Das Archiv der Migration stellt er sich proaktiv vor, im Gegensatz zu den meisten passiven Archiveinrichtungen. Einen Ort der Geschichtssammlung zu schaffen und zu erhalten, ist natürlich immer auch mit finanziellen Fragen verbunden. Deshalb warten die meisten Archive üblicherweise darauf, was ihnen staatliche Institutionen überlassen. "Jene Archive, die sich mit den anderen Linien der Geschichte befassen - also jene, an denen die Stadt kein so großes Interesse hat -, können aber nicht auf diese Weise arbeiten", meint der Experte. Er nennt als Beispiele Frauenarchive, Schwulen- und Lesbenbewegungen und weitere Minderheiten, die allesamt proaktiv handeln und Menschen ansprechen müssen, um bestehen zu können.

Wichtig ist dem Philosophen dabei, dass ein Migrationsarchiv jedem zur Verfügung steht und der Zugang offen ist. "Diejenigen, die solche Dinge gesammelt und aufbewahrt haben, hatten ja die Idee des Historischen. Möglicherweise nicht unbedingt im expliziten Sinn, aber sie haben geahnt, dass das, was sie gesammelt haben, einmal wichtig sein könnte. Ihnen war auch bewusst, dass ein solches Zeugnis Wirksamkeit entwickeln kann, wenn es außerhalb des privaten Raums steht."

Die Jagd

Die Suche nach geeigneten Artefakten beschränkt sich nicht nur auf private Personen, sondern involviert auch Organisationen und Archive der Herkunftsländer. "Migration ist nicht nur das Ankunftsland, sondern alles, was sich quer durch die Grenzen unterhalb davon abspielt", erklärt Bratic. Wo sich Sammelpunkte herauskristallisieren, müssen gezielt Personen kontaktiert und Verträge mit ihnen geschossen werden. Denn: "Es kann nicht sein, dass ich zu jemandem in die Wohnung gehe, stöbere, alles mitnehme, was ich brauche, und den Menschen liegen lasse. Es gehört dazu, dass die Sammelhandlung des einzelnen Individuums auch anerkannt wird und dass es auch eine rechtliche Position hat."

Aktuell hat sich die Forderung nach einem Archiv der Migration auf verschiedenen Ebenen etabliert und ihre eigene Diskursgeschichte entwickelt. Die Historisierung der Migration hat in manchen Bundesländern bereits Einzug gehalten, was Bratic als ersten wichtigen Schritt sieht. "Das Vorarlberger Landesarchiv hat eine eigenständige Sammlung von Objekten angelegt, die Migrationsgeschichte erzählt. Und das Salzburger Landesarchiv hat eine Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte und einen eigenen Posten dafür geschaffen."

Für Wien hat Bratic mit dem Arbeitskreis für das Migrationsarchiv und der Initiative Minderheiten an einer Ausschreibung der MA 17 (Integration und Diversität) und der MA 54 (Zentraler Einkauf) für eine "Sammlung von museumsrelevanten Objekten und Bildern zur Geschichte der GastarbeiterInnen" teilgenommen. Der Untertitel dazu lautet: "Migration aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien - Konzeption und Umsetzung".

Es gibt die Idee, mit der Förderung des Magistrats eine Sammlung im Wien Museum mit bestimmten Artefakten der Migranten zu beliefern. "Eine bestehende Sammlung zu erweitern, ist aber nur der Beginn der Arbeit, man muss den ganzen Prozess langfristig denken. Das bedeutet Kontinuität", stellt Bratic klar. Das Endergebnis der Ausschreibung wird Ende Februar erwartet.