Wien. "Mit mehr als 50 Jahren Migrationsgeschichte fehlt es dem Land Österreich an einem Raum, in dem alles, was mit Migration zu tun hat, als Prozess gesehen wird, damit man in der Forschung nicht immer von vorne beginnen muss, sondern gesammelten Artfakten einen Wert gibt, sie aufbewahrt und zur Verfügung stellt."

Der Migrationsexperte und Philosoph Ljubomir Bratic wundert sich, dass Wien nicht schon längst ein Archiv der Migration hat: "Die Stadt war von Anfang an eine Migrationsstadt. Hier haben einst mehr als zwei Millionen Menschen gelebt, und es hat Zeiten gegeben, in denen mehr als die Hälfte der Einwohner nicht deutsch gesprochen hat."

Den Grund für diesen Mangel sieht Bratic, der seit 2013 unter anderem wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte der Universität Innsbruck ist, in der Selbstdefinition des Nationalstaates, in dessen Eigenlogik es immer eine hauptführende Gruppe gibt. Diese sei in Österreich besonders tonangebend, weil die Idee einer starken Nation vorherrsche, deren System an eine einzige Sprache gebunden sei. "Als dies geschaffen wurde, entstand auch die Idee der Mehr- und Minderheiten. Die Minderheit wird dabei aus den Mehrheitsebenen ausgeschaltet und hat insbesondere auch keinen Zugang zur selbsthistorisierenden Struktur", erklärt Bratic. Das Anliegen des Projektteams für ein Archiv der Migration ist es, dass die Minderheit, wenn sie zu einem Bewusstsein gelangt, nicht ohne Geschichte dasteht. "Auch sie weist eine bestimmte Form von Produktion auf, die zum staatlichen Gebilde beiträgt. Aber das ist verdeckt. Es geht also darum, diese andere Linie als einen wesentlichen Teil der Hauptlinie ans Licht bringt."

Schrumpfen der Demokratie

Die Unsichtbarkeit dieser "Nebenlinie" führt Bratic auf einen grundlegenden Konflikt zwischen Mehrheit und Minderheit zurück. "Wenn wir von Konflikten reden, muss man differenzieren. Es geht um Strukturen, um die Forderung an sich und die hegemoniale Stellung der Mehrheit. Aber die Mehrheit ist kein Gegner in einer kriegerischen Art, sondern in bestimmten Dingen eingeengt, während sie den Status quo hält." In einer Demokratie sei dies problematisch, weil ein Beibehalten des Status quo auch immer wieder ein Beharren und einen Rückzug auf die eigene Position bedeute, "da werden auch Verteidigungsdämme aufgezogen".

Bratic warnt davor, dass ein gesundes Gesellschaftssystem sich selbst schade, wenn bestimmte Forderungen, die das Verständnis von Demokratie erweitern könnten, einfach abgelehnt würden. "In Österreich zum Beispiel dürfen eine Million Menschen nicht wählen. Und je länger sie nicht wählen dürfen, desto problematischer wird die Situation dieser Demokratie. Ob sie es will oder nicht. Das sind faktische Dinge." Mit der Geschichte sei es genauso. 60 Prozent der Schüler in Österreich haben einen Migrationshintergrund und eine Migrationsgeschichte. Und die sei nun einmal ein Teil der offiziellen Geschichte des Landes. "Sie haben ein Recht darauf, dass sie darin vorkommen."

Was ist ein Artefakt?

Der Prozess, in dem diese Geschichte ans Licht gebracht wird, ist ein langwieriger. Und es bedarf dazu bestimmter Artefakte. Die Definition eines solchen Artefakts ist keine eindeutige. Es handelt sich dabei um verschiedene Objekte, die heute etwas anderes darstellen als zur Zeit ihres alltäglichen Gebrauchs. Bratic nennt als Beispiel eine Infobroschüre für "Jugoslawische Zoll- und Devisenbestimmungen" aus den 1970ern, die an Bürger des ehemaligen Jugoslawien adressiert war.

Damals als Anreiz gedacht, um Jugoslawen dazu zu bringen, Devisenreserven in der Heimat anzusparen, ist es heute eine Informationsquelle, in der diverse Bereiche und Fragen mitschwingen: etwa die laufende Arbeitsmigration, die wahre Intention des Schriftstücks oder seine Verteilungswege. "Es geschieht nicht von heute auf morgen, dass jene, die im Abseits stehen, Teil des geschichtlichen Mainstreams werden und auch in die Schulbücher kommen. Aber mit dem Sammeln von Objekten, die Menschen produzieren, die auch das Kollektiv dieser Menschen zeigen, oder die im Prozess entstehen, ist es möglich, diese zum Vorschein zu bringen", sagt Bratic. "Anfänglich waren, um beim Zollbeispiel zu bleiben, diese Bestimmungen restriktiv, dann wieder locker. Es handelt sich um sehr trockene Zeilen, aber die sagen uns ganz viel über diese Zeit."

Die Moschee-Uhr

Als weiteres Beispiel für ein solches Artefakt und dessen Vielschichtigkeit erzählt der Migrationsexperte von einem Besuch im Berliner Museum der Dinge, in dem unter anderem eine Uhr in Form einer Moschee ausgestellt ist. "Da tauchen automatisch Fragen auf: Wer hat das produziert? Für wen wurde es gefertigt? Für ein islamisches Land oder doch die Diaspora?" Für Wien interessant wäre aus seiner Sicht auch ein anderes Artefakt, das zufällig entdeckt wurde. Es handelt sich um das Kassaheft eines jugoslawischen Vereins namens "Mladost" (Jugend), das die Ein- und Ausgänge in den Jahren 1974 und 1975 auflistet. Darin finden sich Schillingbeträge für eine Veranstaltung am 8. März, der Kauf von Turnschuhen für die Fußballmannschaft und andere Dinge. "Es ist ein wunderbares Zeugnis darüber, wie diese damalige Institution funktioniert hat. Ohne dieses Objekt hätten wir über diesen Verein keine Ahnung", so der Migrationsexperte.