Das alte Sprichwort über die Mentalität im Nahen Osten bewahrheitet sich dieser Tage in Bagdad: "Die Bücher werden in Kairo geschrieben, in Beirut gedruckt und in Bagdad gelesen." Und vor nicht allzulanger Zeit strömten Hunderte, ja sogar Tausende Irakerinnen zu einem Festival der besonderen Art.

"Ich bin Iraker, ich lese", fand nun schon zum neunten Mal statt, doch noch nie waren so viele Menschen gekommen wie in diesem Jahr. Vor allem Junge, unter 25 Jahren, die mittlerweile 40 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Eine zeitlang war das nicht mehr so. Die Iraker waren mit Krieg und Terror beschäftigt. Doch jetzt, fünf Jahre nach dem Ende des IS besinnen sich die Menschen wieder dieser Tradition - und lesen. Dabei werden die Bücher nicht mehr nur in Kairo geschrieben. Auch im Irak selbst entsteht viel neue Literatur. Das Erlebte wird verarbeitet, die Traumata der Vergangenheit finden ein Ventil auf Papier. Es werden neue Formen der Literatur ausprobiert, eine Mischung aus Lyrik und Prosa ist derzeit "in" am Tigris. Auch hier sind es die Jungen, Nachwuchsschriftstellerinnen und -schriftsteller, die Zeichen setzen und ihre Experimentierfreude zum Ausdruck bringen.

Vor vier Jahren sind sie massenhaft auf die Straße gegangen, haben über ein Jahr lang eine Zeltstadt am Tahrir Platz im Herzen von Bagdad unterhalten, haben die Regierung gestürzt, ein neues Wahlgesetz gefordert und vorgezogene Neuwahlen erreicht. Die Aufbruchstimmung war ansteckend. Es roch nach Revolution. Doch dann kamen die Scharfschützen, die Milizen, der Geheimdienst und schließlich die Pandemie. Über 600 Demonstranten sind getötet worden, viele wurden verfolgt und bedroht, einige verschwanden für immer. Die Bewegung erstickte. Ein Jahr lang befand sich der Irak in einer schweren politischen Krise. Nachdem die neu gewählten Abgeordneten sich weder auf einen Kandidaten für das Präsidentenamt, noch für den Premier einigen konnten, entbrannte ein bedrohlicher Machtkampf im Vielvölkerstaat. Beobachter befürchteten einen Bürgerkrieg zwischen den verschiedenen Ethnien und Religionen, wie es ihn schon einmal 2006/2007 gab. Schuld daran ist der Proporz, den die Amerikaner nach ihrem Einmarsch 2003 einführten. Seitdem ist der Präsident ein Kurde, der Parlamentspräsident Sunnit, der Premier Schiit. Jeder bekommt ein Stück des Kuchens ab, eine Opposition gibt es nicht.

Um dies zu ändern, sind Alaa Gaber Alyaseri und viele Tausend andere 2019/2020 auf die Straßen gegangen. Sie forderten ein neues politisches System, eine Mehrheitsregierung gemäß den Wählerstimmen und eine ernst zu nehmende Opposition. Jetzt sitzt die 42-Jährige zwar im Parlament und mit ihr 13 andere aus der Protestbewegung.

Aber eine schlagkräftige Opposition ist das nicht, bei insgesamt 329 Abgeordneten. Denn der, der das Rad hätte weiterdrehen können, hat sich aus der Politik verabschiedet. Frustriert durch den unerbittlichen Machtkampf zwischen Reformer und Bewahrer, warf der Schiitenführer Moktada al-Sadr das Handtuch, zog zunächst seine Abgeordneten aus dem Parlament ab und schließlich sich selbst aus der Politik. "Damit hat er unsere Ziele aufgegeben", sagt Alyaseri.

Die große Resignation

So bleibt für viele nur noch die Flucht in die Kultur, wo sie ihr Kreativitätspotential ausleben können. In Bagdad herrscht derzeit ein regelrechter Kulturboom. Ob Literatur, Musik, Bildende Kunst, Film: Experimente jeglicher Art finden massenhaft Besucher und Anhänger. Mit Politik möchten die meisten nichts mehr zu tun haben, vorerst jedenfalls. "Und von der neuen, alten Regierung ist nicht viel zu erwarten", sagen alle Befragten auf der Festivalwiese am Tigris. Der schiitische Premier ist ein alter Bekannter, war bereits zwei Mal Minister, ist ein religiöser Hardliner und steht unter Korruptionsverdacht. Der kurdische Präsident ist 78 Jahre alt und gilt als dem Iran verbunden. Einzig der sunnitische Parlamentspräsident genießt etwas Ansehen.

Denn ausgerechnet die sunnitischen Parteien, die jahrelang zerstritten waren und sich nie einigen konnten, sind inzwischen geeint und sprechen mit einer Stimme. Die "Parlamentarierin von der Straße" allerdings wird es schwer haben, gegen diese Übermacht anzukämpfen. Auch Alaa Gaber Alyaseri hat sich bereits in die Kultur geflüchtet. Ihre unübersehbaren Fingernägel sind wunderbare Kunstwerke.