Fairbanks. Richard Carroll ist nicht allzu gut auf Donald Trump zu sprechen. "Trump?", fragt er. "Der kann froh sein, wenn er bei uns zehn Stimmen kriegt." Zehn Stimmen sind zu Hause bei Richard Carroll in Fort Yukon im Bundesstaat Alaska immerhin mehr als zehn Prozent. Die meisten von ihnen sind Ureinwohner, und sie treibt vor allem eine Frage um: Wer hat eine Antwort auf den Klimawandel?

Die Polarregion ist wie keine andere auf der Welt von dem betroffen, was Donald Trump noch immer nicht wahrhaben will - die Temperatur steigt bedrohlich. Wenn es noch wärmer wird, sagen Einheimische, haben sie bald nichts mehr zu essen. Vor allem die Ureinwohner, die zur Wahrung der Würde ihrer Völker nur ungern auf Nahrungsimporte zurückgreifen wollen, leiden schon jetzt. In Savoonga, einer der wohl isoliertesten Siedlungen Alaskas auf der St.-Lorenz-Insel in der Bering-Straße, haben die Einheimischen vor ein paar Jahren noch 500 Walrosse gefangen. Im vergangenen Winter waren es fünf, erzählt Vi Waghivi, eine Einheimische, die inzwischen in Anchorage lebt.

Während in den "Lower 48" - wie man in Alaska den Rest der Vereinigten Staaten unter völliger Ignorierung Hawaiis nennt - zumindest Wissenschafter noch nach Wegen suchen, die Erderwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen, sind in der Polarregion fünf Grad schon längst Realität. Das hat extreme Auswirkungen. Die Rentierherden verändern ihre Wanderrouten, zugefrorene Flüsse dienen mangels tragfähiger Eisdecke nicht mehr ausreichend lange als Verkehrswege, Walrosse haben keine Jagdgrundlage mehr. Das ganze Leben in der Arktis ist im Aufruhr. "Die Winter werden milder, manchmal regnet es", sagt Carroll.

Alaska leidet unter dem Klimawandel. Schon 2007 hatte die damalige Gouverneurin Sarah Palin eine eigene Abteilung gegründet, die nach Lösungen für bedrohte Menschen und Dörfer suchen sollte. Hohe Millionenbeträge flossen in die Forschung. Doch ihr Nachfolger Sean Parnell machte 2011 alles wieder rückgängig, der Geldhahn war plötzlich zu. Parnell hatte Angst, der Ölindustrie zu viel Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Donald Trump will jetzt auch noch den Bundesanteil eindampfen.

Der Immobilienmilliardär von der Ostküste ist ganz weit weg von den Nöten in Alaska. 15 Flugstunden und vier Zeitzonen, um genau zu sein. In Fort Yukon, einem ehemaligen Handelsposten für Felle, 13 Kilometer nördlich des Polarkreises gelegen und nur aus der Luft oder mühsam per Floß über den Yukon River zu erreichen, leben vor allem Ureinwohner vom Stamm der Gwitchin.

Hohe Arbeitslosigkeit

Ungefähr 550 Menschen sind hier zu Hause, die Zahl ist in den vergangenen Jahren einigermaßen stabil, sagt Richard Carroll, ein kleiner, drahtiger Mann mit einem langen schwarzen Pferdeschwanz unter der Baseballmütze. Er ist der Bürgermeister des Dorfes. "Ich empfehle allen, hier wegzugehen. Es gibt keine Jobs. Und die, die es gibt, die sind besetzt", sagt er frei heraus. "Isolation und Alkoholismus als Folge, das ist hier ein ernstes Problem."

Fort Yukon macht auf den ersten Blick einen Eindruck, den man woanders als trostlos beschreiben würde. Die wenigen Straßen sind nicht asphaltiert, die oft im Eigenbau errichteten Häuser wirken vernachlässigt. Davor stehen alte Autos, manche liegen auf der Seite, anderen fehlen Türen, Fenster oder Motorhauben. Doch der Eindruck trügt. Was nach Verwahrlosung aussieht, ist eher Effizienz. Geteerte Straßen wären bei den enormen Temperaturschwankungen zu kostenaufwendig.

Die Arbeitslosenquote in Fort Yukon liegt bei 85 Prozent, 20 Prozent der Menschen leben offiziell unter der Armutsgrenze. Keine untypischen Werte für das ländliche Alaska. Wer hier nicht zu den drei Dutzend Glücklichen zählt, die einen Job bei einer Gemeindeeinrichtung haben oder eine gute Idee, der hat ein Problem. Die Grundlage für die traditionelle Lebensweise - in Abhängigkeit von der Natur und mit ihr im Einklang - sie fällt immer mehr weg. "Der Klimawandel nimmt den Ureinwohnern Alaskas die Nahrungssicherheit", sagt Vi Waghivi.

Die Verlockungen der Bodenschätze kommen hinzu. Schon 1988 haben die Gwitchin-Völker aus Alaska und Kanada einen gemeinsamen Steuerkreis gebildet, weil die mächtigen Ölfirmen auf Land bohren wollten, wo die Tiere der großen Rentierherde ihre Jungen zur Welt bringen. Bernadette Dementieff ist heute Mitglied des Steuerkreises. Die 40-Jährige stammt aus Fort Yukon. Wie tausende Andere aus den Dörfern Alaskas hat sie ihre Heimat nach dem Schulabschluss verlassen und lebt jetzt in der Stadt.

Lebensgrundlage schwindet

Die Lage ihrer Landsleute sieht sie wegen des Klimawandels als dramatisch an. "Wir haben da oben tausende Jahre überlebt", sagt sie. "Jetzt werden die Menschen krank, weil die Tiere krank sind." Der zurückgehende Permafrost gebe Bakterien frei, die jahrhundertelang im Eis eingeschlossen waren. Jetzt gelangen sie ins Meer und von dort in die menschliche Nahrungskette. "Alaska hat eine irrwitzig hohe Krebsrate", beklagt Dementieff. "Das Wasser gefriert nicht mehr, die Fischeier werden mit Bakterien verseucht - wir haben ernsthaft ein Problem."