Delhi. Der Bus muss sich jeden Meter auf der achtspurigen Straße hart erkämpfen, eingepfercht zwischen einem Meer aus Autos, hervor preschenden Mopeds und streitlustigen Rikschafahrern. Als die männlichen Passagiere an der Andrews-Ganj-Station zusteigen, einer der meistbefahrenen Kreuzungen Delhis, bemerken sie Saritha Vankadarath kaum. Mit kurzen Haaren, blauen Jeans und rotem Tattoo fällt sie nicht weiter unter ihren Kollegen auf. Dabei ist die 31-Jährige so etwas wie eine kleine Sensation: die erste Busfahrerin in der indischen 20- Millionen-Einwohner-Metropole.

"Natürlich denken noch immer viele Männer, dass sich Frauen nur um die Küche kümmern sollen", sagt Vankadarath mit einer weichen Stimme, die kaum zu ihrem robusten Äußeren passt: "Für mich ist das Busfahren jedoch ein ganz normaler Brotjob." Die Tageszeitungen in Delhi hingegen feiern sie bereits als Wegweiser in Richtung gleichberechtigte Gesellschaft.

Busfahrten sind für
Frauen gefährlich

Laut einer Umfrage von Thomson Reuters hat die indische Megacity das viertgefährlichste öffentliche Nahverkehrssystem für Frauen auf der gesamten Welt. Nur Bogota, Mexiko-Stadt und Lima sind noch unsicherer. Delhis weibliche Passagiere müssen täglich unter sexueller Belästigung, anzüglichen Kommentaren und Beleidigungen leiden. Während die 2002 errichtete Metro exklusive Zugabteile nur für Frauen führt, gelten die knapp fünftausend öffentlichen Busse mit Abstand als gefährlichstes Transportmittel.

"Wenn es dunkel wird, versuche ich Busfahrten zu meiden", sagt die 32-jährige Savitri, die gerade auf einen Bus zum nahegelegenen Markt wartet. Bisher sei ihr jedoch noch nichts Schlimmes passiert. Stets achte sie allerdings auf ihre Sicherheit. Wenige Meter neben ihr wartet Schaffner Anand Kumar Mandra auf einer Steinbank. Mit Kautabak vertreibt sich der 43-jährige Schaffner die Wartezeit auf seine bevorstehende Schicht. "Sexuelle Übergriffe oder Taschendiebstähle kommen leider regelmäßig vor. Am schlimmsten ist, dass die Leute oftmals gar nicht einschreiten", sagt er.

Weibliche Lenkerinnen
gesucht

Im Dezember 2012 vergewaltigten und misshandelten sechs Männer eine 23-jährige Medizinstudentin in einem privat geführten Bus, während dieser in den Abendstunden durch die Straßen fuhr. Nach der bestialischen Tat warfen sie das stark blutende Opfer aus der Fahrertür, die Frau erlag wenig später im Spital ihren schweren Verletzungen. Der Fall führte zu landesweiten Protesten, die einen gesellschaftlichen Wandel in Gang setzten. Einer der Hauptforderungen der Demonstranten war es, den öffentlichen Verkehr für Frauen sicherer zu machen.