Mit der Zerschlagung von Saddam Husseins Regime 2003 wurden die Grenzen zum Iran durchlässig. Während chaotischer Jahre der US-Besatzung kamen nicht nur Pilger und Handelsgüter über die Grenze, sondern auch immer mehr Drogen. Bereits 2005 warnte die UN, dass der Irak zu einem Haupttransitland für Drogen wurde, die aus Afghanistan und Pakistan kommend auf die Arabische Halbinsel und nach Europa geschmuggelt werden. Infolgedessen stieg auch der Konsum von Drogen im Irak steil an. Seit etwa fünf Jahren sickert eine neue Droge über die alten Routen ins Land ein: Das in Form von Kristallen oder als Pulver verkaufte Amphetamin Crystal Meth.

Ein blutiges Geschäft

"Crystal Meth dominiert die Drogenszene Iraks", sagt Oberst Belal Subhi von der Anti-Drogen-Abteilung des Innenministeriums in Bagdad. Das Ice oder Shabu, wie es in der Szene auch genannt wird, werde in Afghanistan und Iran hergestellt und gelange über die südliche Provinz Maysan ins Land. Über die Grenzen im Westen werde vor allem Captagon geschmuggelt - das meistkonsumierte Amphetamin im Nahen Osten. Millionen dieser Pillen gelangen aus Syrien in die irakische Provinz Anbar. Was nicht im Land konsumiert wird, gehe weiter in die Golfregion. "Die Routen sind bekannt", so Subhi im Gespräch mit der "Wiener Zeitung". Aber die Einheiten zur Drogenbekämpfung seien unterbesetzt und unterfinanziert und es fehle an High-Tech-Ausrüstung.

Bewusstsein für die Gefahr von Drogen will Enas Karim mit ihrer Organisation bei Jugendlichen schaffen. - © Benedikt Schöffmann
Bewusstsein für die Gefahr von Drogen will Enas Karim mit ihrer Organisation bei Jugendlichen schaffen. - © Benedikt Schöffmann

Durch die an den Iran grenzende Provinz Maysan im Süden Iraks verläuft eine der Hauptrouten für Crystal Meth von Ost nach West. Die Zahl der Arbeitslosen in der Provinz ist hoch, die Analphabetenrate ist mit 22 Prozent die höchste im Land. Das Geschäft mit den Drogen ist für viele Alternative zu Arbeitslosigkeit und Verarmung.

Dominiert wird der Handel von kriminellen Organisationen und Familienclans mit weitreichenden Netzwerken, auf deren Gehaltslisten auch Regierungsbeamte stehen. Aber auch schiitische Milizen, die einzelne Grenzübergänge kontrollieren, verdienen am Schmuggel und Handel mit Drogen, wie das Magazin "The Arab Weekly" im Mai berichtete. Im Kampf um die Profite kommt es immer wieder zu Morden und Vergeltungsschlägen.

Oberst Belal Subhi sieht weniger Milizen als Ganzes involviert als viel mehr einzelne Personen aus den Reihen der Milizen. "Sie nutzen ihre Position, um Checkpoints ohne Kontrolle passieren zu können und auf diese Weise Drogen zu schmuggeln." Andere lassen sich bestechen und sehen weg, wenn die Schmuggler ihre Ware über die Grenze schaffen.

Jene, die sich dem Kampf gegen den Drogenschmuggel und -handel verschrieben haben, geraten ins Visier der Kriminellen. Im Februar dieses Jahres wurde ein auf Drogendelikte spezialisierter Richter in Amara, der Hauptstadt der Provinz Maysan, in seinem Auto erschossen. Im September erschossen unbekannte Täter einen General der Drogen-Abteilung und seinen Fahrer vor einem Restaurant 15 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt.

Auch Enas Karim weiß, dass sie auf gefährlichem Terrain arbeitet. Nicht nur die Milizen, auch hohe Regierungsbeamte seien in das Drogengeschäft involviert, sagt sie der "Wiener Zeitung" im Interview. Die Psychologin leitet in Bagdad eine Organisation, die bei jungen Menschen das Bewusstsein für die Gefahren von Drogen schärfen will und Abhängige bei ihrem Entzug begleitet - die einzige Einrichtung dieser Art im ganzen Irak. Karim setzt dabei in erster Linien auf die Sozialen Medien, wo sie über die Gefahren von Drogen informiert, erklärt, wie ein Entzug abläuft und ehemalige Süchtige zu Wort kommen lässt.

"80 Prozent der Abhängigen, die zu uns kommen, nehmen Crystal Meth", sagt sie. Die Mehrheit sei zwischen 18 und 35 Jahre alt, vorwiegend männlich. Crystal Meth dominiere auch in Bagdad die Drogenszene, weil es billig sei, so Karim: "Ein Abhängiger kann seinen Bedarf mit etwa 100 US-Dollar pro Monat decken." Dieser billige Stoff wird aber mit Zusätzen gestreckt, was das Risiko von Nebenwirkungen wie Wahnvorstellungen, Aggressivität oder Angstzuständen erhöht. Bessere Qualität gebe es um 400 bis 500 US-Dollar im Monat.

Crystal lässt sich schlucken, schniefen, rauchen oder spritzen. Das Methamphetamin verleiht das Gefühl der Euphorie und unterdrückt Hunger, Müdigkeit oder Schmerz. Vor allem aber macht es süchtig. Offizielle Zahlen zu den Abhängigen gibt es nicht. Basierend auf dem, was sie in Bagdad beobachtet, sei das Problem aber massiv. "Weder ich, noch die Regierung, noch irgendjemand kann es stoppen", sagt Karim.

Was sie aber tun könne, sei, die Suchtkranken auf den Weg zum Entzug zu bringen. Aber dafür brauche es bessere und mehr Kliniken - in allen Provinzen. Derzeit gebe es drei Standorte im Irak, an denen ein medizinisch begleiteter Entzug angeboten wird. Zwei davon seien nur kleine Abteilungen in Allgemeinen Krankenhäusern, die gerade zwanzig Betten aufweisen. Im Juni dieses Jahres wurde eine weitere Entzugsklinik in Bagdad mit 150 Betten eröffnet. Aber das sei immer noch zu wenig: "Zu viele Süchtige können nicht behandelt werden, weil es für sie keinen Platz gibt."

Drogen fressen Gesellschaft

Trotz der bescheidenen Ausstattung kann Oberst Belal Subhis Anti-Drogen-Abteilung Erfolge vorweisen: "Während der letzten acht Monate konnten wir mehr als 300 Kilogramm Drogen beschlagnahmen", so Subhi. 70 Prozent davon waren Crystal Meth, hinzu kamen mehr als 14 Millionen Pillen an Captagon und anderen Substanzen.

Dennoch ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Um das Problem unter Kontrolle zu bekommen, bräuchte es ein größeres Budget für die Anti-Drogen-Abteilung. "Wir brauchen Wärmekameras und Drohnen, um die Grenzen besser zu überwachen", so Subhi. Darüber hinaus müssten die Einsatzkräfte professionell ausgebildet und die Einheit ausreichend finanziert werden. So fehle es bereits an Geld, um Informanten zu bezahlen: "Unsere Leute können den Spitzeln oft nicht mehr als eine Telefonwertkarte anbieten, das ist natürlich nicht sehr überzeugend."

Von den verantwortlichen Politikern wird das Problem immer noch weitgehend ignoriert. Doch solange die Arbeitslosigkeit hoch bleibt und Süchtige nur geringe Aussichten auf Entzug und Wiedereingliederung in ein normales Leben haben, wächst die Gefahr. Oberst Subhi: "Die Drogen zerstören unsere Gesellschaft."