Der Gründer der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka, Felix Dserschinski, verewigt in Moskau. - © Brunner
Der Gründer der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka, Felix Dserschinski, verewigt in Moskau. - © Brunner

Moskau. Lenin ist da. Leonid Breschnew sowie Karl Marx. Auch Stalin, aus rosa Granit geschlagen, aber mit abgeschlagener Nase. Während die meisten Statuen auf Augenhöhe mit den Besuchern sind, blickt nur Felix Dserschinski, der berüchtigte Gründer der sowjetischen Geheimpolizei Tscheka, von einem hohen Sockel auf die Besucher herab.

So präsentiert sich der Skulpturenpark "Museon" im Zentrum von Moskau. Vor genau 25 Jahren, am 8.Dezember 1991, unterzeichneten die Präsidenten Russlands, der Ukraine und Belarus den sogenannten Vertrag von Minsk, in dem die offizielle Auflösung der Sowjetunion festgehalten ist. Alte Helden wurden gestürzt und hier, in der Nähe des damaligen Gorki Park, ins Gras geworfen.

Doch mit den Jahren wurden die ehemaligen Säulenheiligen wieder aufgestellt. Der Park ist wie ein Gang durch die Geschichte - und durch die heutige Auseinandersetzung mit ihr: Immer wieder wird darüber diskutiert, ob die Statue Dserschinskis nicht doch wieder vor dem Gebäude des Geheimdienstes FSB aufgestellt werden soll.

Keine gemeinsame Idee

Nach dem Zerfall der Sowjetunion stellte sich die Frage nach der nationalen Identität neu. Während sich die anderen ehemaligen Teilrepubliken von ihrer sowjetischen Vergangenheit abgrenzen konnten, fiel das Russland, dem Gründungsland und Machtzentrum des sowjetischen Experiments, deutlich schwerer: "Im Gegensatz zu anderen Staaten konnten sie sich nicht um eine gemeinsame nationale Idee sammeln, die sich gegen die Vergangenheit richtet", schreibt der Politologe Timothy Frye.

Die Vorstellung davon, wohin sich Russland entwickeln soll, hat sich in den Jahren stark gewandelt: von einem anfänglichen pro-westlichen Kurs in den Neunzigern und noch in den ersten Jahren unter Präsident Wladimir Putin, über die "Modernisierung" unter Präsident Dmitrij Medwedjew bis hin zu einer - zumindest rhetorischen - Abkehr vom Westen infolge der Krim-Annexion und des Kriegs im Donbass. "Später ist immer deutlicher geworden, dass Russland unter Putin nicht Teil Europas sein will, sondern Europa (und den anderen globalen Playern) auf Augenhöhe begegnen will", so der Russland-Experte Ulrich Schmid. Insbesondere unter der dritten Amtszeit Putins vollzog der Kreml eine konservative Wende und inszeniert sich seither als konservatives Bollwerk gegen die moralische Dekadenz des Westens (Stichwort "Gayropa").

Die Frage nach der "nationalen Einheit" hat zuletzt Putin selbst wieder aufs Tapet gebracht. Ende Oktober hat er ein Gesetz über die "russländische Nation" angeregt. Bei seiner Rede an die Nation vor wenigen Tagen betonte er: "Wir sind ein geeintes Volk und haben nur ein Russland." Die russische Gesellschaft dürfe sich nicht "durch Verbitterung spalten" lassen. Derzeit wird das Gesetz in der Staatsduma ausgearbeitet, Details stehen indes noch aus.

Viel-Nationen-Volk nur Theorie

Das Russische kennt zwei Ausdrücke: "russki", zu Deutsch das "Russische", und "rossijskij", das "Russländische". Während sich "Russländisch" - wie streng genommen auch in der Bezeichnung der "Russländischen Föderation" - auf die Russen als Nation bezieht, ist "Russisch" eine ethnische oder sprachliche Kategorie. Knapp 200 Nationalitäten leben in Russland, rund 80 Prozent davon ethnische Russen. Experten weisen derweil darauf hin, dass das "Viel-Nationen-Volk" als Souverän bereits in der Verfassung festgeschrieben wurde. In der Realität ist es mit der nationalen Freiheit aber oft nicht weit her: Nicht-Slawen werden im Alltag oft diskriminiert, ganz unverhohlen etwa bei Wohnungsinseraten ("Nur für Slawen"). Dabei hat der Kreml selbst mit diesen Begriffen zuletzt so einiges durcheinandergebracht. In rechten Kreisen wird die Idee vom "russkij mir" ("Russische Welt") kolportiert, eine Expansion in die ostslawischen "Bruderstaaten" Ukraine und Belarus. Selbst Putin leistete diesem Konzept Vorschub, in dem er 2014 sagte, Russland nähme sich das Recht heraus, russischsprachige "Landsleute" (das heißt, nicht nur ethnische Russen oder russische Staatsbürger) im Ausland zu beschützen.

"Die Idee, dass sich Russland als eine Nation von Bürgern versteht, ist eigentlich eine gute", sagt dazu der Historiker Walerij Solowej - wenngleich sich das nicht einfach so von oben verordnen ließe. Er vermutet allerdings einen anderen Hintergrund: "Der Kreml fürchtet, dass der Separatismus in den Regionen mit der Wirtschaftskrise zunimmt." Mit einer Debatte zur "nationalen Einheit" könnte der Kreml versuchen, für die Präsidentschaftswahlen 2018 zu mobilisieren, schreibt der Journalist Kirill Martynow von der "Nowaja Gaseta". Um die Gräben wieder zuzuschütten, die sich nach dem patriotischen Taumel infolge der Krim-Annexion und der Jagd auf innere Feinden, der "Fünften Kolonne", aufgetan hätten.

Wie hast du’s mit dem Westen?

Die russische Gretchen-Frage bleibt nach wie vor: Nun sag, wie hast du’s mit dem Westen? Diese Polarisierung erhitzte schon im Zarenreich des 19. Jahrhundert die Gemüter, zwischen den sogenannten "Westlern" und den "Slawophilen". Eine Debatte, die bis heute so wirkungsmächtig ist, dass sie der Kreml für sich zu nutzen weiß, um von den echten Problemen abzulenken. "Jedes Mal, wenn es ein Problem in der russischen Gesellschaft gibt", so die Politologin Lilija Schewzowa, "startet der Kreml eine neue Kampagne zur Suche nach der nationalen Identität."