New Delhi. Filmstars werden in Indien verehrt wie Götter - normalerweise. Doch die Menschenmenge vor dem Luxus-Hotel im nordindischen Ludhiana ist nicht gekommen, um einen bewundernden Blick auf Bollywood-Star Aamir Khan zu erhaschen und dem 50-Jährigen zuzujubeln. Sie verbrennt stattdessen Fotos und Plakate mit Khans Konterfei und beschimpft den Schauspieler laut und obszön. "Wir bieten jedem, der Aamir Khan ohrfeigt, 100.000 Rupien (rund 1400 Euro) Belohnung", kündigte dazu Rajeev Tandon, der regionale Chef der rechtsradikalen Shiv Sena-Organisation, an. "Niemand, der in Indien lebt, soll etwas Schlechtes über das Land sagen." Khan hatte sich besorgt über die "wachsende Intoleranz" in Indien gezeigt und damit eine Welle von Beleidigungen und Protesten auf sich gezogen.

Indiens 1,2 Milliarden Menschen sind zu 80 Prozent Hindus. Doch das Land ist Heimat von vier Weltreligionen und stolz auf seine säkulare und freiheitliche Tradition, die in der Verfassung fest verankert ist. Seit dem Regierungsantritt von Narendra Modi und seiner hindunationalistischen Bharatiya Janata Partei (BJP) hat sich das Klima jedoch verändert: Angriffe auf Kirche und Moscheen häufen sich, ebenso andere besorgniserregende Ereignisse.

Im August wurde der Sprachwissenschafter und Dichter M. M. Kalburgi an der Türschwelle seines Hauses in einer verschlafenen Kleinstadt im Süden Indiens von zwei jungen Männern erschossen. Der 77-Jährige hatte die Anbetung von Götterstatuen als "sinnloses Ritual" bezeichnet und damit konservative Hindus gegen sich aufgebracht. Im Februar war der kommunistische Politiker und bekennende Rationalist Govind Pansare auf ähnliche Weise ermordet worden. Und vor knapp zwei Jahren wurde ein Schriftsteller, der sich öffentlich gegen den Aberglauben wandte, in der Stadt Pune auf offener Straße erschossen. Neben den Morden an Intellektuellen nimmt auch der Streit um Rindfleisch besorgniserregende Dimensionen an und sorgt für Lynchjustiz und Rachemorde.

Zankapfel Rindfleisch

Im September wurde nahe der Hauptstadt New Delhi ein muslimischer Mann von seinen Nachbarn zu Tode geprügelt, nachdem Gerüchte die Runde gemacht hatten, man habe Rinder-Knochen neben seinem Haus gefunden. Im Oktober wurde ein Muslim getötet, weil er angeblich Rindfleisch geschmuggelt hatte. Für Hindus gilt die Kuh als heiliges Tier. Seit Beginn der Modi-Regierung haben zahlreiche Bundesstaaten das Schlachten von Kühen verboten. Auch Shashi Tharoor, ein früherer UN-Diplomat und Oppositionspolitiker im Parlament von New Delhi, warnte kürzlich vor dem in Indien wachsenden "Wunsch, dieses oder jenes zu verbieten": "Auf einmal ist es nicht mehr eine Sache des individuellen Geschmacks", sondern eine politische Vorschrift. Beim Rindfleisch-Verbot gehe es "um das Recht einiger Leute, zu entscheiden, was andere Menschen essen sollen oder nicht essen sollen". Doch in Indien mit seinen vielen unterschiedlichen Kulturen mache so etwas keinen Sinn.

Hindu-Aktivisten

Mitte Oktober gaben mehr als zwanzig Schriftsteller ihre staatlichen Auszeichnungen aus Protest gegen die wachsende Intoleranz im Land zurück. In der gleichen Woche gossen bei der Vorstellung des Buches des ehemaligen pakistanischen Außenministers Kurshid Mahmud Kasuri in Mumbai (Bombay) radikale Hindu-Aktivisten schwarze Tinte über den Kopf des Moderators. Eine andere Gruppe stoppte wenig später den Auftritt von Pakistans berühmtem Sänger Ghulam Ali. Indien ist mit dem Nachbarland Pakistan seit Jahrzehnten tief verfeindet.

Die nur zögerliche Verurteilung solch religiös motivierter Verbrechen durch Premierminister Modi wird von vielen als stille Verteidigung der Täter angesehen. Offiziell erklärte auch die rechtsradikale Shiv Sena-Organisation, dass sie den Aufruf, Aamir Khan zu ohrfeigen, keinesfalls gutheiße. Doch der Mega-Star hat sicherheitshalber seine Familie aus seinem Haus in Mumbai ausquartiert, das von einem wütenden Mob belagert wurde. "Ich bin stolz, Inder zu sein", verteidigte sich Khan gegen seine Kritiker auf Facebook.

Er beabsichtige nicht, das Land zu verlassen, um sich anderswo anzusiedeln. Die Organisation Shiv Sena hat für den Schauspieler und seine Familie öffentlichkeitswirksam dennoch bereits Flugtickets gebucht: in die pakistanische Hauptstadt Islamabad.