Die Taliban wollen entgegen anderslautender Ankündigungen die höheren Schulen nun vorerst doch nicht für Mädchen öffnen. Diese könnten nun so lange nicht am Unterricht teilnehmen, bis ein im Einklang mit dem islamischen Recht erarbeiteter Plan ausgearbeitet sei, kündigten die Taliban am Mittwoch an. Lehrer und Schüler von drei Gymnasien in der Nähe der Hauptstadt Kabul sagten, die Mädchen hätten Mittwoch früh die Weisung erhalten, wieder nach Hause zu gehen.

Zuvor seien sie aufgeregt auf die Schulgelände zurückgekehrt, wurde erzählt. Viele Schülerinnen seien unter Tränen wieder gegangen. "Wir waren alle enttäuscht und völlig verzweifelt, als die Schulleiterin es uns sagte, die auch weinte", sagte eine Schülerin, deren Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden soll.

Während der ersten Taliban-Herrschaft in Afghanistan, die von 1996 bis 2001 dauerte, waren Bildung und die meisten Berufe für Frauen verboten. Die internationale Gemeinschaft hat die Bildung von Mädchen zu einer der Hauptforderungen für eine künftige Anerkennung der Taliban-Regierung gemacht, die die Macht im Land im August 2021 nach dem Abzug der ausländischen Truppen übernommen hatte.

Nur sehr kurze Rückkekhr in die Klassen

Das Bildungsministerium hatte in der vergangenen Woche angekündigt, dass die Schulen für alle - einschließlich der Mädchen - an diesem Mittwoch landesweit öffnen würden. Zuvor hatte es monatelange Beschränkungen für die Ausbildung von Mädchen im höheren Schulalter gegeben. Noch am Dienstagabend veröffentlichte ein Sprecher des Bildungsministeriums ein Video, in dem er allen Schülerinnen zur Rückkehr in den Unterricht gratulierte.

Nun hieß es jedoch in einer Mitteilung des Bildungsministeriums, dass die Schulen für Mädchen geschlossen würden, wie die staatliche Nachrichtenagentur Bakhtar News berichtet. "Wir informieren alle Mädchengymnasien und jene Schulen, die Schülerinnen über der sechsten Klasse haben, dass sie bis zur nächsten Anweisung geschlossen sind", hieß es in der Mitteilung. Eine Insider aus der Taliban-Verwaltung bestätigte der Nachrichtenagentur Reuters, dass die Schulen für Mädchen in Kabul vorerst geschlossen bleiben.

"Ich habe beunruhigende Berichte gehört, dass Schülerinnen ab der sechsten Klasse von den Behörden nicht mehr in die Schule eingeladen werden", twitterte Deborah Lyons, die Leiterin der Mission der Vereinten Nationen in Afghanistan (UNAMA). "Wenn das stimmt, was könnte der Grund dafür sein?"

Die Taliban versuchen, das Land nach ihrer Auslegung des islamischen Rechts zu regieren und gleichzeitig Zugang zu Milliarden von Dollar an Hilfsgeldern zu erhalten. Diese werden dringend benötigt, um die weit verbreitete Armut und den Hunger zu bekämpfen.

Musikverbot und Begleitgebot für Frauen

Seit ihrer Rückkehr an die Macht Mitte August 2021 haben die Taliban immer strengere Vorschriften für das öffentliche Leben erlassen. So wurden etwa Autofahrer angewiesen, im Fahrzeug keine Musik abzuspielen. Zudem sollen Frauen ohne männliche Begleitperson nicht weiter als 45 Meilen (etwa 72 Kilometer) reisen dürfen. Frauen können in vielen Fällen nicht mehr zurück an ihre Arbeitsplätze. Viele flohen seit der Machtübernahme der Islamisten aus dem Land.

Während der ersten Herrschaft der Taliban von 1996 bis 2001 waren diese Frauen und Mädchen praktisch vollständig von Bildung und Arbeit außerhalb ihres Hauses ausgeschlossen. Westliche Länder machen eine Anerkennung der Taliban-Regierung unter anderem von Fortschritten bei Frauenrechten abhängig.

Das Recht von Frauen auf Bildung ist eine der Hauptbedingungen der internationalen Gemeinschaft für Hilfen an die nicht anerkannte Taliban-Regierung. Als die Islamisten im August letzten Jahres die Macht übernahmen, hatten sie offiziell wegen der Corona-Pandemie alle Schulen geschlossen. Zwei Monate später durften nur Buben und einige jüngere Mädchen den Unterricht wieder aufnehmen. (apa,dpa)