Gold Coast/Wien. Zu ihrem Boxturnier sind Ndzie Tchoyi Christian und Yombo Ulrich gar nicht mehr angetreten. Die beiden Athleten aus Kamerun hätten bei den Commonwealth-Spielen in der australischen Stadt Gold Coast um Medaillen kämpfen sollen. Doch die beiden sind verschwunden. Und sie sind nicht die einzigen. Mit ihnen haben noch drei weitere Boxer und drei Gewichtheber aus Kamerun das Athletendorf verlassen, ohne dass jemand weiß, wo sie hin sind. Die sechs anderen Sportler hatten aber zumindest zuvor ihre Wettkämpfe absolviert.

Damit ist ein Drittel des Teams aus Kamerun untergetaucht. Aber auch Athleten anderer afrikanischer Länder gelten als vermisst: Rätselraten herrscht laut australischen Medienberichten auch über den Verbleib von sieben Sportlern aus Uganda, Ruanda und Sierra Leone.

Die Organisatoren der Spiele beruhigen jedenfalls: "Diese Athleten sind hier in Australien Gäste", sagte David Grevemberg, der Chef der "Commonwealth Games Federation" nach dem Verschwinden der Kameruner. "Sie haben noch gültige Visa, und sie haben das Recht, sich hier frei zu bewegen." Allerdings haben die australischen Behörden auch schon klar gemacht, dass die Sportler mit Inhaftierung und Abschiebung rechen müssen, sollten sie illegal im Land bleiben.

Es ist nicht anzunehmen, dass die Sportler wegen einer ausführlichen Sightseeing-Tour ausgerückt sind. Ian Natherson von der der Organisation "Ready Migration", die Auswanderer nach Australien berät, sagte der Zeitung "ABC", dass sich bereits rund 40 Athleten, großteils aus afrikanischen Ländern, bei ihm gemeldet hätten. Sie wollten wissen, welche Möglichkeiten es für sie gebe, in Australien zu bleiben. Ob darunter auch die verschwundenen Sportler waren, wollte Matherson nicht sagen.

Dass Sportler internationale Großereignisse nutzen, um sich aus ihrer Heimat abzusetzen, kommt immer wieder vor - und war auch schon bei den vorangegangen Commonwealth Games in Glasgow der Fall. Damals haben sieben Rugbyspieler aus Uganda Reißaus genommen. Sie tauchten später in einem Flüchtlingsheim in Cardiff wieder auf, hatten Asyl beantragt und sich einem örtlichen Rugbyteam angeschlossen.

Warum Sportler ihre Heimat verlassen, das hat verschiedne Gründe. Manche wollen Kriegen oder politischer Unterdrückung entfliehen, andere ihre wirtschaftliche Situation verbessern. Und viele Athleten hoffen auf bessere Trainingsbedingungen in einem wohlhabenderen Land.

Die Sportlerflucht hat eine lange Tradition. Auch aus früheren Ostblockstaaten haben Athleten abgesetzt - allein aus der DDR waren es rund 600. Oft war dabei die Flucht spektakulär - der Langstreckenschwimmer Axel Mitbauer kraulte 1969 durch die Ostsee in den Westen.

Falsche Handballer

In den vergangenen Jahren waren es besonders Sportler aus Kuba, die ihrer Heimat den Rücken kehrten. Viele von ihnen haben später in den USA auch Aufenthaltsbewilligungen erhalten. Die kubanische Flucht führte teils zu skurrilen Situationen: Bei den Panamerikanischen Spielen in Toronto 2015 hatte sich die Hälfte des kubanischen Hockey-Teams in die USA abgesetzt. Kuba konnte beim folgenden Match gegen Trinidad und Tobago nur acht statt der notwendigen elf Spieler aufstellen. Das Ergebnis: 13:0 für Trinidad und Tobago.

Und manchmal fliehen auch Sportler, die gar keine Sportler sind: So war eine Handballnationalmannschaft aus Sri Lanka 2004 auf Einladung des TSV Wittislingen in Deutschland zu einem Trainingslager zu Gast. Zunächst fiel auf, wie schlecht die Gäste Handball spielten. Dann waren sie verschwunden. Sie hinterließen Schmutzwäsche und eine Nachricht, dass sie nicht in ihre damals von einem Bürgerkrieg zerrütteten Heimat zurück könnten. Später führten ihre Spuren nach Italien, wo sich einige von ihnen durchzuschlagen versuchten. Schnell stellte sich heraus, dass der Sport für die vermeintlichen Handballer nur Vorwand war, um von der deutschen Botschaft in Colombo ein Visum zu erhalten. Sri Lanka besaß damals gar kein Handballnationalteam.