Sukkot, das sogenannte Laubhüttenfest, das nun zu Ende gegangen ist, gehört zum dreiwöchigen Zyklus des jüdischen Neujahrsfestes. Sukkot beginnt im Herbst fünf Tage nach Versöhnungstag Jom Kippur, am 15. Tischri, und endet nach sieben Tage am 21. Tischri. Es steht im Zeichen der Freude und Fröhlichkeit und heißt in der Bibel Sman Simchatenu (Zeit unserer Fröhlichkeit). Tischri ist der erste Monat im bürgerlich-jüdischen Kalender und kann in den Zeitraum von Ende September bis Mitte Oktober fallen. In Israel ist nur erste Tag ein voller Feiertag, in der Diaspora sind es die beiden ersten Tage; die fünf Folgetage gelten als halbe Feiertage. Der letzte davon heißt Hoschana Raba ("O Herr, hilf uns") und bildet als siebenter Tag von Sukkot den Abschluss des Laubhüttenfestes.

Hoschana Raba hat bereits zur Zeit des Zweiten Tempels liturgisch eine Sonderstellung. Bis zu Hoschana Raba kann der göttliche Urteilsspruch für das kommende Jahr noch durch gute Taten, Gebet und innere Einkehr abgeändert werden. An Sukkot schließen Schemini Azereth (der achte Tag der Versammlung) und Simchat Thora (das Thora-Fest) als eigene Festtage an. Das Laubhüttenfest wurde heuer vom 20. bis zum 27. September gefeiert, Schemini Azereth fällt auf den 28. September, Simchat Thora auf den 29. September.

Anfang und Ende zweier natürlicher Jahreshälften Israels

Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren und überlebte als "U-Boot". Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert. 
- © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Fritz Rubin-Bittmann wurde 1944 in Wien als Sohn jüdischer Eltern geboren und überlebte als "U-Boot". Er ist Arzt für Allgemeinmedizin (2016 mit dem Berufstitel Professor ausgezeichnet) und hat zu Zeitgeschichte und Religionsphilosophie publiziert.

- © Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Sukkot ist das dritte Wallfahrtsfest (Schalosch Regalim) nach Pessach (Ostern) und Schawuot (Pfingsten) und hat sich in der Zeit des Zweiten Tempels zu einem Erntedankfest herausgebildet. Zu den drei Wallfahrtsfesten pilgerten während der Zeit des Tempels tausende Juden nach Jerusalem, um Dankesopfer darzubringen. Zu Sukkot setzte in Israel zu biblischen Zeiten meist der Winterregen des neuen Jahres ein. Es wird daher im Gebet von Sukkot bis Pessach täglich dreimal die Lobpreisung Gottes, "der den Wind wehen lässt und den Regen herniederbringt", eingefügt. Dadurch sind Pessach und Sukkot Anfang und Ende zweier natürlicher Jahreshälften in Israel.

Der Dank für den Segen der Natur ist dem Ewigen geschuldet, und daher wird zu Sukkot zu Ehren des Ewigen ein Feststrauß (Lulav) in den Händen der Beter getragen. Im Hallel-Gebet (Halleluja leitet sich davon ab) wird dieser Feststrauß unter Rezitation von Psalmen in sechs Richtungen (in die vier Himmelrichtungen sowie nach oben und unten) geschüttelt. Dieser Feststrauß besteht aus vier Arten von Pflanzen (Arba’a Minim): dem Etrog (einer zitronenartigen Frucht), dem Lulav (dem Zweig einer Dattelpalme), der auch dem gesamten Strauß seinen Namen verleiht, den Hadassim (Myrtenzweigen) und Arawot (Bachweidenzweigen). Den Etrog nimmt der Betende in eine Hand, Lulav, Hadassim und Arawot werden zusammengebunden und in der anderen Hand getragen.

Die Arba’a Minim haben jeweils unterschiedliche Eigenschaften und symbolisieren vier Menschentypen des jüdischen Volkes: Der Etrog duftet wohlriechend und schmeckt gut. Er entspricht jenem, der die Torah studiert und die Gebote einhält. Der Lulav ist geruchslos, aber seine Dattelfrucht schmeckt gut. Er entspricht dem Typ, der die Torah kaum studiert, aber Gebote und Pflichten erfüllt. Hadassim sind schön, aber riechen nicht. Damit ist jener gemeint, der die Torah studiert, aber die Gebote nicht hält. Arawot schmecken nicht und riechen nicht. Damit ist jener gemeint, der weder studiert noch die Gebote einhält. In der Symbolik bedeutet der gesamte Feststrauß die gemeinschaftliche Verantwortung aller. Im Talmud (Sukkah 37b) gibt es eine Erklärung, die die vier Arten und alles, was mit ihnen zusammenhängt, an die Schöpfung der Welt durch Gott erinnern lässt. Beim Schütteln des Lulav werden Segenssprüche gesprochen sowie Gebete um Regen für das Land Israel.

Auszug aus Ägypten und Wüstenwanderung

Sukkot gilt aber nicht nur der Freude über die Einbringung der Ernte, sondern es hat wie alle drei Wallfahrtsfeste (Schalosch Regalim) auch einen historisch-landwirtschaftlichen Doppelcharakter: Das Laubhüttenfest erinnert an die Wüstenwanderung des Volkes Israel nach dem Auszug aus Ägypten. Während des Laubhüttenfestes soll in einer Laubhütte (Sukka) gewohnt, geschlafen, gegessen und gefeiert werden, um sich das provisorische Leben während der Wüstenwanderung zu vergegenwärtigen. Das Gebot, in der Sukka zu sitzen, hat auch einen religiösen Hintergrund, der in Levitikus (Wajikra, drittes Buch Moses 23,42-43), erwähnt wird: "In Hütten sollt ihr wohnen viele Tage; alle, die in Israel einheimisch sind, sollen wohnen in Hütten, damit es eure Nachkommen erfahren, dass ich in Hütten habe wohnen lassen die Kinder Israels, da ich sie herausgeführt habe aus dem Lande Mizrajim (Ägypten, Anm.)."

In der talmudischen Zeit erhielt Sukkot eine neue, wichtige Bedeutung: Die Lesung der gesamten Thora (aller fünf Bücher Moses) wurde zu Simchat Thorat beendet, und sofort wurde mit der Lesung des ersten Buches Moses begonnen. Daher erklärt man diesen Tag zum "Fest der Thora-Freude". Auf Sukkot folgt sofort Schemini Azereth, das Schlussfest, das in der Bibel als "Schlussversammlung des Volkes" das Ende des dreiwöchigen Feiertagszyklus des Herbstmonats Tischri darstellt. Beim Gottesdienst zu Simchat Thora werden sämtliche Thora-Rollen der Gemeinde aus dem Schrein hervorgeholt und in feierlicher Prozession mit Tänzen und Gesängen siebenmal um den Almemor (das Betpult des Vorbeters) herumgetragen, gemäß dem Psalm 66: "Aus der Mitte soll mein Wort hervorgehen."

Sukkot hat im Laufe der Jahrhunderte Veränderungen erfahren, die sich in biblischen und nachbiblischen Texten widerspiegeln. Im Buch Exodus 23,16-19 (hebräisch: Schemot) wird es als Chag haAssif (Fest des Einsammelns) bezeichnet. Im Buch Levitikus (Wajikra) 23,34 heißt es Chag Hasukkot (Laubhüttenfest) im Deuteromonium, dem fünften Buche Moses (Devarim), nennt man es Sman Cheruteinu (Zeit der Festfreude). Erst nach dem babylonischen Exil wurde das Datum auf den 15. Tischri festgelegt. Der nachexilische Prophet Ezechiel (hebräisch: Jecheskiel) spricht von Sukkot.

Der Prophet Nechemia gibt ausführliche Anleitungen zum Bau der Sukka, die das Provisorium des Lebens in der Wüste symbolisieren soll. König Salomon hat den Ersten Tempel (den Salomonischen Tempel) zu Sukkot eingeweiht. Der Prophet Zacharia erwähnt die Gebete im Zusammenhang mit der Regenzeit und betont die Bedeutung als Erntedankfest. Flavius Josephus und Philo von Alexandrien erwähnen den Doppelcharakter von Sukkot als historisch-landwirtschaftliches Fest. Im Talmud und im Gesetzeskodex des Schulchan Aruch sind Vorschriften über den Bau der Sukka enthalten. In Johannes 7,2-37 ruft Jesus am letzten Tag des Laubhüttenfestes diejenigen, die Durst haben, zu sich.

Alle zusammen unter der Sukka, wenn der Messias kommt

Für Maimonides (Moses Ben Maimon), einen der größten Philosophen des Judentums, symbolisiert die Sukka ein Provisorium für das karge Leben Israels in der Wüstenzeit und mahnt zur Bescheidenheit. Der große jüdische Bibelexeget Raschi (Rabbi Schlomo Ben Jitzchak) und ihm nachfolgend Nachmanides wiederum sehen in der Laubhütte ein Symbol für den göttlichen Schutz. In der Chabad-Bewegung wird auf die großen jüdischen Gelehrten hingewiesen, denen zufolge alle Juden unter der Sukka zusammensitzen werden, wenn der Messias kommt.

Geschichtlich interessant ist, dass nach der Eroberung Jerusalems im Jahe 70 der Zeitzählung Juden, die sich in Italien, auf Sizilien, in Griechenland und in Spanien ansiedelten, den Etrog (Zitronatzitrone), den sie zuvor im Heiligen Land angebaut hatten, einführten. Sukkot ist auch ein Ortname, und zwar jenes Ortes im Nil-Delta, den die Juden nach dem Auszug aus Ägypten als ersten erreichten. Interessanterweise kommt das Wort Sukkot bereits im Buch Genesis, im ersten Buch Moses (Bereschit) 33,17 vor, und zwar in der Erzählung über das Leben Jakobs: "Und Jakob brach auf nach Sukkot und baute sich ein Haus, und seiner Herde machte er Hütten." Daher nannte man den Ort Sukkot.

Auch in Kunst und Literatur wird Sukkot thematisiert. Im Kunsthandwerk wurden besondere Silberbehälter zur Aufbewahrung des Etrog gefertigt. Auf verschiedenen Mosaiken im Heiligen Land wurden antike Darstellungen von Etrog und Lulav gefunden. Marc Chagall malte 1916 eine Laubhütte und einen Mann mit dem Lulav (Feststrauß). Von Isidor Kaufmann, einem bedeutenden Maler des 19. Jahrhunderts, gibt es zahlreiche Gemälde, die sich mit dem Thema Sukkot beschäftigen. Berühmt ist das Bild eines sephardischen Juden, der Lulav und Etrog in den Händen hält. Der Dichter Schalom Aleichem wiederum hat sich in mehreren Kurzgeschichten mit dem Laubhüttenfest beschäftigt. Jizchak Leib Perez, einer der Großen der jiddischen Literatur, hat Sukkot in vielen Erzählungen behandelt. Auch der hebräische Dichter Chaim Nachman Bialik hat Festfreude und Naturbegegnung zum Laubhüttenfest in seinem Gedicht "Fremde" rezipiert.

Sukkot hat auch einen universellen Charakter. Rabbi Joachanan Ben Sakkai, der nach der Zerstörung des Zweiten Tempels durch Titus in der Gelehrtenschule in Jawne das Judentum bewahrte, erklärte: "Für jede der bekannten Nationen - es waren 70 - ist zu Sukkot im Tempel zu Jerusalem ein Stier geopfert worden. Die Opferung war gedacht, um den Frieden in der Welt herbeizuführen."