Am Osterdienstag hat die Katholische Kirche in Österreich den Startschuss für eine groß angelegte Jugendmissionierung gegeben. Mit teils ungewöhnlichen Aktionen will sie Fernstehende ansprechen. Dazu passt jene Veranstaltung, die der Auftakt für ein Jubiläumsjahr ist: In der Wiener Votivkirche geht nämlich diesen Freitag das audiovisuelle Konzert "Electric Church - On A Hill" über die Bühne, mit dem die Päpstlichen Missionswerke (kurz: Missio) in Österreich ihr 100-jähriges Bestehen feiern.

Der Star-DJ und Musikproduzent Sergio Manuel Flores lässt dabei Klassik, Pop und Elektromusik miteinander verschmelzen, gemeinsam mit namhaften Künstlern wie dem russisch-österreichischen Stargeiger Yury Revich, dem schwedische Stimmkünstler Linus Norda, der österreichischen Singer-Songwriterin Loretta Who, dem deutschen Countertenor Nils Wanderer und einem Streicherquartett. Das international erfahrene Duo Gery und Eva Herlbauer inszeniert das Spektakel mit opulenten Videoprojektionen.

"Wir sind nicht bloß ein Hilfswerk", betont Missio-Nationaldirektor Pater Karl Wallner (hier in Nigeria). Der Glaube spielt aber natürlich eine Rolle. - © Misso / Simon Kupferschmied
"Wir sind nicht bloß ein Hilfswerk", betont Missio-Nationaldirektor Pater Karl Wallner (hier in Nigeria). Der Glaube spielt aber natürlich eine Rolle. - © Misso / Simon Kupferschmied

Und weil es ja eine christliche Veranstaltung ist, dreht sich "On A Hill" inhaltlich um die Bergpredigt, die Persönlichkeiten wie Mahatma Ghandi, Martin Luther King jr., Mutter Teresa oder Franz von Assisi beeinflusst hat. Flores will zeigen, "dass die Inhalte der Bergpredigt nicht nur für die Gesellschaft im Allgemeinen Gültigkeit haben, sondern das Leben der Menschen zum Besseren verändern." Würde sich jeder Einzelne auch nur zu einem kleinen Teil daran halten, "gäbe es viel mehr Frieden auf der Welt".

Das Ganze ist natürlich ein Benefizkonzert. Der Reinerlös sollte eigentlich an ein Krankenhausprojekt in Südostafrika gehen, nun fließt aber ein Teil auch in die Ukraine-Hilfe. Ganz im Sinne der Bergpredigt: "Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.  Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.  Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden." Und so wie Jesus in seiner Bergpredigt hat auch Pater Karl Wallner, Missio-Nationaldirektor in Österreich, einen ganzheitlichen Blick auf den Hunger: Er will nicht nur den physischen stillen, sondern auch den religiösen. Und zwar auf eine Weise, die von Pauline Marie Jaricot vorgegeben wurde.

"Wir sind nicht bloß ein Hilfswerk"

Die Tochter eines reichen Seidenfabrikanten, die ab 1816 nach einem Bekehrungserlebnis ihr Vermögen an Arme verschenkte, legte im Mai 1822 den Grundstein für die 1922 von Papst Pius XI. ins Leben gerufenen Päpstlichen Missionswerke, als sie in Lyon das "Werk der Glaubensverbreitung" und später den "Lebendigen Rosenkranz" gründete. 1862 starb sie in Armut, nachdem die Verwalter eine Erzhütte, die sie arbeiterfreundlich hatte führen wollen, in den Ruin getrieben hatten. Jaricot, die am 22. Mai in Lyon seliggesprochen wird, setzte auf zwei Werkzeuge: Gebet und Spende. Ein echter Christ ist man demnach dann, wenn man auf Gott vertraut und betet, gleichzeitig aber auch bereit ist, aktiv zu werden und konkret gegen das Leid auf dieser Welt etwas zu tun.

Ein Motto, das auch Papst Franziskus ausgegeben hat. "Wir unterstützen und stärken die Kirchen in den Missionsländern in allen Projekten, die sie an uns herantragen. Aber wir sind nicht bloß ein Hilfswerk", betont Nationaldirektor Wallner. "Wir können Geld in diese Länder pumpen ohne Ende, wir können Bäuche füllen, das ist sicher gut. Aber das, was immer hungrig bleibt, ist die Seele." Neben den humanitären Projekten gehe es auch um ein Zeugnis der Nächstenliebe. "Jeder Priester in Afrika ist sozusagen der Sozialminister seines Dorfes. Es gibt dort sonst keine soziale Infrastruktur."

"Mission" statt "Missionierung"

Natürlich stärkt der humanitäre Einsatz auch die Position der Kirche in den mehr als 150 Ländern, in denen Missio aktiv ist. Mission dürfe aber nicht indoktrinieren, betont Wallner. Deshalb benutzt er auch nicht gern den Begriff "Missionierung", der stark mit Kolonialismus und europäischem Kulturimperialismus verknüpft ist. "‚Mission‘ hingegen sehen wir ganz positiv, weil es im Englischen bedeutet, eine Sendung zu haben - genau das ist es ja letztlich auch." Er bekräftigt auch die Unabhängigkeit von Missio, sei es gegenüber staatlicher und anderer institutioneller Einflussnahme, aber auch in die Falle von Ideologien, ob links oder rechts, dürfe man ebenso wenig tappen wie in Utopismen: "Wir wollen mit allen Kräften diese Erde verbessern, aber Jesus hat selbst gesagt: ‚Arme werdet ihr immer unter euch haben.‘ Das ist ein sehr trauriges Wort, aber auch ein sehr realistisches. Wir können bei allem Einsatz die Weltprobleme nicht lösen." Fatalismus und Resignation seien trotzdem nicht angebracht, denn wenn "jeder im Konkreten, im Einzelnen durch die kleine Tat, das kleine Gebet, die kleine Spende sein Bestmögliches zu tun versucht, geschieht eine wirkliche Weltveränderung".

Was den Missio-Nationaldirektor immer wieder beeindruckt, sind die Menschen, denen er in der Mission begegnet: "Bei uns sind Ordensfrauen meist liebe Omas, aber ich habe im Senegal, wo nur 5 Prozent Christen sind, echte Powerfrauen aus Österreich getroffen, die dort in Schulen wirken." Er schwärmt von starken Führungspersönlichkeiten, die selbst in islamisch geprägten Gesellschaften eine Kraft entfalten, die sie sonst nicht hätten. "Die sich einsetzende, in der Nächstenliebe stehende Frau wird dort respektiert. Wir hatten das ja bei Mutter Teresa, wo in einem hinduistisch geprägten Land eine katholische Ordensschwester ein Staatsbegräbnis bekommen hat, weil sie sich einfach den Respekt aller erworben hatte."

Mission findet aber nicht nur im globalen Süden statt. Auch in Europa sei sie heute wieder notwendiger denn je, meint Wallner. Das Christentum habe hier zwar eine außerordentliche Erfolgsgeschichte geschrieben, aber während er auf anderen Kontinenten eine viel größere Offenheit für das Religiöse erlebe, sei Europa heute diesbezüglich "das Krisengebiet Nummer eins - wir sind vielfach eine verängstigte Chamberlain-Kirche geworden, die versucht, sich zu arrangieren, bloß nicht anzuecken". Er wünscht sich "keine fanatische Rabauken-Kirche, aber eine mit mehr Profil in der Verkündigung der Hoffnung, die Christus uns geschenkt hat". Und auch mehr Wertschätzung für den Glauben. Europa dürfe nicht vergessen, dass der altruistische Humanismus dem Christentum entspringe.

Spendenbereitschaft auch in der Corona-Pandemie

Die Pandemie war hier eine Zäsur - aber nicht unbedingt im negativen Sinn. Bei Missio wurden die Corona-Lockdowns auch für eine neue Form der Seelsorge genutzt. Wallner und sein Team haben die Menschen dazu eingeladen, ihnen Sorgen und Probleme zu schicken, die dann als Fürbitten in den Livestream-Messen vor Gott gebracht wurden. Allein im ersten halben Jahr langten 32.000 Fürbitten aus dem deutschsprachigen Raum via E-Mail und Post ein.

Auch sonst hat Missio in der Pandemie viel Zuwendung erfahren, und zwar weit mehr als gedacht. Hatte Wallner anfangs "die Riesenpanik, dass uns die Spender davonlaufen würden", zeigte sich, dass die Krise sogar für höhere Spenden sorgte. "Natürlich ist die Flut der Hilfsansuchen in den Ländern, wo wir tätig sind, enorm. Aber ich bin sehr stolz auf unsere Spenderinnen und Spender, die gerade in dieser schwierigen Zeit auch an andere denken, die weit weg sind."