Es ist ein wunderbares Paris-Souvenir, hat Künstler und Filmemacher inspiriert und sogar einer Intimfrisur den Namen gegeben: Das Pariser Metroticket, das nach 120-jährigem Bestehen nun Apps und Chipkarten weichen soll. Gut 20 Jahre, nachdem Berlin als Vorreiter in Europa erstmals elektronische Tickets eingeführt hat, steht in Paris der allmähliche Abschied von den kleinen Kartonstreifen bevor.

"Mit dem Metroticket verschwindet ein Teil unseres Lebens", sagt Grégoire Thonnat, der die Papierkarten nicht nur sammelt, sondern auch ein Buch über deren Geschichte geschrieben hat. "Das Metroticket gehört zu unserer Vorstellung von Paris."

Eigentlich hätten die "carnets", die verbilligten Zehnerpacks der Papierfahrkarten, bereits Anfang des Jahres komplett durch Chipkarten ersetzt werden sollen. Aber wegen der Corona-Pandemie und des globalen Chipmangels zieht sich der Abschied nun länger hin.

Eine Sammlung von Metro-Tickets von 1973 bis 1992. 
- © AFP/Joel Saget

Eine Sammlung von Metro-Tickets von 1973 bis 1992.

- © AFP/Joel Saget

"Unsere Kunden stellen sich allmählich um", sagt Laurent Probst, Generaldirektor des Ticket-Dienstes Ile-de-France Mobilités. Da es immer weniger Verkaufsstellen gibt und immer weniger Drehkreuze mit Schlitz für die Papierkarten, besorgen sich Pariser und Besucher zunehmend die aufladbaren Plastikkarten namens Navigo.

Noch werden jährlich etwa 50 Tonnen Papier für die Metrokarten verbraucht, aber ab dem kommenden Jahr soll es die Zehnerpacks nur noch auf der Chipkarte oder dem Handy geben. Anders als in vielen europäischen Städten ist es in Paris noch immer nicht möglich, seine Fahrt mit einer App auf dem Smartphone zu bezahlen, wenn man nicht das richtige Telefonmodell hat.

Dafür ist der öffentliche Nahverkehr deutlich billiger als beispielsweise in Berlin oder London. Eine einfache Fahrt kostet einzeln derzeit 1,90 Euro, im Zehnerpack sind es 1,49 Euro.

"Ich liebe die glatte Oberfläche der Tickets, wenn sie so neu und sauber sind", schwärmt die Künstlerin Sarah Sturman, die Metrotickets für ihre Collagen benutzt. "Wenn ich in zehn Jahren irgendwo ein Metroticket finde, werde ich mich daran erinnern, wie ich nachts mit der Metro gefahren bin, wie ich die Handtasche am Drehkreuz durchwühlen musste oder wie ich nach der Wäsche ein verschrumpeltes Metroticket in einer Hosentasche gefunden habe", sagt sie.

Auch manch ein Kiffer wird die Metrokarten vermissen. "Die sind genau breit und dick genug und überall verfügbar, perfekt für den Filter eines Joints", sagt der Student Jake.

Das Pariser Metroticket hatte seinen Einfluss weit über das U-Bahnsystem hinaus: Serge Gainsbourg besang es 1959 in seinem Lied "Le Poinçonneur des Lilas", in dem der Kartenentwerter sein Schicksal beklagt, den ganzen Tag lang Löcher zu stanzen. Und die bei manchen beliebte Intimfrisur "Landestreifen" heißt in Frankreich schlicht "Metroticket".

Paris-Besucher sind gespalten. "Ich hätte die Tickets lieber auf dem Telefon", sagt Javier Romani aus Spanien. Die griechische Touristin Stefania Grigoriadou hat ihre Eintrittskarten für Disneyland nahe Paris zwar online gekauft, will aber die Papiertickets für die Fahrt dorthin aufheben: "Das ist doch ein schönes Souvenir. Das können wir später mal unseren Kindern zeigen." (apa, afp)