Es ist ein Tag wie aus dem Bilderbuch. Hunderte Bergliebhaber und Alpinisten haben sich entschlossen, am Sonntag die "Königin der Dolomiten", die Marmolata, zu besteigen. Es ist eine hochalpine Gletschertour, nichts für Anfänger. Man braucht Steigeisen, Pickel und eine Klettersteigausrüstung. Die meisten Alpinisten werden heil von ihrem Gipfelerlebnis zurückkommen. Für viele andere wird der Tag zu einem Albtraum.

Vermutlich sind um die 30 Menschen in den Absturz der riesigen Gletscherwand verwickelt. Die Schreckens-Bilanz am Montagabend lautet: acht Tote, acht Verletzte, davon zwei schwer, und 15 Vermisste. Zunächst war auch von einem vermissten Österreicher die Rede, doch bald stellte sich heraus, dass dieser wohlauf ist. Für die Vermissten gibt es laut Bergrettung kaum Hoffnung. Die Wucht der Lawine sei zu gewaltig gewesen, heißt es aus der Rettungszentrale in Canazei im Trentino. Hier trafen am Montag Angehörige der Vermissten ein.

10 Grad am Gipfel

Das Unglück geschieht am Sonntag gegen 14 Uhr. 10 Grad werden am Gipfel der Marmolata gemessen, ein Wärmerekord. Seit Wochen ist es in Norditalien außergewöhnlich heiß. Was deshalb unterhalb der Gletschermassive passiert, wissen zwar Experten. Die Alpinisten vom Wochenende, unter ihnen auch ein paar erfahrene Bergführer, sehen es nicht. Schmelzwasser hat die sogenannten Séracs, Türme aus Gletschereis, an der Auflagestelle zum Gestein brüchig gemacht. Deshalb, so sind sich Gletscherwissenschafter und Rettungskräfte einig, kommt es zur Katastrophe.

Augenzeugen berichten von einem Knall, "wie das Donnern eines Düsenflugzeugs", sagt einer. Eine enorme Lawine aus Gletschereis, Schnee, Gestein und Geröll bricht sich mit 300 km/h Bahn. Fast 1.500 Meter weit stürzen Eis und Geröll in die Tiefe. Mindestens zwei Seilschaften befinden sich zu diesem Zeitpunkt auf dem Weg zum Penia-Gipfel mit 3.343 Metern. Die Lawine erfasst sie. Die meisten Überlebenden, von denen die italienische Bergwacht einige am Sonntag per Hubschrauber birgt, sollen allein vom Luftzug des abgebrochenen Gletschers erfasst und verletzt worden sein.

Die Italienerin Elisa Dalvit stand mit ihrer Seilschaft oberhalb der Lawine. "Wir haben einen Donner gehört", berichtet sie. "Die Eismassen haben drei Menschen unterhalb von uns mit sich gerissen. Ich weiß nicht, wie viele Menschen da unten noch waren, der Berg war voller Seilschaften. Ich habe auch ein Kind mit zwei Erwachsenen gesehen. Bitte sagt mir, dass es lebt!" Nach dem Donner habe sie eine riesige Wolke gesehen, die Lawine sei mit "brutaler Kraft" zu Tal gerast. Nach dem Unglück sperrten die Sicherheitskräfte das Massiv und evakuierten den Gletscher.

Fürchterlicher Anblick

Den Rettern bietet sich bereits am Sonntagnachmittag ein desaströses Bild. "Auf einer Länge von über 1.000 Metern fanden wir verstümmelte Überreste", berichtet ein Mitglied der Bergwacht. Die zwischen Eis- und Felsblöcken aufgeriebenen Leichenreste seien "ein echter Schock", sagt Luigi Felicetti, ebenfalls Mitglied der Bergwacht. "So etwas habe ich in all diesen Jahren noch nicht gesehen", fügt er hinzu.

Sechs Helikopter der Bergwacht sind am Sonntag im Einsatz. Sieben Hundestaffeln suchen nach Überlebenden. Die Rettungskräfte verwenden Drohnen mit Wärmekameras und Lawinensuchgeräte. Doch die Suche gestaltet sich schwierig. Am Sonntagabend werden die Bergungsarbeiten vorläufig gestoppt, da neue Gletscherabbrüche drohen und die Helfer in Gefahr sind. Am Montagvormittag wird wegen des schlechten Wetters auch die Suche mit Drohnen vorläufig eingestellt. 16 Autos stehen am Montag noch verwaist auf dem Parkplatz, an dem der Aufstieg beginnt. Gehören sie zu den 15 Vermissten?

Die Staatsanwaltschaft Trento hat ein Ermittlungsverfahren eingeleitet und prüft, ob auch menschliches Versagen ein Grund für die Katastrophe sein könnte. Etwa, ob die Sperrung des Gletschers wegen der klimatischen Bedingungen fahrlässig unterlassen wurde. Dabei steht das menschliche Versagen - in einem weiteren Sinn - wohl außer Zweifel. Sämtliche Beobachter machen den vom Menschen verursachten Klimawandel und seine Folgen für die Gletscherschmelze und damit auch für die Marmolata-Katastrophe verantwortlich.

Kritik von Reinhold Messner

Auch die Südtiroler Bergsteiger-Legende Reinhold Messner sieht das so. "Die Gletscher schmelzen wegen der Erderwärmung. Wenn dann wie jetzt Eistürme abbrechen, dann können das Massen sein, die so groß wie Wolkenkratzer sind", sagt er. Messner geht hart mit den Marmolata-Besteigern ins Gericht. "Zu dieser Jahreszeit läuft ein guter Alpinist nicht unterhalb solcher Gletscher-Türme", postuliert der Extrembergsteiger. Fehlt der Respekt, für die Natur und ihre Verletzlichkeit?

Seit Jahren zeichnet die Wissenschaft düstere Szenarien. Um drei Quadratkilometer geht die Oberfläche der in Italien liegenden Gletscher pro Jahr zurück. Allein im Aosta-Tal, wo sich ein Drittel der italienischen Gletscher befinden, verschwanden in den vergangenen 20 Jahren 32 Gletscher. Laut Prognosen werden bis zum Jahr 2100 etwa 70 Prozent der Gletscher in den italienischen Alpen schmelzen, das ist die Berechnung im günstigsten Fall. "Im schlimmsten Fall werden es 96 Prozent sein", sagt der italienische Glaziologe Renato Colucci vom staatlichen Wissenschaftsrat CNR. Der Gletscherwissenschaftler sieht für Gletscher wie die Marmolata wegen der Erderwärmung schwarz: "Unterhalb von 3.500 Metern wird in den nächsten 20 Jahren nichts bleiben", sagt er. Gletscher wie die Marmolata seien "völlig aus dem Gleichgewicht geraten".