Addis Abeba. Als im vergangenen Frühjahr die Belg-Niederschläge ausblieben, wussten die sesshaften Bauern und nomadischen Viehhirten, dass eine schwere Zeit anbrechen würde. Als im Sommer auch die Kiremt-Regenzeit in einigen Regionen im Osten des Landes fast ganz ausfiel, wussten sie, dass eine katastrophale Zeit anbrechen würde. Viele, die die Hungersnot von 1984 überlebt hatten, fühlten sich an die Dürre erinnert, die Bob Geldof zum Live-Aid-Konzert inspirierte. Eineinhalb Milliarden Menschen hörten die weltweit übertragenen Konzerte, umgerechnet kamen über hundert Millionen Euro zusammen. Doch das Missmanagement der kommunistischen Regierung in Addis Abeba und ein langer Bürgerkrieg führten dazu, dass für viele die Hilfe zu spät kam.

Im vergangenen Jahr gingen die Ernten in einigen Landesteilen um bis 90 Prozent zurück. Ursache der Dürre war das Wetterphänomen El Niño, das alle sieben bis acht Jahre auftritt, wenn die Ozeane im großen Umfang Hitze an die Atmosphäre abgeben. Als Folge könnten nach Prognosen der UN und der äthiopischen Regierung in diesem Jahr rund 400.000 Äthiopier von schwerer und 1,7 Millionen Menschen von moderater Mangelernährung betroffen sein. Zwei Millionen Menschen könnten keinen Zugang zu sicherem Trinkwasser haben, 800.000 Menschen könnten gezwungen werden, vor der Dürre in andere Landesteile zu fliehen. Zudem könnte es zum Ausbruch von Infektionskrankheiten wie Masern kommen.

Bereits im vergangenen Jahr waren nach Schätzungen rund 200.000 Tiere verendet, in diesem Jahr wird mit bis zu 450.000 toten Kühen, Schafen, Ziegen und Kamelen gerechnet. Derzeit sind 10,2 Million Äthiopier auf Lebensmittelhilfsliegerungen angewiesen. Hinzu kommen acht Millionen Äthiopier, die regelmäßig staatliche Unterstützung erhalten. Damit ist derzeit fast ein Fünftel der Bevölkerung auf Hilfe angewiesen. Und Experten befürchten, dass die Zahl sich bis Mitte des Jahres verdoppeln könnte.

Bis vor rund 30 Jahren hätte eine schwere Dürre in Äthiopien automatisch zu einer verheerenden Hungersnot geführt. 2016 wird es höchstwahrscheinlich keine Bilder von verhungerten Äthiopiern geben.

"Die El-Niño-Folgen stellen Äthiopien vor große Herausforderungen, aber zusammen mit seinen internationalen Partnern wird die Regierung die Bedürfnisse der Bevölkerung befriedigen", versprach Mitiku Kassa, Vorsitzender des Nationalen Katastrophen-Präventions-Komitees.

Frühwarnsystem installiert

Denn die Dürre trifft Äthiopien nicht unvorbereitet. 2013 verabschiedete der Staat eine Katastrophenrisiko-Management-Strategie, die unter anderem Frühwarnsysteme stärkte und die Verfügbarkeit von Lebensmittelvorräten in allen Landesteilen verbesserte. Koordiniert von einer staatlichen Kommission arbeiten derzeit mindestens 66 humanitäre Organisationen in Äthiopien. Das Land ist ein Liebling der internationalen Gebergemeinschaft. Die Republik, in der sich offiziell fast zwei Drittel der Bewohner zum christlichen Glauben bekennen, gilt in der Unruheregion am Horn von Afrika als Bollwerk gegen den sich ausbreitenden Islamismus.

So führte die erste Dienstreise von Nick Hurd, neuer britischer Entwicklungsminister, im Dezember in den besonders von der Dürre betroffenen Nordosten des Landes. Anschließend sagte er: "Eine unbarmherzige Dürre drängt in Äthiopien Millionen an den Rand des Abgrunds. Das Ausmaß der Dürre ähnelt der von 1984, die so viele Menschen getötet hat. Aber dieses Mal ist die Regierung in einer viel besseren Position, um ihrem Volk zu helfen. Nichtsdestotrotz braucht sie die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft."

Die Regierung, ihre UN-Partner und die NGOs seien in der Lage, eine Hungersnot zu verhindern. "Vorausgesetzt es sind genug finanzielle Mittel vorhanden", sagt David Del Conte, stellvertretender Leiter des UN Amtes für die Koordinierung Humanitärer Angelegenheiten.

Doch die fehlen noch. Nach Schätzungen der Vereinten Nationen sind alleine in diesem Jahr insgesamt 1,25 Milliarden Euro notwendig, um eine Hungersnot zu verhindern. Doch erst rund die Hälfte des Geldes ist zugesagt. Hilfsorganisationen schlagen deshalb jetzt mit dramatischen Appellen Alarm. Sie wissen, dass sie mit Krisen wie dem Krieg in Syrien um Hilfsgelder konkurrieren müssen.

Hungerschlagzeilen vermeiden

Äthiopien hatte zunächst versucht, die Auswirkungen des ausbleibenden Regens kleinzureden, korrigierte die Zahl der von der Dürre Betroffenen nur zögerlich nach oben und bat die internationale Gemeinschaft erst im Oktober um Hilfe. Denn Äthiopien wollte nicht wieder mit Hunger in die Schlagzeilen kommen. Seit dem Sturz des kommunistischen Diktators Mengistu 1991 war das Land von der Weltöffentlichkeit weitestgehend unbemerkt zum Afrikanischen Löwen aufgestiegen. Zwischen 2004 und 2014 wuchs die Wirtschaft nach offiziellen Angaben jedes Jahr durchschnittlich um 10,9 Prozent. Das ist afrikanischer Rekord.

Äthiopien erreichte bis 2015 sechs der acht Millennium-Entwicklungsziele. Das renommierte britische Overseas Development Institute stellte vergangenes Jahr fest, dass Äthiopien in Sachen Armutsbekämpfung in den letzten Jahren weltweit zu den erfolgreichsten Staaten zählt.