Boise. Wer war dieser Adam Lanza, der in der Kleinstadt-Idylle von Newtown 26 Menschen getötet hat? Ein scheuer, aber hochintelligenter junger Mann, der mit seinem sozialen Umfeld nicht zurecht kam? Ein äußerlich ruhiger, aber im Inneren zorniger Jugendlicher, der sich von seiner Mutter vernachlässigt fühlte und am Scheitern der elterlichen Beziehung zerbrach? Oder einfach jemand, dessen kriminelle Energie immer da war, und die nur einen kleinen Anlassfall brauchte, um durchzubrechen?

Eine mögliche Antwort abseits der polizeilichen Ermittlungen liefert Liza Long und sorgt damit amerikaweit für Aufsehen. "Ich bin Adam Lanzas Mutter", schreibt die Schriftstellerin aus Boise/Idaho in ihrem Blog "Anarchist Soccer Mom" und erzählt dabei überaus offenherzig über die psychischen Probleme ihres 13-jährigen Sohnes, dem sie das Pseudonym Michael verpasst hat. Ähnlich wie Adam Lanza, der am Asperger-Syndrom, einer Form des Autismus, litt, ist auch Longs Sohn außergewöhnlich intelligent. Er nimmt an einem Mathematik-Programm für Hochbegabte teil und versetzt seine Umgebung ins Staunen, wenn er die Unterschiede zwischen den Ideengebäuden Newtons und Einsteins erklärt.

Doch Michael hat auch noch eine andere Seite. Immer wieder kommt es zu unkontrollierten Zornesausbrüchen, dann beschimpft er seine Mutter als Hure, weil sie ihn bittet, eine zur Schulkleiderordnung passende Hose anzuziehen. Oder Michael zückt mitten in der Diskussion über ein paar noch nicht zurückgebrachte Bücher aus der Leihbibliothek plötzlich ein Messer und droht, zuerst seine Mutter und dann sich selbst umzubringen. Bereits mehrmals musste Long die Polizei rufen, die Michael dann mit Mühe und Not bändigen konnte, seine Geschwister fliehen in solchen Fällen ins Auto und verriegeln die Türen - der einzige Platz, der ihnen sicher erscheint. "Ich lebe mit einem Sohn, der geisteskrank ist. Ich liebe meinen Sohn. Aber er ängstigt mich", schreibt Long in ihrem Blog, der mittlerweile auch von vielen großen Medien wie der "Washington Post" und der "Huffington Post" entdeckt wurde und dort heftige Debatten ausgelöst hat.

Was Michael genau fehlt, weiß man bis heute nicht. Die Longs pilgerten von Arzt zu Arzt, dutzende Diagnosen wurden in den Raum geworfen, doch die Frage, wie man ihrem Sohn helfen kann, blieb unbeantwortet. Der Blog der "Anarchistic Soccer Mom" ist dementsprechend als Hilfeaufruf, aber auch als Anklage, zu verstehen. Long fühlt sich vom Staat und seinen Institutionen allein gelassen. Spitäler und Einrichtungen, die auf die Behandlung psychisch Kranker spezialisiert sind, würden laufend zugesperrt, klagt sie. Was dann am Ende des Tages übrig bleibe, seien abstrus anmutende Vorschläge wie jener von Michaels Sozialarbeiter. Dieser hatte Long erklärt, ihn Sohn hätte nur dann eine Chance auf eine entsprechende Behandlung, wenn er wegen einer Straftat verurteilt würde.

Die Debatte über schärfere Waffengesetze, die nach dem Newton-Massaker einmal mehr losgebrochen ist, hält Long dementsprechend für einseitig. "Es ist einfach, über Waffen zu reden", schreibt sie. "Doch nun ist es Zeit, über psychische Krankheiten zu reden". Dass Long mit ihrem Beitrag einen wunden Punkt getroffen hat, zeigt nicht nur das enorme mediale Echo in den USA, sondern auch die Statistik. Laut dem Magazin "Mother Jones", das 62 Amokläufe in den letzten 30 Jahren ausgewertet hat, litten mehr als die Hälfte der Täter an schweren, aber dennoch behandelbaren, psychischen Störungen.