Vor einem Jahr bekämpften einander die beiden Nachbarländer Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach, eine ethnische Enklave in Aserbaidschan, in der seit Jahrhunderten mehrheitlich christliche Armenier leben. Aserbaidschan ging vor allem aufgrund seines massiven Einsatzes von Drohnen als Sieger aus den Kämpfen hervor.

Armenier gedenken der Opfer des Krieges gegen Aserbaidschan. - © afp / Minasyan
Armenier gedenken der Opfer des Krieges gegen Aserbaidschan. - © afp / Minasyan

Hayk Makiyan stand selbst an der Front. Der 30-jährige Armenier meldete sich freiwillig bei der Armee. Dass er in den ersten echten Drohnenkrieg der Geschichte ziehen würde, wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Über die militärische Unterlegenheit der armenischen Armee und seine Erfahrungen mit aserbaidschanischen Drohnen im Kriegsgebiet, hat er mit der "Wiener Zeitung" gesprochen.

"Wiener Zeitung": Bis zum Ausbruch des Krieges waren Sie professioneller Musiker. Sie haben Bratsche in einem Streichquartett gespielt. Warum haben Sie sich freiwillig bei der armenischen Armee gemeldet?

Hayk Makiyan: Ich hatte das Gefühl, dass ich etwas machen muss. Wenn ein Krieg ausbricht, kann man nicht einfach weitermusizieren. Ein Teil meiner Familie stammt aus Bergkarabach, die Gegend bedeutet uns sehr viel. Und viele meiner Freunde wurden eingezogen, auch einer meiner Musikerkollegen. Der Krieg hat uns alle betroffen.

In Armenien gilt für Männer eine Wehrpflicht. Waren Sie darauf vorbereitet zu kämpfen?

Mit 18 Jahren wurde ich zum Militär eingezogen und damals als Artillerie-Kommandant ausgebildet. Aber in den vergangenen zehn Jahren habe ich meine Hände nur fürs Musizieren eingesetzt. Als ich mich im vergangenen Jahr wieder bei der Armee registriert habe, haben sie mich nicht sofort an die Front geschickt. In den ersten Wochen habe ich deshalb vor allem geschrieben und versucht, die Ereignisse zu dokumentieren. Am 21. Oktober, kurz nachdem der Bruder eines Freundes bei den Kämpfen getötet wurde, konnte ich nicht mehr herumsitzen. Einige von uns haben ein Freiwilligen-Bataillon gegründet und sind dann zu acht aufgebrochen.

Woher haben Sie die Ausrüstung bekommen?

Die Armee hat uns AKs gegeben, schusssichere Westen und Helme. Und Granaten. Als jedoch ein erfahrener Soldat unsere Granaten inspizierte, meinte er, dass sie in einem so schlechten Zustand seien, dass wir uns damit selbst in die Luft sprengen würden, sollten wir sie einsetzen.

Über die militärische Unterlegenheit Armeniens wurde bereits viel berichtet. Wie alt war die Ausrüstung, die Sie erhielten?

Die Helme und Jacken, die wir verwendet haben, stammten aus der Sowjetzeit, die AKs aus dem Jahr 1974. Der schlimmste Moment war für mich, als ich verstand, dass unsere Armee teilweise Geräte verwendet, die heutzutage nicht mehr hergestellt werden. Und das, obwohl die vergangenen Jahre wie eine Sanduhr für uns waren und Korn für Korn der Krieg näher gerückt ist. Wir waren einfach nicht vorbereitet. Das hat zu einem großen Teil mit fehlender Bildung und Ausbildung zu tun. Wir dachten, wir würden in einen Krieg aus den Neunzigerjahren ziehen. Manche Soldaten hatten keine Ahnung, was sie da eigentlich taten. Sie waren die Ersten, die gestorben sind.

Haben Sie ein Training bekommen, bevor Sie an die Front eingerückt sind?

Ja, das hat einen Tag lang gedauert. Dabei haben wir zwölf Schüsse abgefeuert, und das war’s. In einem Tag lernt man nichts. Das war eher eine Art mentale Vorbereitung, um zu verstehen, wo wir hingehen würden und was passieren wird. Der Kommandeur hat uns gesagt, dass wir eine Schaufel mitbringen sollen, damit wir Löcher in den Boden graben können. In diesen Löchern, meinte er, können wir zumindest drei Tage überleben. Und er hat gesagt, dass wir unseren Familien sagen sollen, dass auch sie zuhause Löcher für uns graben sollen für den Tag, an dem wir zurückkommen. Es hat sich nicht angefühlt, als würden wir in einen Krieg ziehen, um zu gewinnen. Sondern eher, als würden wir losziehen, um zu sterben.

War Ihnen bewusst, dass Sie in den ersten echten Drohnenkrieg ziehen, wie manche Beobachter meinen?

Nein. Aber mir war bewusst, dass wir nichts über diesen Krieg wussten. Das hat mir Angst gemacht, diese Unwissenheit.

Erinnern Sie sich an den Moment, als Sie verstanden haben, dass Sie gegen Drohnen angetreten waren?

Auf dem Schlachtfeld war zunächst alles unübersichtlich. Du konzentrierst dich am Anfang nicht auf ein einzelnes Geräusch. Aber irgendwann sind die Drohnen das Einzige, was du hörst. Es klang wie ein Motor, wie ein schlecht laufender Motor. Das Perfide daran ist, dass du weißt, dass du das Ziel bist und du nichts dagegen tun kannst. Als wir an der Front ankamen haben wir sofort verstanden, dass wir Tag für Tag aufs Neue überleben müssen.

Wie haben Sie sich geschützt?

Wir haben Löcher in den Boden gegraben und uns dort versteckt. Wir haben schnell verstanden, dass die Drohnen nach einem bestimmten Zeitplan arbeiten. Zum Beispiel wurden wir jeden Tag von sechs bis sieben Uhr morgens ununterbrochen attackiert. Das hatte zum Ziel, dass wir die Nerven verlieren. Viele von uns hatten irgendwann keine Geduld mehr. Jedes Mal, wenn wir auf die Toilette mussten oder uns einfach nur strecken wollten, haben wir wieder dieses Geräusch gehört. Die Leute, die aus ihren Löchern raus sind, wurden attackiert, sind gestorben oder haben sich verirrt. Mindestens einmal in der Stunde wurde eine Drohne geschickt. Manchmal, um die Gegend abzusuchen, manchmal, um uns zu attackieren.

Wie haben Sie die Drohnen zu bekämpfen versucht?

Das Einzige, was wir hatten, waren die Kalaschnikows und die Granaten, und damit kann man nichts gegen solche Drohnen ausrichten. Wir haben einfach nichts gemacht. Die einzige Lösung war, im Loch zu bleiben und sich nicht zu bewegen, die Munition zu sparen und zu hoffen. Meine Erfahrung ist nichts im Gegensatz zu der Hölle, durch die andere Soldaten gegangen sind. 18-jährige Soldaten, die zeigen wollten, wie mutig sie sind.

Aserbaidschan hat vor allem zwei verschiedene Drohnenarten eingesetzt - sogenannten "Kamikaze-Drohnen" aus Israel und den Typ "Bayraktar" aus der Türkei. Haben Sie sich als Soldat Gedanken über die Rolle dieser anderen Länder, die Drohnen produzieren und verkaufen, gemacht?

Über so etwas kann man nur nachdenken, wenn Frieden ist. Dann kann man nachdenken. An der Front haben wir ans Überleben gedacht. Es wäre naiv, die Verantwortung dafür, dass wir den Krieg verloren haben, auf Israel oder die Türkei zu schieben. Wir Armenier müssen verstehen, dass wir für den Krieg bereit sein müssen. Ich wünsche mir nicht, dass es noch einmal zu einem Krieg kommt. Aber wir müssen darauf vorbereitet sein. Das heißt: Unsere Abwehrsysteme, unsere Ausrüstung, unsere Ausbildung muss besser werden. Und wenn notwendig, dann müssen auch wir Drohnen einsetzen.

Wenn wir über Technologien sprechen, meinen wir damit oft Fortschritt. Inwiefern markierten dieser Krieg und der Einsatz von Drohnen einen Wendepunkt in der Geschichte der Kriegsführung?

Wir waren eine Bühne für die Welt, auf der gezeigt wurde, was man mit neuen Technologien anrichten kann.

Sie arbeiten heute vor allem als Journalist. Vor dem Krieg waren Sie professioneller Musiker. Spielen Sie noch?

Es gibt eine Metapher, die lautet: Wir werden wieder zu dem, was wir waren. Mein Streichquartett spielt wieder. Musik und Kunst helfen uns, um das alles zu überstehen. Wir versuchen jeden Moment, den wir haben, wertzuschätzen. Das ist die beste Art, um jene, die gestorben sind, zu ehren.

"Es klang wie ein schlecht laufender Motor": Ex-Soldat Makiyan über den Kampf mit Drohnen. - © Narek Hayryan
"Es klang wie ein schlecht laufender Motor": Ex-Soldat Makiyan über den Kampf mit Drohnen. - © Narek Hayryan