Wien/Grado. Migration - ob freiwillig oder nicht - hat gesundheitliche Konsequenzen, betont Thomas Stompe, Leiter der Ambulanz für transkulturelle Psychiatrie an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Wien. "Migration bedeutet in jedem Fall eine Belastung für die Psyche. Migranten haben eine vermehrte Anfälligkeit für psychische Störungen." Das belegen Studien und Zahlen.

Daten der Statistik Austria führte Montagabend die Wiener Spezialistin Türkan Akkaya-Kalayci von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie bei der österreichischen Ärztewoche in Grado an. Demnach sind Personen ausländischer Herkunft stärker von chronischer Angst und Depressionen betroffen als Österreicher - mit zwölf versus sieben Prozent. Weiters haben Studien aus den Niederlanden und Deutschland häufigere Suizidversuche und öfter auftretende Suizidgedanken bei türkisch sprechenden jungen Immigranten zutage gebracht. Darüber hinaus "haben Immigranten erster und zweiter Generation ein fast dreifach höheres Risiko für Schizophrenie-Erkrankungen. Die Ursache sind physische und psychische Belastungen während des Migrationsprozesses." Der offenbar größte Risikofaktor für Schizophrenie ist eine "andere" Hautfarbe. Laut Studien haben dunkelhäutige Migranten das zwei- bis fünffache Risiko, an Schizophrenie zu erkranken.

Eine weitere Beobachtung von Thomas Stompe: "Es zeigt sich, dass Anpassungsstörungen besonders in den ersten Monaten nach der Ankunft in Österreich auftreten. Auf der anderen Seite erkranken mehr Migranten an Depressionen, die sich schon länger in Österreich befinden." Laut Stompe sind die Umstände, unter denen Migration stattfindet, oft mit psychischen, ökonomischen Belastungen verbunden. "Familien werden zerrissen, kulturelle und individuelle Identitätsmuster verlieren ihre tragende Wirkung, die erste Zeit im Aufnahmeland ist meist durch unsichere rechtliche und wirtschaftliche Verhältnisse bestimmt." Kontraproduktiv wirken auch Ablehnung durch das Aufnahmeland und undurchschaubare Bürokratie.

Barrieren zum Arzt

Der Zugang zu gesundheitlicher Versorgung ist ebenfalls für viele Migranten ein verstärktes Problem. Eine große Hürde sind Verständnisprobleme durch die Sprachbarriere. Stompe empfiehlt: "Wenn es geht, sollte ein Dolmetsch beigezogen werden, der auch über das notwendige kulturelle Verständnis verfügt. Wir behelfen zeitweise mit bei uns Beschäftigten. Abzuraten ist von der Verwendung von Verwandten, weil das zu zusätzlichen Problemen innerhalb von Familie führen kann."

Missverständnisse zwischen Arzt und Patient treten auch auf, weil Krankheiten je nach kultureller Herkunft unterschiedlich dargestellt werden. "Wir wissen, dass Menschen aus dem Süden auch bei psychischen Störungen eher physische Beschwerden in den Vordergrund stellen." Das erhöhe die Gefahr für falsche Diagnosen. Der Psychiater: "Patienten aus Schwarzafrika haben oft Verzauberungsideen. Das ist deren traditionelles Erklärungsmodell für Krankheiten. Wir würden hier sehr schnell an das Vorliegen einer Schizophrenie denken. Wir hatten einen Patienten, bei dem stellte sich schließlich heraus, dass er an einer Depression litt."

Ohne Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt gebe es nicht überbrückbare Verständnisschwierigkeiten und die ganze moderne Medizin hilft nichts, meinte auch Akkaya-Kalayci. "Die medizinische Behandlung, die kulturelle sowie Migrationsgründe berücksichtigt, erhöht die Zuverlässigkeit der Diagnosen." Gerade das Gesundheitswesen könnte eine hervorragende Rolle in der Aufnahme von Migranten spielen: "Es präsentiert für Migranten die gesamte Gesellschaft - das wird generalisiert." Würden sich Migranten im Gesundheitswesen gut aufgehoben fühlen, würde sich das positiv auf ihren Zugang zur gesamten Gesellschaft auswirken.