Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), auch Weltkirchenrat genannt, wird nach Ansicht seines Interimsgeneralsekretärs Ioan Sauca Mitte Juni über einen möglichen Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche sprechen. Sauce betonte gegenüber der italienisch-katholischen Nachrichtenagentur SIR, dass er der Entscheidung des zuständigen Zentralausschusses nicht vorgreifen könne. "Aber ich glaube, dass es eines der heißesten Themen auf dem Tisch sein wird", mutmaßte der rumänisch-orthodoxe Theologe.

Die Erklärungen des Moskauer Patriarchen Kyrill I. hätten "einen wahren Schock in der ökumenischen Welt" verursacht. Der Patriarch ist ein Verbündeter von Präsident Wladimir Putin und rechtfertigt den russischen Krieg gegen die Ukraine. Deswegen drängten einige Kirchen auf einen Ausschluss der russisch-orthodoxen Kirche. Eine solche Entscheidung könne jedoch nur der Zentralausschuss fällen – und das "erst nach einer ernsthaften Anhörung sowie Besuchen und Dialogen mit den betroffenen Kirchen".

"Wir alle fühlen uns hoffnungslos, wütend, frustriert, enttäuscht", erklärte der ÖRK-Generalsekretär der SIR. Es sei verständlich, sofortige und radikale Entscheidungen emotional treffen zu wollen. Christen sei jedoch der "Dienst der Versöhnung anvertraut".
"Es ist leicht, auszugrenzen, zu exkommunizieren, zu dämonisieren. Aber wir sind als ÖRK berufen, eine Plattform für Begegnung, Dialog und Zuhören zu sein, auch wenn wir anderer Meinung sind", mahnte Sauca.

Früherer Umgang mit anderen Kirchen

Im Gespräch mit SIR erinnerte der Theologe an den Fall der niederländischen reformierten Kirche in Südafrika. Diese hatte Apartheid theologisch unterstützt, was zu heftigen Debatten und Verurteilungen durch andere ÖRK-Mitgliedskirchen führte. Am Ende habe sich diese Kirche selbst aus dem ÖRK ausgeschlossen, da sie der Ansicht war, dem ÖRK nicht länger angehören zu können. Inzwischen sei diese Kirche wieder im Weltkirchenrat aufgenommen.

Der Zentralausschuss ist das höchste Leitungsgremium des weltweiten Ökumenischen Rates der Kirchen zwischen den Vollversammlungen. Er soll vom 15. bis 18. Juni zusammentreten, um vor allem die XI. Vollversammlung des Weltkirchenrats Anfang September in Karlsruhe vorzubereiten. Diese steht unter dem Motto: "Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt."

Im Weltkirchenrat vertreten sind vor allem evangelische, anglikanische und orthodoxe Kirchen. Die Gründungsversammlung trat 1948 in Amsterdam zusammen – damals waren 147 Mitgliedskirchen dabei. Heute sind es rund 350 Kirchen verschiedener Ausprägungen aus allen Weltregionen. Die römisch-katholische Kirche ist kein Vollmitglied, versteht sich aber als enger Partner des ÖRK. (apa/kap)