Seoul. Schon vier Stunden, bevor die fast 50.000 Gläubigen ihren Papst mit weißgelben Stofftüchern und "Viva Papa"-Rufen zur Messe begrüßen, sind die Ränge des World-Cup-Stadion in Daejeon bis zum letzten Platz gefüllt. Genau vor zwölf Jahren feierte hier Südkorea als Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft mit einem Sieg gegen Italien seinen bisher größten Erfolg. Nun ist das Land am Han-Fluss wieder Gastgeber: für den ersten Papstbesuch in Ostasien seit über 25 Jahren.

Noch bis Montag wird das Oberhaupt der katholischen Kirche in Südkorea verweilen, offizieller Anlass ist der Asiatische Jugendtag in Daejeon. Vor seiner Abreise wird der Papst, der auch Obdachlose und Überlebende der Sewol-Schiffskatastrophe trifft, eine Friedensmesse für die Versöhnung der Koreanischen Halbinsel zelebrieren. Dafür lud der Vatikan explizit auch nordkoreanische Katholiken ein, die jedoch aufgrund des für nächste Woche geplanten gemeinsamen Militärmanövers von Südkorea mit den USA absagten.

Der Norden war es auch, der bereits für Schlagzeilen sorgte, als der Papst noch im Flugzeug saß: Kaum eine halbe Stunde vor Franziskus’ Ankunft feuerte Nordkorea drei Kurzstreckenraketen von der Ostküste 220 Kilometer in Richtung Japanisches Meer ab. Für den Papst bestand freilich keine Gefahr. Wie schon bei den letzten Staatsbesuchen von Xi Jinping und Barack Obama nutzt der Norden regelmäßig die internationale Aufmerksamkeit politischer Großereignisse für Raketentests. Laut der nordkoreanischen Nachrichtenagentur handle es sich jedoch nur um schlechtes Timing: Der Raketenabschuss sei ausschließlich der Befreiung der Koreanischen Halbinsel von den japanischen Besetzern geschuldet, die sich zum 69. Mal jährte.

Die nach Brasilien und dem Nahen Osten dritte Auslandsreise des Pontifex gilt auch als überfällige Hinwendung an eine Region, die bislang vom Vatikan eher stiefmütterlich behandelt wurde. Auch wenn gerade einmal 3,2 Prozent der vier Milliarden Asiaten katholisch getauft sind, verzeichnet die Kirche nirgendwo anders einen derart starken Mitgliederzuwachs.

Große Beliebtheit bei Jugend

Allein in Südkorea stieg die Anzahl der Katholiken in den letzten 40 Jahren von zwei auf über zehn Prozent an, besonders unter Jugendlichen genießt die Religionsgemeinschaft große Beliebtheit. Rund 100.000 Südkoreaner werden laut Vatikan jedes Jahr getauft. Dabei liegt der konfessionslose Bevölkerungsanteil in Südkorea mit 45 Prozent traditionell hoch. Rund ein Fünftel aller Südkoreaner bekennen sich zum Buddhismus, der über eine 1700-jährige Geschichte im Land verfügt.

Doch mit dem Trauma der japanischen Kolonisation während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde das Vertrauen in die konfuzianistischen und buddhistischen Traditionen nachhaltig erschüttert. Stattdessen konnten sich weite Teile des unterdrückten Volks mit den Leiden Israels aus dem Alten Testament identifizieren.

Einzigartig ist, dass Korea im Gegensatz zu allen anderen Ländern Asiens nicht durch äußere Kräfte missioniert wurde. "Die ersten Christen Koreas waren ehemalige Konfuzius-Gelehrte, die um 1770 in Peking mit Schriften von Missionaren des Jesuitenordens in Kontakt gekommen sind", sagt Theologie-Professor Joseph Kim von der Sogang Universität in Seoul. Zurück in ihrer Heimat tauften die Gelehrten ihre Landsleute eigenständig und gründeten ohne jeden Priester erste Kirchengemeinden. In sozialen Netzwerken sorgte vor allem die Autowahl des Papstes für Erstaunen: Laut Vorbereitungskomitee fragte Franziskus nach dem "kleinstmöglichen Auto in Korea". Die Wahl fiel schließlich auf ein Modell des heimischen Autoherstellers Kia mit einem bezeichnenden Namen: "Soul".