Freetown/Conakry/Lagos. Ein internationales Team hat das Erbgut von 99 Ebola-Viren der derzeitigen Epidemie entziffert. Die in Westafrika grassierende Variante unterscheide sich an mehr als 300 Stellen von den Erregern früherer Ausbrüche, berichten die Forscher im Fachjournal "Science". Zudem fanden sie über 50 Mutationen, die während der Epidemie auftraten.

Daten erklären Schwere des Ausbruchs nicht
Die Wissenschafter um Pardis Sabeti von der Harvard University in Cambridge (US-Bundesstaat Massachusetts) stellen ihre Daten öffentlich zur Verfügung und hoffen, dass dies bei der Entwicklung schnellerer Tests sowie von Impfstoffen und Therapien hilft.

"Unsere Daten können nicht zeigen, ob die Unterschiede mit der Schwere des Ausbruchs zusammenhängen", schreiben sie. Es sei auch nicht daraus abzulesen, ob der Erreger-Typ gefährlicher ist als frühere Varianten. Die untersuchten Erreger stammen von 78 Patienten, die von Ende Mai bis Mitte Juni in Sierra Leone registriert wurden. Einigen war wiederholt Blut entnommen worden.

55 Mutationen seit dem Ausbruch
Das Forscherteam sequenzierte das Genom mit einer extrem hohen Genauigkeit. Es nutzte für die Arbeit auch drei bereits veröffentlichte Viren-Erbgutsequenzen aus Guinea und fand insgesamt 341 Mutationen im Vergleich zu Erregern früherer Ausbrüche und 55 Mutationen, die während der Epidemie in Westafrika auftraten. Manche davon haben direkte Auswirkungen auf Proteine und könnten damit Ziel von Therapien sein.

Doppelte Mutationsrate
"Es ist das erste Mal, dass die Veränderungen von Ebola-Viren während eines Ausbruchs untersucht wurden. Man sieht, wie sich der Erreger dabei entwickelt hat", sagt Bernhard Fleischer, stellvertretender Vorsitzender des Bernhard-Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNITM) in Hamburg. "Die Mutationsrate ist doppelt so hoch wie in der Natur. Möglicherweise führt das Immunsystem der Menschen dazu, dass sich mutierte Viren durchsetzen, die sich besser vermehren können." Ob die Mutationen zu einem anderen Verhalten der Viren führen, dass sie beispielsweise infektiöser oder gefährlicher werden, müsse noch untersucht werden.

"Es wird sicher noch viele Monate dauern, bis man weiß, was diese Mutationen bedeuten", sagte Fleischer, der das Nationale Referenzzentrum für tropische Infektionserreger am BNITM leitet. Ein Team am BNITM hatte bereits im April das Erbgut von drei Ebola-Viren von Patienten aus Guinea veröffentlicht, wo der aktuelle Ausbruch begann.

Der erste Patient habe sich vermutlich bei einem Tier infiziert, berichten die Forscher in "Science". Danach seien die Erreger wohl nur noch von Mensch zu Mensch übertragen worden.

Der derzeitige Virenstamm hat sich den Forschern zufolge wahrscheinlich innerhalb des vergangenen Jahrzehnts aus einer im mittleren Afrika vorkommenden Version entwickelt. Von Guinea nach Sierra Leone sei er durch Teilnehmer einer Beerdigung gekommen, schreiben sie mit Verweis auf Studien des Gesundheitsministeriums von Sierra Leone.

Bereits 1.552 Todesopfer
Die Epidemie breitet sich immer schneller aus. Wie die WHO am Donnerstag in Genf mitteilte, starben in Guinea, Liberia, Sierra Leone und Nigeria bis vergangenen Dienstag 1.552 Menschen an der Krankheit. Insgesamt registrierte die Organisation 3.069 bestätigte und Verdachtsfälle.

Mehr als 40 Prozent der Erkrankungen seien in den vergangenen drei Wochen erfasst worden. Der Ausbruch wurde im März bekannt.

Größter Ausbruch aller Zeiten
Die Sterblichkeit in Westafrika liegt demnach im Mittel bei 52 Prozent. Sie reicht von 42 Prozent in Sierra Leone bis zu 66 Prozent in Guinea. Den Statistiken zufolge forderte die derzeitige Epidemie bisher ähnliche viele Opfer wie alle früheren Ebola-Ausbrüche zusammen. Laut WHO waren vor dem aktuelle Ausbruch insgesamt 2.387 Ebola-Erkrankungen erfasst, 1.590 Infizierte starben.

Der derzeitige Ausbruch ist der bisher größte sowohl in Bezug auf die Patientenzahl als auch auf die räumliche Verbreitung. Er startete in Guinea, kam im März nach Liberia, im Mai nach Sierra Leone und im Juli nach Nigeria. Die Zahl der Patienten verdoppelte sich nach Angaben der Forscher binnen knapp 35 Tagen - sie stieg also exponentiell. Fünf der rund 60 an der Studie beteiligten Menschen starben an Ebola, bevor der Artikel veröffentlicht wurde.