Stadtteile werden gentrifiziert oder gleich abgerissen, Bewohner umgesiedelt, Glastürme hochgezogen und Autobahnen durch historische Viertel gefräst: Die alte Hauptstadt Ägyptens wandelt sich in einem rasanten Tempo. Ein großer Teil dieses Bau-Booms wird von internationalen Firmengruppen finanziert, darunter Investoren aus den Golfstaaten, Europa und den USA. Zwar halte der ägyptische Staat immer noch den Großteil an Immobilien in Kairo, stehe aber fast gleichauf mit der ägyptischen Talaat-Moustafa-Familie, gefolgt von der saudischen Bin-Laden-Gruppe, erzählt der ägyptische Stadtentwicklungsforscher Yahia Shawkat. Die Ergebnisse seiner Studien veröffentlichte er im Herbst des Vorjahres in der Analyse "Wem gehört Kairo?".

Dass große Teile des Immobilienmarktes von privaten Investoren kontrolliert werden, hat Auswirkungen auf die Wohnungspreise. "Bereits im Jahr 2016 war der durchschnittliche Preis für eine Miet- oder Eigentumswohnung für die Hälfte der Ägypter nicht finanzierbar", stellt Shawkat fest. Ein Drittel der ägyptischen Haushalte verfüge über keinen angemessenen Wohnraum. Die Wohnungen seien entweder überteuert oder überfüllt, die Wasserversorgung und sanitären Einrichtungen mangelhaft oder die Besitzverhältnisse ungeklärt. Das betrifft etwa Häuser, die ohne Genehmigung erbaut wurden und daher jederzeit wieder abgerissen werden können.

Wohnungen zu teuer

Um Bauland für neue Projekte zu schaffen, werden oft alte Stadtteile abgerissen. Betroffen davon ist etwa das historische Viertel Sayeda Zeinab am Ostufer des Nil. Die Regierung begründet den weitläufigen Abriss mit der Einsturzgefahr der Gebäude. "In Sayeda Zeinab setzte die Regierung auf eine langfristige Räumungsstrategie", erklärt ein Architekt, der lieber anonym bleiben möchte. Kritik an staatlichen Bauprojekten, vor allem an der neuen Hauptstadt, wird nicht gerne gehört.

Viele der Gebäude wurden bei dem Erdbeben von 1992 beschädigt. Damals erteilte die Regierung Räumungsbefehle und Abrissverfügungen. Allerdings gab es kein Programm für die Unterbringung derjenigen, die ihre Häuser zu räumen hatten. Die Bewohner widersetzten sich daher der staatlichen Verfügung und blieben in ihren Wohnungen. Wegen der nach wie vor gültigen Abrissbescheide wurde ihnen jedoch verboten, Reparaturen an den beschädigten Häusern vorzunehmen. "Wer es dennoch tat, dem drohten Gefängnisstrafen", sagt der Architekt.

Irgendwann waren viele Gebäude tatsächlich in einem Zustand, in dem sie nicht mehr zu renovieren waren. Dennoch: Es gebe immer noch Alternativen zu Massenräumung und komplettem Neubau, so der Architekt: "Einige Häuser können nach wie vor repariert werden, andere könnte man abreißen und auf der gleichen Fläche neue bauen." Dadurch bliebe die Struktur des Viertels erhalten, und die Bewohner könnten bleiben. Ähnliches geschah im Stadtteil Maspero, wo ebenso alte Bausubstanz zerstört wurde, um Platz für Neubauten zu schaffen. Den früheren Bewohnern wurde zwar angeboten, in die neuen Wohnungen einzuziehen, aber nur rund 400 der mehr als 1.500 Familien nutzten das Angebot. Für die meisten waren die neuen Unterkünfte zu teuer.

Gemeinsam mit dem Badetourismus am Roten Meer erbringt der Kulturtourismus einen Anteil von über zehn Prozent am Bruttoinlandsprodukt. Entsprechend gefördert wird daher das pharaonische Erbe Ägyptens. Weniger Begeisterung bringt die Regierung hingegen für das historische Erbe aus anderen Epochen auf, wie etwa für die Stadt der Toten im Osten Kairos, wo von der Zeit der Fatimiden bis ins 19. Jahrhundert Menschen bestattet wurden. In das von der Unesco als Weltkulturerbe anerkannte Areal wurde ein Autobahnzubringer gebaut, der Kairo mit der neuen Hauptstadt verbinden soll. Von ärmeren Menschen bewohnte Mausoleen wurden ohne Vorwarnung oder Entschädigung niedergewalzt.

Rund 2.700 Gräber wurden zur Zerstörung freigegeben, wie die Monatszeitschrift "Le Monde Diplomatique" berichtete. Darunter architektonisch wertvolle von Politikern und Dichtern und von Königin Farida, der ersten Ehefrau von König Faruk, des letzten Monarchen Ägyptens. Einige dieser Gräber galten zwar als schützenswert, aber das Wohnbauministerium strich sie kurzerhand von der entsprechenden Liste. Wären diese Bauten auf einer Aufstellung des für das pharaonische Erbe zuständigen Ministeriums für Antiquitäten gestanden, wäre das nicht so einfach möglich gewesen, meint der Architekt.

Neue Hauptstadt

Knapp 50 Kilometer östlich von Kairo begann 2015 der Bau der neuen Hauptstadt. Die Arbeiten am mit 58 Milliarden US-Dollar anberaumten Megaprojekt sind bis heute nicht abgeschlossen. Irgendwann sollten dort bis zu 15 Millionen Menschen wohnen - vorausgesetzt, sie sind bereit, in die neue Metropole umzuziehen. Eines der Hauptargumente für das Vorhaben war, dass die städtebaulichen Probleme Kairos nicht zu lösen seien, erklärt der Architekt. Doch er ist skeptisch, ob die neue Hauptstadt das alte Kairo tatsächlich entlasten wird.

"Einer der Gründe für die Überfüllung Kairos ist die zentralisierte Verwaltung Ägyptens. Täglich kommen zehntausende Ägypter in die Hauptstadt, um irgendwelchen Papierkram zu erledigen", sagt er. In der neuen Hauptstadt sollen jedoch vorwiegend die Ministerien und Regierungsgebäude untergebracht werden. Zahlreiche der Ämter mit Kundenkontakt bleiben in Kairo. Der tägliche Zustrom an Menschen, die dort zu tun haben, werde daher nicht wirklich weniger werden, glaubt der Architekt.

Er kritisiert außerdem, dass anstelle der ehemaligen Verwaltungsgebäude, die abgerissen werden, nicht etwa große Parks errichtet werden, um die Bevölkerungsdichte in Kairo zu reduzieren. Die Grundstücke werden statt dessen an Investoren verkauft, die neue Einkaufszentren oder Wohnblöcke erbauen: "Dadurch wird mehr Verkehr in Kairo erzeugt, nicht weniger." Am Ende wird der Bau der neuen Hauptstadt Kairo nicht entlasten; dieses wird so überbevölkert und verstopft bleiben, wie es bereits ist, befürchtet der Architekt.

Das von der Regierung vorgebrachte Argument, Kairo sei zu alt, um seine Probleme zu lösen, erscheint dem Stadtentwicklungsforscher Yahia Shawkat wenig überzeugend. Denn Regierung und Investoren geben weiterhin viel Geld für Erschließungen, neue Autobahnen, Einkaufszentren und Luxuswohnungen in Kairo aus. Das Problem sei daher nicht das Alter Kairos, sondern vielmehr die mangelnde Bereitschaft der Investoren, ärmere Stadtviertel zu entwickeln und leistbaren Wohnraum zu schaffen. Spekulative Käufe und exklusive Wohnungen würden den Markt dominieren. Einer weiteren Internationalisierung des Immobilienmarktes steht Shawkat daher kritisch gegenüber.

Mehr Mitsprache nötig

Der Architekt merkt außerdem an, dass nicht nur Sozialwohnungen erbaut, sondern auch der Mietmarkt reguliert werden müsse. Denn zurzeit würden Millionen privater Wohnungen in Ägypten leer stehen. Anstatt in Kairo ein künstliches Wachstum voranzutreiben, bei dem Häuser für Investitionszwecke erbaut werden, wäre es vernünftiger, die Mietgesetze zu überarbeiten, um diesen bereits vorhandenen Wohnraum zu nutzen.

Weiters sollten die Bewohner in die Stadtplanung einbezogen werden. Es brauche eine demokratische Kommunalverwaltung mit einem eigenen Budget, so der Architekt: "Wenn die Regierung möchte, dass sich die Lebensqualität in Kairo verbessert, müssen die Einwohner ein Mitspracherecht bei der Stadtentwicklung haben."