Erika Freeman bekommt heuer ein ganz besonderes Geburtstagsgeschenk. Am heutigen Freitag, wenn die weltberühmte Psychoanalytikerin und Holocaust-Überlebende 95 Jahre alt wird, will ihr Wiens Bürgermeister Michael Ludwig im Roten Salon des Wiener Rathauses die österreichische Staatsbürgerschaft verleihen. Diese hat die gebürtige Wienerin nämlich im Zuge der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Österreich und ihrer Vertreibung beziehungsweise Flucht in die USA verloren.

Geboren wurde Erika Freeman am 1. Juli 1927 in Wien als Erika Poliesuk. In ihrer Familie gab es Zionisten der ersten Stunde, und auch sie selbst steht in dieser jüdisch-zionistischen Tradition, die ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens ist. Die elegante Dame, der man ihre nun 95 Jahre nicht eben anmerkt, ist also Shoah-Überlebende, Zeitzeugin per excellence, Altösterreicherin und Amerikanerin. Und als Psychoanalytikerin betreut sie bis zum heutigen Tag zahlreiche Patienten.

Erika Freeman mit der Anthropologin Margaret Mead. 
- © privat

Erika Freeman mit der Anthropologin Margaret Mead.

- © privat

Sie gehört einer Generation an, die mehr erlebt, erfahren und mitgemacht hat als viele Generationen vor dieser Epoche. Freunde attestieren ihr einen regen, wachen Verstand, analytisches Denken und gleichzeitig Klugheit des Herzens, verbunden mit einem enormen Feingefühl und einem Sensorium für Probleme und Nöte ihrer Mitmenschen. Sie ist stets bereit, sich für andere einzusetzen, was sie laut eigener Aussage besonders glücklich macht. Auf ihr Leben und Wirken trifft ein Wort Leo Tolstois zu: "Das Glück besteht nicht darin, dass du tun kannst, was du willst, sondern darin, dass du immer willst, was du tust."

Das tägliche Leid der Wiener Juden unter den Nazis

Bis 1938 hatte sie eine unbeschwerte, glückliche Kindheit, die in ihren Erinnerungen das Lebensgefühl des Wiener jüdischen Bürgertums reflektiert. Unter den Nazis wurden die Poliesuks zu Parias, die ums tägliche Überleben kämpfen mussten. Im März 1938 wurden Erika und ihre Mutter Rachel von Nachbarn, die es auf ihre Wohnung abgesehen hatten, auf die Straße gesetzt. Sie zogen in eine Sammelwohnung im 2. Bezirk, wo sie in einem Zimmer mit sieben Personen hausten. Ihre ursprüngliche Schule musste Erika verlassen. Ein Jahr lang konnte sie noch das Chajes-Gymnasium besuchen; sie hatte immer Vorzugszeugnisse.

Auf dem Heimweg von ihrer Schule wurden Erika und viele jüdische Mitschüler von HJ-Burschen und auch -Mädchen angestänkert, beschimpft, geschlagen und mit Steinen beworfen. Sehr oft verbarg sie ihre blutenden Wunden, damit ihre Mutter sich nicht ängstigte. Diese war Zionistin und eine der ersten Jüdinnen, die Hebräisch sprachen und ihr jüdisches Wissen weitergaben.

Rachel Grau war in der Atmosphäre des kleinen galizischen Schtetls in Kuty aufgewachsen, in einem streng orthodoxen Elternhaus. Bei orthodoxen Juden durften damals in Polen nur Burschen eine Jeschiwah - eine jüdische Hochschule - besuchen. Rachels Wissensdrang war aber so groß, dass sie sich als Jeschiwah-Student verkleidete. Es war üblich, dass Wohlhabende zum Schabbat jüdische Studenten einluden. Ihr Vater war vom Wissen eines Studenten so begeistert, dass er den Rabbiner über ihn ausfragte - und der antwortete: "Das ist deine Tochter." So gut war die Verkleidung von Erikas Mutter.

Diese Geschichte diente dem jüdischen Literatur-Nobelpreisträger Isaac Bashevis Singer als Vorlage für seine berühmte Kurzgeschichte "Yentl", die Jahrzehnte später mit Barbra Streisand verfilmt und ein Riesenerfolg wurde. Die Schauspielerin und Sängerin ist übrigens ebenso mit Erika Freeman befreundet wie die Hollywood-Stars Woody Allen und Shirley MacLaine.

Unerwartetes Treffen in New York

Aber zurück zu ihrer Flucht: Sie konnte sich dem Zugriff der Nationalsozialisten als Zwölfjährige entziehen, weil sie blond, blauäugig und groß gewachsen war, sodass ein SS-Mann auf sie wies mit den Worten: "So hat ein deutsches Mädchen auszusehen." In einer abenteuerlichen Flucht setzte ihre Mutter sie ganz alleine in einen Zug nach Rotterdam. Sie erinnert sich an ihre Ankunft in den Niederlanden, wo ein Mann über sie sagte: "So jung und schon so jüdisch." Erikas Mutter und eine Tante blieben in Wien, versteckten sich und lebten als "U-Boote". Erikas Mutter wurde von einer arischen Bekannten denunziert, verhaftet und nach Opole in Polen deportiert. Sie konnte jedoch fliehen, ging wieder in den Wiener Untergrund und wurde beim letzten Bombenangriff auf Wien am 12. März 1945 getötet.

Erikas Vater war Arzt und Sozialdemokrat, flüchtete von Wien nach Prag und fungierte im Schattenkabinett der tschechischen Sozialdemokraten als Außenminister. Er wurde verhaftet, im kleinen Lager des Ghettos Theresienstadt eingekerkert und konnte letztlich mit Hilfe eines schwedischen Diplomaten fliehen. Vater und Tochter hielten einander für tot, und wie durch ein Wunder trafen sie einander 1946 zu Jom Kippur in New York. Dort verdiente Erika ihren Lebensunterhalt als Sekretärin in der Außenstelle der Jewish Agency. Ihre Vorgesetzten waren der spätere israelische Premier Moshe Sharett (alias Schertok) und David Ben-Gurion. Sie lernte fast alle Größen der damaligen Politik kennen und gewann große Einblicke beim diplomatischen Kampf in New York um die Gründung des Staates Israel.

Bei ihrem Studium an der Columbia Universität hatte sie in Theodor Reik einen großen Mentor. Dieser Lieblingsschüler und Sekretär von Sigmund Freud veröffentlichte gemeinsam mit ihr einen Band von Gesprächsprotokollen über die Psychoanalyse. Erika machte Karriere und war für Jahrzehnte ein gefragter Gast in US-Talkshows.

Bei ihrem Studium an der Columbia Universität hatte sie in Theodor Reik einen großen Mentor.  
- © privat

Bei ihrem Studium an der Columbia Universität hatte sie in Theodor Reik einen großen Mentor. 

- © privat

Hollywood-Stars als Patienten

Sie wurde zu jedem Ereignis nach ihrer Meinung als Psychoanalytikerin gefragt. Unter ihren zahlreichen Patienten waren auch bedeutende Politiker und Filmstars. Sie hebräisierte ihren Namen Poliesuk zu Padan und heiratete 1954 den Künstler Paul Freeman, der 1980 verstarb. Im Hause der Freemans verkehrte die Crème de la Crème der Kunst, des Films und der Politik. Filmstars wie Marlon Brando, Orson Welles und Liz Taylor gehörten zu ihrem Freundeskreis und waren auch teilweise ihre Patienten.

In Erika Freemans Familie gab es mehrere bedeutende zionistische Persönlichkeiten. Ein Onkel, der vor dem Krieg in Wien lebte, gründete die Jugendbewegung Shomer Hazair, die heute weltweit zehntausende Mitglieder umfasst. Ihre Tante Ruth Klüger gilt als eine der Nationalheldinnen des Staates Israel. Sie sprang im Zweiten Weltkrieg mit dem Fallschirm über Rumänien ab, um Widerstand zu organisieren und verfolgten Juden zu helfen. Sie gehörte zur Führung des Jischuw, der jüdischen Gemeinde im damaligen Palästina. Man war mit allen Mitteln bestrebt, Juden aus Europa nach Palästina zu bringen und sie vor der Vernichtung zu retten. Auf Druck der Araber hatten die Engländer, die vom Völkerbund das Mandat über Palästina hatten, die jüdische Einwanderung faktisch unterbunden. Es waren daher illegale Versuche unter schwierigsten Bedingungen, Juden durch die englische Blockade durchzuschleusen. Mit dieser Aufgabe wurde Ruth Klüger betraut.

Auch Hollywood-Star Shirley MacLaine gehört zu Erika Freemans großem Freundes- und Patientenkreis. 
- © privat

Auch Hollywood-Star Shirley MacLaine gehört zu Erika Freemans großem Freundes- und Patientenkreis.

- © privat

Auch nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurden die Überlebenden ("displaced persons") von den Engländern nicht ins Heilige Land gelassen. Ruth Klüger leitete die illegale Einwanderung, die sogenannte Alija Bet. Sie organisierte Schiffe zur Überfahrt nach Palästina, und es gelang ihr, etwa 60.000 Menschen durch die englische Absperrung durchzuschleusen. Etliche Schiffe wurden aufgebracht, darunter auch die "Exodus". Dass diese nicht anlegen durfte, löste eine internationale Welle der Empörung aus. Als Leon Uris ein gleichnamiges Buch über diese Zeit schrieb, führte er stundenlange Gespräche mit Ruth Klüger. Sie war Mitbegründerin des Mossad und die einzige Frau in dessen zehnköpfigem Vorstand. Später war sie Direktorin der israelischen Schifffahrtsgesellschaft Zim und Botschafterin in mehreren Ländern. Als Botschafterin in Argentinien entdeckte und förderte sie das Talent des jungen Daniel Barenboim. Sich stets im Hintergrund haltend, wurde sie oft mit der gleichnamigen Autorin verwechselt.

"Erfolg überzeugt, Ehrungen sind Schall und Rauch"

Im Leben von Erika Freeman spielte Ruth Klüger eine große Rolle, insbesondere ihre Devise: "Erfolg überzeugt, und Ehrungen sind Schall und Rauch. Tu dein Bestes für dein Volk und dein Land." Erika Freeman hat auch Politiker beraten, darunter Golda Meir und Shimon Peres, die späteren Regierungschefs des Staates Israel. Und als in den 1970er Jahren einige Staaten in der UNO eine Abstimmung mit dem Thema "Apartheid in Israel" durchsetzen wollten, gründete sie eine Frauenbewegung gemeinsam mit bedeutenden Frauen der US-Gesellschaft, darunter auch der First Lady Eleanor Roosevelt, der Anthropologin Margarethe Mead und der Schriftstellerin Anaïs Nin. Es gelang, die Abstimmung zu verhindern. Diese Frauen waren Vorkämpferinnen für die späteren feministischen Organisationen. Durch die Organisation "Letters to the Stars" wurde Erika Freeman im Jahr 2000 nach Österreich eingeladen, um in Schulen als Zeitzeugin Vorträge zu halten. Nach einer Herzoperation wohnte sie im Wiener Hotel Imperial, wo auch Adolf Hitler am 14. und 15. März 1938 Gast gewesen war, was ihr eine besondere Genugtuung bereitete: "Dies ist meine persönliche Rache an Hitler, dass ich als Jüdin ihn überlebte und heute im Imperial wohne."

Beste Kontakte nach Wien: Erika Freeman mit Ex-Bundespräsident Heinz Fischer. 
- © privat

Beste Kontakte nach Wien: Erika Freeman mit Ex-Bundespräsident Heinz Fischer.

- © privat

Bis heute hat sie einen großen Freundes- und Bekanntenkreis in Österreich, wird immer wieder von diversen Organisationen, Fernsehshows und Theaterleuten zu öffentlichen Auftritten eingeladen. Noch vor wenigen Jahren hielt sie stehend einen mehr als einstündigen Vortrag über ihr Leben und brachte mit zahlreichen Anekdoten ihr Publikum auch zum Lachen. Auch beim heurigen "Fest der Freude" am 8. Mai, dem Tag der Kapitulation Hitler-Deutschlands, auf dem Wiener Heldenplatz war sie die Hauptrednerin.

Erika Freeman ist eine faszinierende Frau, und eingedenk der Worte ihrer Tante Ruth Klüger ist sie stets bestrebt, einen Beitrag für eine bessere Welt zu leisten. Sie will Tag für Tag im Sinne von "Tikkun" (hebräisch für Rettung, Erneuerung), einem wichtigen Begriff im Sohar, dem Hauptbuch der Kabbala, wirken. Sie hat sich einen Leitspruch des großen talmudischen Gelehrten Hillel zum Vorbild genommen: "Wer tut etwas für mich, wenn ich es nicht ich selbst tue? Was bin ich, wenn ich es nur für mich allein tue? Wann soll ich es tun, wenn nicht jetzt?"