Diese Maßnahme zeigt ganz deutlich, welche Kehrtwende China in seiner Corona-Politik vollzogen hat: Die Behörden stufen das gesamte Stadtgebiet von Shanghai mit dem heutigen Dienstag als Nicht-Risikogebiet ein. Damit soll wieder mehr normaler Alltag, wie ihn die Bewohner vor Covid kannten, in die Wirtschaftsmetropole einziehen. Dabei war gerade Shanghai zum Paradebeispiel der von der Kommunistischen Partei forcierten Null-Covid-Poltik geworden: Bei dem harschen Lockdown im Frühling konnten viele Bewohner ihre abgeriegelten Wohnblöcke wochenlang nicht verlassen.

Doch die Null-Covid-Strategie ist aus dem offiziellen Wortschatz der Partei verschwunden. Stattdessen hat sie weitreichende Lockerungen verkündet: Bis auf wenige Ausnahmen wie etwa für Angestellte im Gesundheitsbereich entfällt die Testpflicht. Und in den Lockdown sollen künftig nur noch einzelne Nachbarschaften geschickt werden, während sonst das öffentliche Leben samt geöffneter Geschäfte weiter seinen Gang gehen soll.

Omikron plötzlich harmlos

Auch propagandistisch hat sich die Tonlage in den vergangenen Tagen verändert: War bis vor kurzem die Omikron-Variante eine hochgefährliche Angelegenheit, wird sie nun als wesentlich harmloser beschrieben und mit der Grippe verglichen. Ärzte und Virologen, die Skepsis gegenüber dem Null-Covid-Kurs gezeigt hatten und monatelang nicht zu hören waren, sind nun plötzlich wieder öffentlich präsent.

Mit ihrer Kehrtwende entzieht die die KP den landesweiten Protesten gegen die Corona-Politik ihre Grundlage. Und tatsächlich haben die Demonstrationen vorerst ein Ende gefunden.

Gleichzeitig wagt das Regime damit auch ein Experiment mit ungewissem Ausgang. Derzeit sieht es danach aus, dass die Volksrepublik nun eine Coronawelle trifft, deren Wucht nach drei Jahren rigoroser Abschottung vielerorts offenbar zu großer Unsicherheit und zu Überforderung führt.

So erlebten die Spitäler in Metropolen wie Peking, Guangzhou oder Chengdu laut dem chinesischen Wirtschaftsmagazin "Caixin" "den ersten Schock einer gigantischen Welle von Infektionen und einen Mangel an Gesundheitspersonal". Notaufnahmen sind demnach überfüllt. Caixin sprach gar von einem "Covid-Chaos". Andere chinesische Medien berichteten davon, dass mit den gestiegenen Patientenzahlen sich nun auch immer mehr medizinische Mitarbeiter anstecken würden. Und vor den Apotheken haben sich lange Schlangen gebildet, wobei vielerorts die fiebersenkenden Mittel und Corona-Schnelltests ausgehen.

Wie viele Covid-Fälle es im Land gibt, darüber haben die Behörden offensichtlich die Übersicht verloren. Offiziell betrug die 7-Tages-Inzidenz zuletzt um die 30.000 Fälle, was für ein 1,4-Milliarden-Land enorm niedrig wäre. Dem widerspricht aber die tägliche Erfahrung vieler Chinesen: In vielen Unternehmen steigen die Krankmeldungen rasant in die Höhe. "Ich kenne allein 25 positive Fälle oder Erkrankte in meinem Umfeld", schildert eine Pekingerin. Ähnliches berichten Chinesen aus anderen Großstädten.

KP-Entscheidungen rächen sich

Ihren Höhepunkt soll die Corona-Welle aber erst in den nächsten Wochen erreichen. Hier spielen mehrere Faktoren zusammen, die wiederum Entscheidungen der Staatsführung bedingt haben: Anstatt im Frühling oder Sommer wird nun im Winter gelockert, wenn sich das Virus besonders rasch verbreitet. Die Grundimmunität in der Bevölkerung ist laut Gesundheitsexperten in China geringer als anderswo. Das liegt einerseits an der jahrelangen Abschottung. Andererseits aber auch daran, dass die Impfrate gering ist. Nur 40 Prozent der Bevölkerung über 80 Jahre haben einen Booster erhalten. Darüber hinaus sind die chinesischen Impfstoffe laut Studien wesentlich ineffizienter als die aus dem Westen, die aber die KP bisher nicht zugelassen hat.

Simulationsrechnungen zeichnen ein düsteres Bild: Laut einer Studie des auf Gesundheitsanalysen spezialisierten Unternehmens Airfinity könnten bei einer Aufhebung aller Covid-Beschränkungen 1,3 bis 2,1 Millionen Tote innerhalb von drei Monaten drohen. Trotzdem hält die Staatsführung an ihrem Kurs fest: So wird nun sogar die wichtigste Nachverfolgungs-App vom Netz gehen. Diese hatte mittels Handysignale überwacht, ob sich jemand in einem Risikogebiet aufgehalten hat.

Jedoch rechnen Beobachter damit, dass die Öffnungen in verschiedenen Provinzen mit unterschiedlichem Tempo vollzogen und dabei die Auswirkungen studiert werden. Und eine Vorsichtsmaßnahme hat die KP schon getroffen: Der Name von Staatschef Xi Jinping wurde im Zusammenhang mit den Lockerungen vorerst nicht erwähnt. (klh)