Peking. (red) Tianjin heißt übersetzt eigentlich "Himmels-Furt". Doch die Berichte eines Spezialisten, der mit schwerem Atemschutzgerät die verwüstete Kraterlandschaft nach Überlebenden durchforstet, hören sich anders an: "Es ist, als würde man auf dem Mars arbeiten. Oder in der Hölle." Eine Woche ist vergangen, seitdem am vergangenen Mittwoch eine mit Chemikalien gefüllte Lagerhalle am Hafengelände der nordchinesischen Stadt in die Luft geflogen ist. Zurück blieben ein riesiger, mit schwarzem Wasser gefüllter Krater und ein Trümmerfeld: "Sich in dem Explosionsgebiet zurechtzufinden, ist wegen der immer noch brennenden Chemikalien und ineinander verkeilten Container, die jeden Moment wegbrechen können, extrem gefährlich", schilderte Wang Ke, Chef der Chemie-Spezialisten nach Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua die Aufräumarbeiten. "Wir mussten Markierungen anbringen, um uns nicht zu verlaufen."

Immerhin machten die Beamten erstmals offizielle Angaben, was denn nun eigentlich in dem Lagerhaus der Firma Ruhai Logistics in die Luft geflogen sei: Insgesamt seien dort 3000 Tonnen hochgefährlicher Chemikalien gelagert worden; bestätigt wurden 40 Kategorien verschiedener Giftstoffe, darunter 700 Tonnen Natriumcyanid, 800 Tonnen Ammoniumnitrat und 500 Tonnen Kaliumnitrat. "Es ist schwierig, diesen Stoffen beizukommen, noch dazu in dieser Größenordnung", sagte der stellvertretende Transportminister Niu Yueguang. Er korrigierte auch die Opferzahl mit 114 Toten nach oben, 70 Personen gelten weiter als vermisst, während 700 Menschen, darunter 57 Schwerverletzte, weiterhin in den Krankenhäusern behandelt werden.

Import-Export-Drehscheibe, speziell für die Autoindustrie

Neben den menschlichen Verlusten zeichnen sich auch immer mehr die schweren, materiellen Schäden ab. So wurden beispielsweise durch die Wucht der Explosionen mehrere tausend Autos zerstört, die in den Verkauf gehen sollten. Als zehntgrößter Hafen der Welt - hier werden mehr Container bewegt als in Hamburg oder Rotterdam - und auch aufgrund der Nähe zur Hauptstadt ist Tianjin ein wichtiges Importzentrum für zahlreiche internationale Fahrzeugproduzenten. Mindestens zehn Hersteller sind von den Verwüstungen betroffen: Während Volkswagen 2700 zerstörte oder beschädigte Fahrzeuge der Typen Beetle und Touareg gemeldet hat, soll Hyundai nach unbestätigten Medienberichten sogar 3950 Autos verloren haben. Doch die Autobauer haben noch weitere Probleme: Während etwa VW angesichts des völlig zerstörten Hafens bei seinem China-Umschlag nun nach Shanghai und Guangzhou ausweichen muss, hat Toyota seine Produktion in Tianjin auf unbestimmte Zeit stillgelegt.

Die Explosion trifft Chinas Autoindustrie zur Unzeit, hat sie doch in diesem Jahr bisher ein langsameres Wachstum erlebt. Laut der China Automobile Dealers Association liegt der Lagerbestand-Index der Händler seit Monaten über dem kritischen Wert von 50 Prozent, im Juli lag er bei 53,4 Prozent. Eine kleine rechtliche Feinheit könnte den Druck auf die Händler nun noch erhöhen: Derzeit herrscht Unklarheit, ob die zerstörten Autos in Tianjin rechtlich noch den Herstellern gehörten oder ob sie bereits von den Händlern bezahlt waren. Für Versicherer ist die Katastrophe ohnedies ein Alptraum: Ein Analyst von Credit Suisse bezifferte den gesamten versicherten Schaden in einer ersten Schätzung auf ein bis eineinhalb Milliarden Dollar. Zur allgemeinen Verunsicherung des Landes trägt das Desaster allemal bei, die Aktienmärkte rasselten noch einmal in den Keller.

Einsetzender Regen verstärkt Ängste vor Verbreitung

Und ausgestanden ist die Sache noch nicht: Während es am Montag immer noch zu vereinzelten Detonationen gekommen ist, wurden die Rettungs- und Aufräumarbeiten am Dienstag mit dem einsetzenden Regen noch komplizierter. Anrainer hatten befürchtet, dass der Regen mit dem freigesetzten Natriumcyanid in Verbindung kommen könnte, wodurch der Feststoff zu gasförmiger Blausäure werden könnte, die sich leichter in der Umwelt verteilen würde. Die Behörden versicherten umgehend, die Umweltstandards seien weiterhin "generell garantiert" und es gäbe Pläne, den Regen von der Unglücksstelle abzuhalten sowie ein Absickern des verschmutzten Wassers mit einem Damm aus Zement zu verhindern. Weshalb am Nachmittag dann aber jedoch weiße Schaumflocken vom Himmel regneten, die bei Berührung mit der Haut einen Juckreiz verursachten, konnten oder wollten sie jedoch nicht erklären. In die Aufräumarbeiten platzte dann noch eine politische Bombe, als bekannt wurde, dass der chinesische Minister für Arbeitsschutz, Yang Dongliang, seines Amtes enthoben wurde. Gegen ihn werde laut Xinhua wegen "schwerer Verletzung von Disziplin und Gesetzen" ermittelt. Yang war zwischen 2001 und 2012 Vizebürgermeister von Tianjin, was den offiziell nicht bestätigten Verdacht nährt, dass es zwischen der Unglücksfirma Ruhai Logistics und der Politik dubiose Verfilzungen gegeben haben könnte. Zehn Vorstandsmitglieder von Ruhai wurden ebenfalls verhaftet, wovon vier noch nicht befragt werden konnten. Sie liegen mit schwersten Verletzungen im Krankenhaus.