach einen "aktiven Beitrag" Österreichs zur Covax-Impfinitiative der Weltgesundheitsorganisation WHO - "sowohl als EU-Mitglied als auch auf bilateraler Ebene": "Wir haben über zwei Millionen Dosen bilateral an bedürftige Länder gespendet. Außerdem haben wir Pionierarbeit bei der Versorgung der westlichen Balkanländer geleistet durch den EU-Mechanismus zur gemeinsamen Nutzung von Impfstoffen."

In Österreich selbst ist freilich auch noch einiges zu tun: Denn erst 63,47 Prozent der Bevölkerung sind geimpft, in anderen westeuropäischen Ländern wie Portugal (83,3 Prozent), oder Dänemark (74,8 Prozent) ist die Zahl deutlich höher. Österreich werde "alles tun, was wir können, um die Impfraten im eigenen Land zu erhöhen und die Impfungen mit anderen Regionen zu teilen", hielt Kurz fest.

Und der Kanzler sagte zu, dass Österreich bereit sei, schwere Covid-Fälle zur Behandlung in österreichischen Krankenhäusern aufnehmen, sollten die Kapazitäten in den Nachbarländern überschritten sein. Außerdem versprach Kurz, "Sauerstoff und entsprechende Medikamente zu spenden, wann und wo auch immer sie benötigt werden", wenn damit Leben gerettet werden könnten.