Dhaka/Wien. Es ist früher Morgen in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Die Angestellten im Vorort Savar machen sich an diesem Mittwoch auf den Weg zum Dienst - obwohl sie vorhaben, das Gebäude, in dem sie arbeiten, nicht zu betreten. Denn erst am Vortag haben die Behörden wegen großer Risse in den Wänden den Aufenthalt in der Textilfabrik verboten. "Doch man hat uns zur Arbeit gezwungen", erzählt ein junger Mann. Am Vormittag passiert dann das Unglück: Das mehrstöckige Gebäude stürzt ein, begräbt fast 2000 Menschen unter sich, dabei kommen mindestens 123 ums Leben, mehr als 700 werden verletzt.

Verzweifelte Angehörige graben seit Stunden mit bloßen Händen in den Schutthaufen, um ihre Liebsten zu bergen. Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, denn viele der Opfer, die die Rettungskräfte erst am Nachmittag finden, sind zu dem Zeitpunkt bereits tot. So wird die Anzahl der Toten vermutlich weiter steigen - die Feuerwehr sprach von mehr Hunderten, die noch unter den Trümmern liegen. Man höre aus dem Trümmerhaufen immer wieder Überlebende beten oder nach Wasser schreien, erzählt ein Reporter der Zeitung "Daily Star" aus Bangladesch. In dem eingestürzten Gebäude haben sich mehrere Textilfabriken und ein Einkaufszentrum befunden.

Hochhauseinstürze sind in dem südasiatischen Land keine Seltenheit. Das verwendete Material ist meist minderwertig, Bauvorschriften werden einfach ignoriert, Korruption verhindert effektive Sicherheitskontrollen. Vor acht Jahren brach im selben Viertel bereits eine Textilfabrik zusammen. Auch damals kamen Dutzende Menschen um.

Schuften für Hungerlohn

Auch der Arbeitsschutz wird oft ignoriert. Gerade in der Textilindustrie arbeiten die Menschen im Billiglohnland Bangladesch unter oft lebensgefährlichen und menschenunwürdigen Bedingungen - für einen Hungerlohn von durchschnittlich weniger als 30 Euro im Monat. Gearbeitet wird bis zu 16 Stunden an sieben Tagen die Woche. Durch Übermüdung der Arbeiter, aber auch aufgrund von mangelnden oder fehlenden Sicherheitsvorkehrungen kommt es immer wieder zu Unfällen. Erst im vergangenen November waren bei einem Feuer in einer Textilfabrik mehr als 110 Menschen ums Leben gekommen.

Viele westliche Unternehmen lassen ihre Ware bei den Textilzulieferern in Bangladesch zu billigen Preisen schneidern - etwa H&M, KiK oder Calvin Klein. Für Christine Esterbauer von der Nichtregierungsorganisation "Südwind" sind diese Unternehmen mitverantwortlich für die Ausbeutung der Arbeiter: "Die Auftraggeber wollen möglichst wenig bezahlen für die Produktion der Ware. Gespart wird als Konsequenz bei den Arbeitern in Bangladesch", sagt sie und fordert von den Großunternehmen, bereits bestehende Schutzabkommen von Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften zu unterschreiben.

"Sicherheit ist zwar ein Thema in Bangladesch, es geschieht aber nichts", sagt Joachim Betz vom deutschen Giga-Institut für Asienforschung. Es gebe zwar Abkommen und Regelungen, diese scheitern aber meist an der mangelnden Kontrolle. "Die Zulieferer, die für Großkonzerne produzieren, sind kleinindustriell und unterliegen damit nicht der Arbeitsgesetzgebung in Bangladesch", erklärt Betz der "Wiener Zeitung". Folglich gebe es auch kaum Sicherheitsinspektionen.

Rund 5000 Textilfabriken gibt es in Bangladesch - in einen Topf werfen kann man aber nicht alle. Die Arbeitsbedingungen unterscheiden sich von Firma zu Firma. Manche Betriebe respektieren beispielsweise die Ruhezeiten ihrer Angestellten stärker als andere. "Am miesesten sind die Arbeitsbedingungen aber leider oft bei den Firmen, die für heimische Betriebe produzieren", sagt Betz. Gemeint ist damit der jüngste Skandal rund um den deutschen Textildiscounter "KiK", der offenbar Produkte verkauft, die von arbeitenden Kindern in Bangladesch hergestellt worden sind.

Andererseits ist die Textilindustrie das Standbein der Wirtschaft in dem Land. Bangladesch ist nach China der zweitgrößte Textilexporteur der Welt. Die Branche ist maßgeblich für Wachstum und Entwicklung des Landes verantwortlich, erwirtschaftet sie doch knapp 80 Prozent des Jahresexports Bangladeschs von 24 Milliarden Dollar.

Der Boom in der Textilbranche der letzten 20 Jahre habe den Menschen nicht nur Negatives gebracht, sagt Betz. Viele Frauen haben dadurch Zugang zum Arbeitsmarkt gefunden. Dass Arbeiter in Textilfabriken aber oft für wenige Cents pro Tag arbeiten, relativiert Betz. Immerhin würden die Betriebe im Exportbereich zehn Prozent mehr bezahlen als andere Unternehmen in Bangladesch. Alles also gar nicht so schlimm? "Das stimmt so nicht", sagt Betz. "Aber man muss sich fragen: Wenn die Menschen nicht mehr in der Textilindustrie arbeiten, wie sieht die Alternative aus?"