Santiago de Chile. Es war 20.46 Uhr Ortszeit, als die Menschen den Boden unter ihren Füßen kräftig wanken spürten. Am stärksten traf das Beben die Städte Iquique (160.000 Einwohner) und Arica (210.000 Einwohner) an der peruanischen Grenze. Dass sich etwas anbahnte, war schon in den vergangenen Wochen zu spüren gewesen: Mehr als 400 kleinere Beben hatten das Land erschüttert.

Das Erdbeben hat im Norden Chiles mindestens fünf Tote gefordert und an weiten Teilen der Pazifikküste Südamerikas Tsunami-Alarm ausgelöst. Hunderttausende Menschen flüchteten in höher gelegene Gegenden. Die Erschütterungen erreichten am Dienstagabend (Ortszeit) nach Angaben der chilenischen Erdbebenwarte CSN die Stärke 8,2 - es war das heftigste Beben im Norden des Landes seit rund 150 Jahren.

Zwei Meter hohe Wellen
Das Beben löste bis zu zwei Meter hohe Wellen aus, wie das Ozeanografische Institut der Marine (SHOA) mitteilte. "Das Meer erreichte das erste Stockwerk der Marine-Verwaltung", sagte der Bürgermeister von Iquique, Jorge Soria. Zudem brachen zwei Brände in der Stadt aus.

Das Epizentrum lag rund 100 Kilometer vor der Küste der Stadt Iquique in 38,9 Kilometern Tiefe im Meer. Aus Furcht vor Riesenwellen ordneten die Behörden Evakuierungen entlang der rund 5000 Kilometer langen Küstenlinie an. Auch im Süden Perus fanden Evakuierungen statt.

Zahlreiche Nachbeben erreichten eine Stärke von bis zu 6,0. Das Hauptbeben war sogar bis in die fast 500 Kilometer entfernte bolivianische Hauptstadt La Paz zu spüren.

Präsidentin Bachelet: "Notfall gut gemeistert"
Präsidentin Michelle Bachelet erklärte drei Regionen im Norden des Landes zum Katastrophengebiet. Das Militär solle den Betroffenen dort helfen, aber auch Plünderungen verhindern, sagte sie in einer Fernsehansprache. Bisher sei alles unter Kontrolle: "Das Land hat die ersten Stunden dieses Notfalls gut gemeistert." Am Mittwoch wollte Bachelet in das betroffene Gebiet reisen.

Medien berichteten von Dutzenden zerstörten Booten. Hunderte Schiffe, darunter die der chilenischen Kriegsflotte, fuhren aufs offene Meer hinaus, um Schäden zu vermeiden. Nach einigen Stunden wurde der Tsunami-Alarm in großen Teilen Chiles sowie an der südamerikanischen Pazifikküste wieder aufgehoben.

Bei den Todesopfern handle es sich um vier Männer, einer davon war Feuerwehrmann, und eine Frau, teilte Innenminister Rodrigo Penailillo mit. Sie seien bei Einstürzen sowie durch Herzinfarkte gestorben. Das Beben löste auch Erdrutsche aus, zahlreiche Straßen waren blockiert.

Zudem kam es zu Stromausfällen, die Telefonnetze waren überlastet, wie örtliche Medien berichteten. Flüge und Busverbindungen in die betroffenen Gebiete wurden eingestellt. Auch der Schulunterricht fiel vielerorts aus.

Massenausbruch aus dem Gefängnis
In Iquique nutzten rund 300 Häftlinge eines Frauengefängnisses das Chaos zudem zu einem Massenausbruch. Etwa 40 von ihnen konnten inzwischen wieder festgenommen werden, berichtete die Zeitung "La Tercera" in ihrer Online-Ausgabe. Zudem gab es Plünderungsversuche. Die Regierung entsendete aus Santiago de Chile 100 Polizisten zur Verstärkung der Sicherheit in Iquique.

Erdbeben kommen in Chile häufiger vor. Zuletzt waren am 27. Februar 2010 bei einem Beben der Stärke 8,8 im Süden des Landes mehr als 500 Menschen umgekommen. Das südamerikanische Anden-Land befindet sich an der Kontaktgrenze der tektonischen Nazca- und der südamerikanischen Platte.