(maz) Ob in Interviews, bei Vorträgen oder in TV-Dialogen mit Homer Simpson, Lieutenant Commander Data und Sheldon Cooper: Wenn die Stimme des nun 76-jährig verstorbenen Stephen Hawking zu hören war, handelte es sich dabei ab 1985 nicht mehr um seine eigene. Damals holte sich der Physiker im Teilchenforschungszentrum Cern bei Genf eine schwere Lungenentzündung. Hawking, bei dem bereits 1963 die Nervenkrankheit Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) diagnostiziert worden war (ab 1968 saß er im Rollstuhl), konnte in der Folge nicht mehr sprechen.

Die Verständigung erfolgte zunächst analog: Wurde auf einer Tafel auf den richtigen Buchstaben gedeutet, hob Hawking eine Augenbraue. Später bekam er einen Computer mit Sprachgenerator, den er mittels Handtaster bediente: Er wählte Begriffe aus einer Liste auf dem Bildschirm aus und schaffte dabei bis zu 15 Wörter pro Minute.

Smarter Rollstuhl und Sprachsoftware für alle

Doch sein Körper versagte mehr und mehr. Ab 2008 registrierte ein Infrarotsensor in seiner Brille, ob Hawking seinen rechten Wangenmuskel anspannte, und löste den Schalter im Sprachcomputer aus. 2014 folgte kurz vor Hawkings 73. Geburtstag eine weitere Modifikation: Der Computerkonzern Intel hatte drei Jahre lang gemeinsam mit dem Start-up SwiftKey eine neue Software entwickelt, die die gewünschten Wörter erriet und das Schreibtempo wieder erhöhte. (Um diesen Artikel bis hierher zu schreiben, hätte er etwa zwölf Minuten gebraucht.)

Die bahnbrechende Software, für die auch Hawkings Arbeiten analysiert wurden, ist noch effektiver als die automatische Rechtschreibkorrektur und Worterkennung moderner Smartphones. Der Cursor auf dem Bildschirm lief permanent über Buchstaben, Zahlen, Wortvorschläge oder Links zu Anwendungen, die Hawking mittels Wangenzucken (später mittels Augenbewegungen) auswählte. Das Angebot veränderte sich mit jeder Auswahl. Im Schnitt musste er nur noch ein Fünftel der Buchstaben auswählen, um vollständige Wörter zu bilden.

Das System war auf Hawking zugeschnitten, doch er wollte, dass sein Prototyp auch anderen Menschen mit ähnlichen Behinderungen helfen sollte. "Wenn die Medizin nicht mehr helfen kann, muss es die Technik tun", erklärte er. "Die neue Software hat dabei die bisher bekannten Grenzen des Machbaren eingerissen." Mit Intel präsentierte er 2014 auch einen vernetzten Rollstuhl, der seinen Gesundheitszustand (Herzschlag, Blutdruck, Körpertemperatur) überwachte, sich auch via Tablet steuern ließ und die Barrierefreiheit der Umgebung anzeigte.

Die Sprachsoftware Acat wiederum, die Gesichtsbewegungen in Tastatureingaben umwandelt, stellte Intel im August 2015 unter einer sogenannten Open-Source-Lizenz der breiten Öffentlichkeit zur Verfügung. Von dieser guten Tat erhoffte sich der Konzern natürlich umgekehrt die Hilfe der Nutzer bei der Weiterentwicklung seiner Software.

Hawking, ein untypisch alt gewordener ALS-Patient

Dass Hawking fast 45 Jahre lang mit ALS lebte, ist eher untypisch. "In der Regel ist das fortschreiten der Erkrankung ALS durch einen rascheren Verlauf geprägt", sagt dazu Rehatechniker Klaus Brückner vom Forum ALS (www.als-info.at). Viele Patienten erhalten ihre Diagnose oft sehr spät, in diesem Zusammenhang ist ein Verlauf ab der Diagnose von bis zu sieben Jahren üblich. Die Krankheit äußert sich durch muskuläre Schwächen in den Beinen oder in den Armen oder durch Beschwerden beim Schlucken, Atmen und Sprechen. "Daher ist die Versorgung mit Hilfsmitteln sehr unterschiedlich entsprechend dem Verlauf der Erkrankung. Die Wahrnehmung und der Intellekt sind von der Erkrankung nicht eingeschränkt, wie man am Beispiel Hawkings gut sehen kann."

Die Versorgung mit adäquaten technischen Hilfsmitteln sei in Österreich grundsätzlich gegeben. "Allerdings gibt es viele administrative Hürden, die ein Problem darstellen können." Rollstühle und Hilfsmittel erhalten Betroffene durch die jeweilige Sozialversicherung. Bei der Sprachunterstützung ist es extrem unterschiedlich. In Wien etwa ist der Fonds Soziales Wien sehr aktiv und versorgt bei Bedarf mit Sprachcomputern mit Augensteuerung aus einem Art Fundus, auf den ALS-Patienten zugreifen können. Außerhalb Wiens läuft vieles über Spendenaktionen oder die Sozialstellen. Auch das private Forum ALS hilft, wo es kann.

Noch vor Hawkings Sprachcomputer wurde übrigens dessen Stimme entwickelt - ursprünglich für automatische Telefonansagen. Ihr berühmtester Nutzer hat einmal über sie gesagt: "Dieses klare, roboterhafte Artikulieren ist eine Art Markenzeichen geworden. Ich möchte es nicht mehr gegen eine natürlichere Stimme mit britischem Akzent tauschen."