Tunis. Bis zuletzt war Tunesien das einzige Land des Arabischen Frühlings, das Anlass zur Hoffnung gab. Umso größer der Schock, als am Mittwoch die Nachricht von einem Terroranschlag vor dem Parlament in Tunis die Runde machte. Zwei mit Kalaschnikows bewaffnete Männer in Tarnanzügen eröffneten zunächst auf dem Vorplatz zwischen Parlament und Nationalmuseum das Feuer und nahmen dann im angrenzenden Bardo-Museum Geiseln. Die vorläufige Bilanz des Terroranschlags: Mindestens 21 Tote, darunter 17 Touristen. Unter den Toten befinden sich offenbar Urlauber aus Italien, Polen und Spanien. Es könnte auch ein Deutscher unter den Opfern sein. Zudem wurde ein tunesischer Sicherheitsmann und offenbar ein tunesischer Zivilist getötet. Unter den Geiseln sollen sich Briten, Italiener, Franzosen und Spanier befunden haben. Österreicher hat es nicht getroffen.

Erinnerung an Djerba 2002

Die Tat weckt Erinnerungen an den Anschlag der Al-Kaida auf eine Synagoge im tunesischen Djerba im Jahr 2002. Damals kamen 21 Menschen ums Leben. Fernsehbilder zeigten gestern, wie Touristen um ihr Leben laufen und Sicherheitsleuten mit gezogener Pistole in Deckung gehen. Die beiden Terroristen - es handelt sich offenbar einmal mehr um Islamisten - gelangten über das Parlament in das angrenzende Museum, wo sie Geiseln nahmen. Schließlich wurde das Museum von Sicherheitskräften gestürmt und die Attentäter getötet. Die Mehrheit der rund 100 Museums-Besucher konnte schon vorher in Sicherheit gebracht werden.

Polizeikräfte hatten das Museum weiträumig umstellt. Aus dem Inneren des Museums sandten Eingeschlossene Fotos per Twitter - die Touristen kauerten auf dem Boden und harren der Dinge. Zum Zeitpunkt des Angriffs auf das Parlament sollen sich Abgeordnete, Richter, der Justizminister und mehrere hochrangige Militärs in dem Gebäude befunden haben.

Der Anschlag trifft ein Land, das als das stabilste der Region gilt. Tunesien gelang bis dato ein geordneter Übergang zur Demokratie. Die Wirtschaft steht zwar auf schwachen Beinen, vor allem der Tourismusindustrie wird durch den Terroranschlag Einbußen vorhergesagt (siehe Artikel unten). Aber: Während Libyen im Chaos versinkt, Ägypten sich de facto wieder unter einer Militärdiktatur ähnlich wie unter Hosni Mubarak befindet und sich Syrien in einem gnadenlosen Bürgerkrieg selbst zerfleischt, gibt es in Tunesien Grund zur Hoffnung: Erst im Februar war eine Regierung aus säkularen, liberalen und islamistischen Kräften eingesetzt worden. Ein Jahr davor kam es zur Fertigstellung einer neuen, modernen Verfassung, es folgten Parlaments- und Präsidentschaftswahlen. Die säkulare Allianz Nidaa Tounes ("Ruf Tunesiens") ging als Sieger hervor. Die ehemals regierende islamistische Ennadah ist auch im Kabinett vertreten, sie stellt den Minister für Beschäftigung. Dennoch herrscht tiefes Misstrauen zwischen Säkularen und Islamisten - es war zuvor zur Ermordung zweier Oppositionspolitiker durch Salafisten gekommen - mit Billigung der Ennadah, wie viele mutmaßten.