Freetown/Wien. Der Vormarsch des hochtödlichen Ebola-Virus in Westafrika dauert weiter an. In den drei betroffenen Ländern Sierra Leone, Liberia und Guinea erlagen bisher mindestens 603 Menschen der Krankheit, während hunderte weitere Personen infiziert sind. Anfangs treten bei einer Ebola-Erkrankung die typischen Symptome einer Grippe auf: Fieber, Kopfschmerzen, ein Schwächegefühl. Doch dann kommen rasch starke innere Blutungen, die für den Betroffenen sehr oft tödlich enden. Der Arzt Michael Kühnel verbrachte als Vertreter des österreichischen Roten Kreuzes die vergangenen Wochen in Sierra Leone. Mit der "Wiener Zeitung" sprach er über seine Erfahrungen im Kampf gegen Ebola.

"Wiener Zeitung":Wie konnte sich das Ebola-Virus so schnell verbreiten? Frühere Ausbrüche waren ja meist kleiner und lokal begrenzt.

Michael Kühnel: Die Infrastruktur und die Transportmittel in den betroffenen Ländern haben sich verbessert. Es gibt bessere Straßen, mehr Autos und Taxis. Ein Ebola-Infizierter kann das Virus schnell in andere Orte und Länder weitertragen. Ein großes Problem ist auch, dass die Symptome von Malaria und Ebola sehr ähnlich sind. Derzeit gibt es aufgrund der Regenzeit dort auch naturgemäß viele Malariafälle. Oft gehen die Leute zum Arzt und glauben, an Malaria erkrankt zu sein, obwohl sie an Ebola leiden.

Sie waren für das Rote Kreuz bereits in Haiti, um dort die Cholera zu bekämpfen. Wie unterschiedet sich das Ebola-Virus davon?

Ebola ist eine äußerst gefährliche Krankheit: Sie ist höchst ansteckend und extrem tödlich. Je nachdem, wie schnell die Leute ins Krankenhaus gehen, liegt die Sterberate bei 60 bis 90 Prozent. Allerdings gibt es auch geheilte Patienten. Deren Geschichten machen natürlich Hoffnung.

Was sind die Probleme im Kampf gegen Ebola?

Ein großes Problem ist die Desinformation der betroffenen Bevölkerung. 60 bis 70 Prozent der Leute sind Analphabeten. Informationen bekommen die Leute nur über Mundpropaganda oder das Radio. Die Leute haben deswegen einen enormen Hunger nach Wissen. Keiner dort weiß genau: Was ist Ebola, wie funktioniert es? Deswegen war es eine unserer Hauptaufgaben, die Leute über das Virus aufzuklären.

Erklärt das fehlende Wissen über Ebola, warum es kein Heilmittel gegen die Krankheit gibt?

Das kann man so nicht sagen. Der jetzige Ausbruch ist der Größte, den es bisher gegeben hat, obwohl es früher bereits kleinere Vorfälle gab. Aber es ist so wie immer: Solange nicht hunderte Menschen sterben, wird nicht viel Geld in die Erforschung der Krankheit investiert. Ebola ist allerdings eine der Krankheiten, die immer mehr im Kommen sind, dadurch, dass Menschen zunehmend in den Dschungel vordringen. Dort lebende Tiere wie unter anderem Affen und Flughunde sind dafür bekannt, das Virus in sich zu tragen. Affen werden zum Beispiel vielerorts gegessen. Bei der Zubereitung infizieren sich dann die Menschen.

Was kann man gegen Ebola tun? Wie schützt man sich?

Das Wichtigste ist: Körperkontakt vermeiden. Deswegen wurden große Menschenansammlungen von den Behörden bereits verboten. Krankenhauspersonal, das täglich Ebola-Patienten behandelt, sollte zudem unbedingt einen Ganzkörperanzug tragen. Ein wichtiger Bestandteil ist auch das "Dead Body Management". Dabei geht es darum, wie verhindert werden kann, dass sich Menschen über die Leichen verstorbener Erkrankte infizieren. Die Leichen müssen daher ordnungsgemäß desinfiziert werden, aber gleichzeitig muss auch eine Balance mit den lokalen religiösen und spirituellen Bestattungsbräuchen gefunden werden.

Wie sehr belastet der Ausbruch auch die Psyche der Menschen?

Das ist natürlich ein Problem. Es herrscht große Ungewissheit: So werden gesunde Menschen aus Dörfern verstoßen, weil sie für krank gehalten werden. Bei solchen Fällen mussten wir Aufklärung leisten. Menschen, die täglich Dorfangehörige begraben mussten, haben natürlich auch Ansprechpartner gebraucht. Dafür hatten wir auch einen Psychotherapeuten vor Ort.

Wie wird sich die Situationen Ihrer Meinung nach entwickeln?

Es wird wohl mindestens bis Weihnachten dauern, bis die Epidemie in Sierra Leone vorbei ist, weil das Virus immer wieder aufflammen kann. Sobald ein Erkrankter sich versteckt, ist ein neuerlicher Ausbruch möglich.