Ermenek. Nach einem schweren Grubenunglück im Süden der Türkei sinken die Überlebenschancen für die 18 eingeschlossenen Kumpel stündlich. Die Aussichten für die in einem überfluteten Stollen festsitzenden Bergarbeiter seien nicht gut, sagte Energieminister Taner Yildiz, während die Bergungsarbeiten am Mittwoch auf Hochtouren weiterliefen.

Kaum mehr Hoffnung
"Die Zeit spielt gegen uns", erklärte Yildiz. "Der Wasserspiegel steigt alle zwei Stunden um einen Meter." Es gibt kaum mehr Hoffnung die 18 noch vermisste Arbeiter lebend zu bergen. Mehr als 10.000 Tonnen Wasser waren seinen Angaben zufolge in den Stollen gelaufen.

Fünf Monate nach dem schwersten Bergbauunglück in der Geschichte der Türkei ist damit erneut eine Grube zur Falle geworden: Schauplatz der neuen Tragödie ist die Steinkohlegrube in der Stadt Ermenek in der Provinz Karaman fast 500 Kilometer südlich von Ankara. Nach vorläufigen Behördenangaben wurden 34 Kumpel am Dienstagnachmittag von einem Wassereinbruch überrascht, nur die Hälfte von ihnen konnte sich rasch befreien. Yildiz zufolge saßen 18 ihrer Kollegen in mehr als 300 Meter Tiefe fest.

Ursache unbekannt
Provinzgouverneur Murat Koca wies Medienberichte zurück, wonach es eine Explosion gegeben haben soll. Warum der Teil der Grube überflutet wurde, war aber nach wie vor offen. Ein Sprecher des Grubenbetreibers sagte am Nachmittag im Fernsehen, die Eingeschlossenen könnten "nicht länger als zwei Stunden überleben".

Zwar machten sich nach dem Alarm mehr als 250 Hilfskräfte der Notfallbehörde auf den Weg, um die Bergungsarbeiten zu koordinieren. Trotz des Versuchs, das Wasser abzupumpen, gelang ihnen zunächst aber kein Durchbruch. In den Stollen seien mehr als 10.000 Tonnen Wasser gelaufen, sagte Yildiz. Pro Stunde könnten aber nur 180 bis 200 Tonnen abgepumpt werden.

Schwere Kritik an der Regierung

Ein Kumpel, der sich in Sicherheit bringen konnte, machte Sicherheitsmängel für das Unglück verantwortlich. Das Drama hätte durch Befolgen der üblichen Regeln verhindert werden können, sagte er der Nachrichtenagentur Anadolu. Dies sei schon das dritte Mal, dass die Mine überflutet wurde.

Am 13. Mai waren in einer Grube Soma im Westen der Türkei 301 Bergleute nach einer Explosion ums Leben gekommen. Der damalige Regierungschef und heutige Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte die Angehörigen der Opfer mit seiner erschreckenden Gleichgültigkeit zusätzlich erzürnt, es kam zu wütenden Protesten gegen ihn, die Regierung und die Zechenbetreiber.

Sicherheitsvorkehrungen missachtet
Ermittlungen ergaben, dass grundlegende Sicherheitsvorkehrungen missachtet worden waren. Acht Manager sind wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. Zwar wurde Ende Mai ein Gesetz verabschiedet, das zu mehr Sicherheit führen soll und die Arbeitszeit der Kumpel verkürzt. Nach einer Statistik der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) liegt die Türkei bei Todesfällen am Arbeitsplatz aber weltweit nach wie vor auf Rang drei.

Erdogan sagt Einweihung ab
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat am Mittwoch einen Staatsempfang zum Nationalfeiertag und zur Einweihung seines umstrittenen neuen Amtssitzes abgesagt. Grund sei das Grubenunglück im südtürkischen Ermenek, sagte Erdogan laut der Nachrichtenagentur Anadolu. In der Grube werden nach einem Wassereinbruch 18 Bergleute vermisst. Erdogan will im Lauf des Tags den Unglücksort besuchen.

Erdogan absolvierte in der Früh den beim Nationalfeiertag obligatorischen Besuch am Mausoleum von Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk und nahm im neuen Präsidentenpalast die Glückwünsche von Politikern und anderen geladenen Gästen entgegen. Der für den Abend geplante Empfang, bei dem der als "Ak Saray" (Weißer Palast) bekannte Bau offiziell eingeweiht werden sollte, wurde aber abgesagt. Das fast 300 Millionen Euro teure Gebäude auf einer Fläche von mehreren hunderttausend Quadratmetern ist umstritten, weil es trotz gerichtlicher Einsprüche errichtet wurde.