Al-Ahwar nennen die Iraker das riesige Sumpfgebiet, das sich von Naseriye im Westen bis zur südlichen Hafenstadt Basra und im Osten bis über die Grenze in den Iran ausbreitet. Eine Vielzahl an Wasserstraßen mit Abzweigungen und Verästelungen schneiden durch das Schilfdickicht und bilden ein Kanallabyrinth, in dem Ortsfremde rasch den Überblick verlieren.

Die durch das Schwemmwasser von Euphrat und Tigris entstandenen Süßwassersümpfe sind Lebensraum für zahlreiche Fischarten, Wasservögel und andere Wildtiere. Flamingos, Pelikane und Wildschweine leben hier, Bullenhaie schwammen früher vom Persischen Golf durch die Marschen den Tigris hinauf. Mit rund 5.400 Quadratkilometern, eine Fläche doppelt so groß wie Vorarlberg, sind die Marschen das größte Feuchtgebiet des Nahen Ostens. "Nichts als Büffel, Schilf und Wasser", schrieb der englische Reisende Wilfred Thesiger, als er das Sumpfgebiet in den 1950ern besuchte: "Du kannst dich nur in einem Kanu fortbewegen, nirgends gibt es trockenen Boden."

Jassim Al-Fartosi: "Alles hängt von den Büffeln ab." - © Benedikt Schöffmann
Jassim Al-Fartosi: "Alles hängt von den Büffeln ab." - © Benedikt Schöffmann

Doch das ist lange her. Jassim al-Fartosi steuert sein Boot durch trübes Wasser. Am Rande des Kanals ist das Schilf grün, doch schon ein paar Schritte dahinter ist die Landschaft vertrocknet, das Schilf verdorrt. "Nur in den großen Kanälen gibt es noch Wasser", sagt Al-Fartosi. Und selbst da müsse er vorsichtig sein, einige seien so seicht, dass der Motor sich in den Schlamm fresse. Al-Fartosi - knöchellange Gallabiya und ein Kopftuch als Schutz gegen die Sonne - ist ein Ma’dan. Jene Araber, die seit Jahrhunderten in den Sümpfen leben, Reis anbauen, fischen und, wie Al-Fartosi, Wasserbüffel züchten. Schätzungsweise gibt es 30.000 Büffel in den Marschen. Die Herden sind unterschiedlich groß, manche Bauern haben nur eine Handvoll Tiere, andere bis zu hundert. Doch dieses traditionelle Leben gerät aus den Fugen, der sinkende Wasserspiegel bedroht das Ökosystem und damit alle Lebensbereiche der Ma’dan.

Trockenheit Dauerzustand

Nach der Niederlage Saddam Husseins im Zweiten Golfkrieg 1991, erhoben sich im Norden Iraks die Kurden und im Süden die Schiiten gegen den Diktator. Doch die Aufstände wurden niedergeschlagen. Im Süden befahl Saddam, die Sümpfe trockenzulegen, da sie Rückzugsgebiet für Rebellen waren. Er ließ die Schilfgürtel niederbrennen und Kanäle graben, die das Wasser von Euphrat und Tigris von den Sümpfen weg, direkt ins Meer leiteten.

"Etwa 90 Prozent des Marschlandes wurden damals trockengelegt", sagt der irakische Zoologe Omar Al-Sheikhly von der Bagdad-Universität. Mehr als 40.000 Ma’dan flüchteten in den Iran. Nach dem Sturz Saddams 2003 öffneten die Ma’dan die Entwässerungsgräben und Deiche, das Wasser von Euphrat und Tigris floss wieder in die Marschen. "Bis 2010 hatten sich rund 65 Prozent des bis dahin ausgetrockneten Feuchtgebietes erholt", so Al-Sheikhly.

Doch das Wasserproblem war damit nicht gelöst. Seit den 1970ern baut die Türkei vermehrt Dämme am Oberlauf von Euphrat und Tigris, um Wasserkraftwerke zu betreiben und Felder zu bewässern. Über die Jahre führten die beiden Flüsse im Irak dadurch immer weniger Wasser. Ähnliches geschah im Iran, wo die Zubringerflüsse zum Tigris aufgestaut wurden.

Ein anderes Problem ist die Versalzung des Sumpfwassers. Weil die Ströme weniger Wasser führen, drückte mehr Salzwasser aus dem Persischen Golf ins Mündungsgebiet, wodurch auch der Salzgehalt des Wassers im Marschland steigt. Das Sumpfwasser verwandelt sich in Brackwasser, das weiter versalzt. Das Ökosystem kippt. Die geringen Niederschläge und hohen Temperaturen tragen weiter zur Versalzung bei. "Durch die starke Verdunstung in den Sommermonaten steigt die Salzkonzentration im Wasser", so Al-Sheikhly.

Der Klimawandel wird diesen Trend noch verstärken. Wie ein UN-Bericht darlegt, ist der Irak eines der weltweit am stärksten vom Klimawandel betroffenen Länder: Die Temperaturen werden weiter steigen, der jährliche Niederschlag bis 2050 um knapp zehn Prozent zurückgehen. "Das Niedrigwasser war früher ein saisonales Phänomen, das während der Trockenzeit im Mai, Juni, Juli und August auftrat", sagt Al-Sheikhly. Diese Trockenzeit dehnt sich nun immer weiter übers Jahr aus und droht zu einem Dauerzustand zu werden.

Al-Fartosi klappt den Motor hoch und stakt das Boot durch das seichte Wasser ans Ufer. Auf der kleinen Insel in den Marschen steht ein schiefer Stall gegenüber einer Baracke aus Holz und Schilf, ein Hund kläfft. Die Familie, die hier wohnt, wacht über Fartosis Wasserbüffel. Von den Tieren in der Sumpflake sieht man nur die schwarzen Rücken, den Kopf und die dicken, geschwungenen Hörner. "Die Büffel brauchen das Wasser zur Abkühlung", sagt Al-Fartosi. Sie würden sonst die hohen Temperaturen auf Dauer nicht überleben.

Al-Fartosi schüttet Futtermittel in einen Trog, worauf die von Wasser tropfenden Büffel an Land kommen, um zu fressen. "Die Büffel geben uns Milch, daraus machen wir Butter, Joghurt und Käse", sagt er. "Davon können wir uns ernähren und die Produkte verkaufen." Um die teuren Dinge des Lebens zu finanzieren - ein Haus, ein neues Auto, eine Hochzeit - verkaufen sie einzelne Tiere. "Alles hängt von den Büffeln ab - sind die Büffel krank, verlieren wir unsere Lebensgrundlage."

Weil das grüne Schilf, das die Tiere fressen, längst nicht mehr in ausreichender Menge vorhanden ist, gibt Fartosi ihnen Futtermittel. Doch das sei teuer. In den letzten Jahren musste er daher seine Herde verkleinern. Heute besitzt er noch 35 Wasserbüffel. Ob er sich vorstellen könne, die Büffelzucht aufzugeben und aus den Sümpfen wegzuziehen? "Nein, das ist seit vielen Generationen unsere Art zu leben."

Es heißt, das Sumpfland von Mesopotamien habe die Menschen zur Vorstellung vom biblischen Paradies inspiriert. Doch nicht nur trocknet dieses Paradies jetzt aus, die Abwässer der Städte rinnen ungeklärt in die Marschen. "Das verschmutzte Wasser macht die Büffel krank, die Büffelzüchter müssen daher Frischwasser in Tanks vom Euphrat holen", sagt Ayud al-Jaberi, Direktor des Agrarzentrums von Chibayish. Gemeinsam mit Büffelzüchtern diskutiert er die anstehenden Probleme in einem Mudhif am Rande der Stadt. Das aus Schilf erbaute, luftige Haus ist der traditionelle Versammlungsort der Gemeinschaft.

Ende in 20 Jahren

"Als es noch ausreichend Wasser in den Sümpfen gab, konnte sich der Großteil der Büffel vom Schilf und anderem Grünzeug ernähren", sagt er. Nur ein geringer Teil war auf Futtermittel angewiesen. "Heute müssen 90 Prozent der Tiere gefüttert werden." Diese zusätzliche finanzielle Belastung könnten viele Züchter nur schwer stemmen. Hilfe erhalten sie von der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) in Form von Maissilage, Weizenkleie und Melasse. Aber das reiche nicht aus: Zwischen Juli und September 2022 seien rund 400 Familien aus der Gegend von Chibayish weggezogen, um Arbeit in Naseriye, Basra oder Bagdad zu finden. Die, die bleiben, sterben einen langsamen wirtschaftlichen Tod, so Al-Jaberi. Um sich Futter leisten zu können, verkaufen sie ihre Büffel. Dadurch werden ihre Herden immer kleiner, die Einnahmen aus dem Verkauf von Milch und Joghurt sinken - ein Teufelskreislauf.

Durch die anhaltende Trockenheit und Versalzung des Wassers ist das gesamte Ökosystem des Feuchtgebietes bedroht, so der Zoologe Al-Sheikly. Doch ohne die Kooperation mit den Anrainerstaaten Türkei und Iran wird es keine Lösung geben. Wenn wir jetzt nichts dagegen unternehmen, werde es dieses Feuchtgebiet in zwanzig Jahren nicht mehr geben.