Dragan Perak

Am 27. September 1992, als man bereits Kanonenschüsse aus der Richtung Jajce hörte, brach Perak gemeinsam mit seinem Nachbarn in dessen Bus nach Wien auf. Der letzte Ratschlag seiner Mutter vor der geheimen Flucht gab dem Buch auch seinen Titel: "Geh fort und dreh dich nicht um. Hier gibt es kein Leben mehr für dich." Doch die Flucht wurde zur Odyssee. Perak wollte zu einer befreundeten Familie in Wien, die sich jedoch gerade in Serbien aufhielt. Er verließ den Minibus und erreichte per Anhalter über Belgrad und Novi Sad seine Verwandten aus Wien, mit denen gemeinsam er schließlich am 6. Oktober 1992 in der Wiener Tullnergasse ankam. "Ich war verwirrt, verängstigt, schmerzerfüllt und orientierungslos", erzählt er.

Sein Onkel zwang ihn zwei Monate später zu arbeiten. Perak nahm eine Stelle als Tagelöhner und als Straßenkehrer bei der Magistratsabteilung 48 an. Auch Hausbesorgertätigkeiten seiner Tante übernahm er, ging einkaufen, kochte und musste seinen Onkel bedienen. Österreichische Mitbewohner im Haus - Perak nennt sie seine "österreichischen Eltern" - halfen ihm, die Torturen auszuhalten, und motivierten ihn zum Ausbruch. Er quartierte sich in einem Flüchtlingsheim in Wien-Brigittenau ein und hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Heute ist er Berater und Trainer im arbeitsmarktpolitischen Bereich.

In Österreich wurden die bosnischen Flüchtlinge großteils als "De-facto-Flüchtlinge" betreut. Sie galten nicht als Flüchtlinge im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention. Das Innenministerium gewährte auf bestimmte Zeit ein vorübergehendes Aufenthaltsrecht und bildete rechtliche Konstruktionen wie die "Bosnier-Verordnungen" und den "Bosnier-Erlass". Die "De-facto"-Aktion erreichte im Sommer 1993 mit 47.000 betreuten Flüchtlingen ihren Höchststand.

Provokation war der Anlass

Die Asylgesetze wurden seither mehrfach verschärft. "Xenophobie und Ausgrenzung sind nur zwei der Gründe", schreibt Perak. Eine öffentliche Beschimpfung war Anlass für ihn, sein Buch endlich zu verfassen. Als er vor einem Jahr einen Vortrag hielt, provozierte ihn ein Zuhörer: Ausländer nähmen den Österreichern die Arbeitsplätze weg, sie sollten besser Straßen kehren. Perak blieb gelassen: "Ich bin Ihnen äußerst dankbar dafür, dass sie mich dazu inspiriert haben, mich endlich mit meinem Leben auseinanderzusetzen." Ohne den Vorfall hätte sich sein Buchprojekt noch länger verzögert. "Ich bin froh darüber", sagt der Autor zur "Wiener Zeitung" und lacht.

Er versteht seine Autobiografie als Danksagung. "Ich trage Österreich im Herzen und möchte dem Land zeigen, wie dankbar ich bin", erklärt der Schriftsteller, der zu seiner Buchpräsentation vergangenen Freitag in Trachtenjacke, Trachtenhut und rot-weiß-roter Krawatte erschien. In seinem Zufluchtsland habe er "alles erhalten, was ich brauche". Ebenso solle sein Werk aber auch einen ebenso historisch-wissenschaftlichen wie privaten Einblick in eine dramatische Zeit liefern.

Da es noch immer keine getrennt aufgeschlüsselten Statistiken für die ehemaligen jugoslawischen Länder gibt, fehlen genaue Angaben über die Arbeitsmarktsituation der Bosnier. 66 Prozent der aus Ex-Jugoslawien stammenden Menschen waren 2012 laut Integrationsbericht erwerbstätig.

Seit 2009 ist Perak Integrationsbotschafter in Österreichs Schulen bei "projektXchange". "Integration ist kein zeitlich gerahmter Prozess", sagt er, "sie kann ein Leben lang dauern."