Wien. Der Film "Pirates of Salé" porträtiert vier junge Menschen in der marokkanischen Stadt Salé, die aus der Armut ausbrechen wollen. Hier, am Rande des ärmsten Slums des Landes, hat der Zirkus "Cirque Shems’y" seine Zelte aufgeschlagen. Jedes Jahr kommen Jugendliche aus der Gegend zu einem Vorsprechen; sie hoffen, sich dem Zirkus anschließen zu dürfen und so ihre Talente entfalten und ihre Zukunft gestalten zu können. Heute, Donnerstag, feiert die Dokumentation ihre Premiere bei den internationalen Filmtagen "this human world" im Wiener Gartenbaukino. Die "Wiener Zeitung" sprach vorab mit der Regisseurin Merième Addou.

"Wiener Zeitung": In Ihrem Film sehen wir Jugendliche, die durch die Arbeit im Zirkus eine Zukunftsperspektive erhalten. Ein Mädchen lebte gar auf der Straße, bevor sie sich dem Cirque Shems’y anschloss. Was ist mit jenen, die diese Chance nicht bekommen?

Merième Addou: Die Zirkusschule ist Teil eines Jugendprojektes, aber lange nicht das einzige. Das Mädchen von der Straße war die Ausnahme - andere führten ein normales Leben mit ihren Familien. Ich habe aus dem Film Folgendes gelernt: Wenn man Menschen eine Chance gibt, dann nehmen sie sie an und machen das Beste daraus. Sie werden ihren Lebenstraum erreichen.

Was ist die größte Herausforderung für junge Menschen in Marokko?

Dass vielen die Möglichkeiten fehlen. Sie verlassen früh die Schule, finden keinen Job und haben dann keine Perspektiven im Leben. Es ist ein täglicher Kampf.

Führt die Perspektivlosigkeit Jugendlicher in Marokko dazu, dass sie sich leichter radikalisieren?

Radikalisierung ist ein komplizierter Prozess. Nicht jeder, der keine Zukunft sieht, radikalisiert sich. Es gibt dafür nie nur eine, sondern immer viele Ursachen. Armut spielt eine Rolle, kein Zugang zu Bildung. Die Attentäter der Terroranschläge von Casablanca 2003 stammten aus sehr armen Gegenden. Das heißt aber nicht, dass sich jeder aus diesen Regionen in die Luft sprengen will. Es stimmt aber, dass es leichter ist, arme Menschen zu radikalisieren.

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