Stockholm/Kopenhagen. In der Europa-Region der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind 2014 mehr HIV-Diagnosen gestellt worden als je zuvor: Rund 142.000 Menschen wurden neu diagnostiziert. Zu der 53 Staaten umfassenden Region gehören neben Europa auch Russland und Zentralasien. "Das ist die bisher höchste Zahl und sehr beunruhigend", sagt WHO-Europa-Direktorin Zsuzsanna Jakab. Auf die Zahlen verwiesen das Europäische Zentrum für Krankheitskontrolle (ECDC/Stockholm) und die WHO aus Anlass des bevorstehenden Welt-Aids-Tages am 1. Dezember.

"Die Daten weisen darauf hin, dass die sich steigernde HIV-Epidemie durch die Länder im Osten angetrieben wird, wo sich die Zahl der Neudiagnosen in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelt hat", heißt es in dem Bericht. Sieht man sich die Statistiken genauer an, ergibt sich ein uneinheitliches Bild: Seit 2005 hat sich die Zahl der HIV-Neudiagnosen in manchen EU-Staaten und in einigen Ländern des europäischen Wirtschaftsraumes verdoppelt, in anderen wiederum um 25 Prozent reduziert. Insgesamt aber zeigt sich die HIV-Epidemie im Großen und Ganzen unverändert. Männer sind laut ECDC-Statistik mehr als drei mal häufiger betroffen als Frauen.

Soziales spielt große Rolle


Unterschiede gibt es auch zwischen Ost- und Westeuropa: Insgesamt fielen 2014 rund 42 Prozent der Ansteckungen auf Männer, die Sex mit Männern haben, 2005 waren es 30 Prozent gewesen. In Westeuropa findet der Großteil der Übertragungen bei homosexuellen Kontakten zwischen Männern statt, in Osteuropa sind vor allem Drogenmissbrauch und gemeinsam genutzte Spritzen verantwortlich. Jedoch steckten die Betroffenen dann ihrerseits auch Sexualpartner an - deshalb stiege die Infektionsrate in Osteuropa auch unter Heterosexuellen, erklärt Irina Eramova von der WHO Europa. "In Russland, Osteuropa und Zentralasien wird politisch zu wenig gegen das Problem unternommen. Gesundheitssystem und Präventionsmaßnahmen greifen nicht weit genug, am meisten gefährdete Menschen werden nicht erreicht." Dabei sind es gerade Therapie und Prävention, sie Neuinfektionen reduzieren. Eramova: "Bei richtiger Behandlung wird das Virus unterdrückt, das Risiko der Ansteckung sinkt erheblich."

Die meisten Infektionen finden statt, wenn Menschen nicht wissen, dass sie HIV-positiv sind. Wie bei infektiösen Erkrankungen üblich, spielen soziale Fragen auch bei der HIV-Übertragung eine große Rolle. In den vergangenen zehn Jahren sei die Rate der Infektionen unter Migranten in Europa "stark zurückgegangen", stellten die beiden Organisationen fest. Doch: "Soziale Ausgrenzung bringt für Flüchtlinge und Migranten ein größeres Risiko für eine HIV-Infektion." Es gebe Hinweise dafür, dass ein "signifikanter Anteil" der Ansteckungen mit dem Immunschwächevirus unter Flüchtlingen und Migranten erst in Europa geschehe.